Katastrophenflug 571: Unvorstellbarer Kampf ums Überleben

Ein Flugzeugabsturz im Jahr 1972 zwingt die Überlebenden zum Kannibalismus. Nur so überstehen sie 72 Tage im Tiefschnee der Anden. Die wahre Geschichte hinter dem Film Die Schneegesellschaft.

Von Parissa DJangi
Veröffentlicht am 6. Feb. 2024, 09:14 MEZ
Dieses Bild zeigt die Überlebenden von Flug 571 im Rumpf des abgestürzten Flugzeugs.

Dieses Bild zeigt die Überlebenden von Flug 571 im Rumpf des abgestürzten Flugzeugs am 22. Dezember 1972, kurz nach dem Eintreffen der Rettungskräfte.

Foto von CSU Archives, Everett Collection, Bridgeman Images

Am 13. Oktober 1972 zerschellte ein Flugzeug der uruguayischen Luftwaffe an einem Berghang der Anden. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich 45 Menschen an Bord von Flug 571. 72 Tage später waren nur noch 16 von ihnen am Leben.

Das Unglück diente einer ganzen Reihe von Filmen, Büchern und Serien als Vorlage. Das jüngste Beispiel ist der Netflix-Film Die Schneegesellschaft, in dem erzählt wird, was sich in den Monaten zwischen Absturz und Rettung an der Unglücksstelle auf dem Berggipfel abspielte.

Die wahre Geschichte von Flug 571 erzählt von Leben und Tod, Katastrophe und Ausdauer. Sie ist die einer Gruppe von Menschen, die sich in einer Extremsituation wiederfanden und taten, was getan werden musste – auch wenn sich die Mittel im Bereich des Unvorstellbaren bewegten.

Der Absturz von Flug 571

Der Charterflug 571 sollte die Mitglieder der Rugby-Mannschaft Old Christian’s Club von Montevideo in Uruguay nach Santiago, Chile bringen. An Bord befanden sich neben den Sportlern auch ihre Betreuer und einige Angehörige sowie ein weiterer Passagier, der in keiner Beziehung zu der Mannschaft stand.

Als sich das Flugzeug seinem Ziel näherte, bat der Kopilot Dante Lagurara den Flughafen Santiago per Funk um Landeerlaubnis. Die Maschine ging in den Sinkflug.

Im Jahr 1972 stürzte Flug 571 in einem abgelegenen Gletscher in der Nähe des Berges El Sosneado in der argentinischen Provinz Mendoza ab. Von den 45 Menschen an Bord des Flugzeugs waren 72 Tage später nur noch 16 am Leben.

Foto von MARIANA SUAREZ, AFP, Getty Image

Doch Lagurara und Pilot Julio César Ferradas hatten die Position des Flugzeugs falsch bestimmt. Als es durch die Wolkendecke flog und sich dem Boden näherte, wartete dort nicht die Landebahn von Santiago, sondern ein abgelegener Gletscher hoch in den Anden. Es kam zu einem katastrophalen Crash, den nur 33 Passagiere überlebten.

Nachdem sie das Wrack des Flugzeugs entweder eigenständig oder mithilfe anderer verlassen hatten, fanden sich die Überlebenden in einer lebensfeindlichen Umgebung wieder. In der eisigen Bergwelt herrschten Temperaturen unterhalb des Gefrierpunkts, die Luft war trocken und dünn, der Schnee meterhoch. Die Überlebenden hatten kaum Proviant, kein Verbandszeug, keine Medikamente und keine Möglichkeit, sich zu wärmen. Sie mussten mit dem auskommen, was sie hatten: das Wrack wurde ihr Unterschlupf, Gepäckstücke zu schützenden Wänden, die Bezüge der Flugzeugsitze zu Decken – und die Leichen der anderen zu Nahrung.

Überleben mit allen Mitteln

Zwar fanden die Überlebenden in dem Wrack eine kleine Menge Nahrungsmittel – darunter Süßigkeiten, Marmelade und Wein – doch dieser Vorrat reichte nicht lang. Die extreme Kälte und der Hunger forderten ihren Tribut. Die Toten begannen sich zu stapeln. Innerhalb von zehn Tagen starben sechs weitere Menschen – und die, die noch am Leben waren, wurden immer schwächer.

Der Schluss, zu dem sie kamen, war so radikal wie unausweichlich: Wenn sie nicht selbst sterben wollten, mussten sie die Toten essen.

„Ich werde nie den ersten Schnitt vergessen, als jeder von uns auf diesem endlosen Berggipfel allein mit seinem Gewissen war, an einem Tag, der kälter und grauer war als jeder andere zuvor“, schreibt der Überlebende Roberto Canessa in seinen Memoiren. „Wir waren zu viert, jeder von uns hatte entweder eine Rasierklinge oder eine Glasscherbe in der Hand. Damit schnitten wir vorsichtig die Kleidung von einem Körper, in dessen Gesicht zu blicken keiner von uns über sich brachte.“

Flug 571 stürzte in einem abgelegenen Teil der Anden an der argentinischen Grenze zu Chile ab. Dieses Bild zeigt Angehörige der Passagiere, die dabei ums Leben kamen, auf einem Ritt zur Absturzstelle.

Foto von MARIANA SUAREZ, AFP, Getty Images

Warten auf den Tod?

Am Nachmittag des 29. Oktobers, geschah eine weitere Katastrophe. Die Überlebenden befanden sich alle im Unterschlupf, als unter lautem Getöse eine riesige Lawine vom Berg abging. Die Schneemassen begruben das Flugzeug unter sich, acht Menschen starben.

„In diesem Moment war ich kurz davor, aufzugeben“, so Canessa in einem Interview, das er National Geographic im Jahr 2016 gab. „Aber dann sagte einer zu mir: ‚Roberto, was für ein Glück, dass du noch laufen kannst – für uns anderen.‘ Das weckte das Heldentum in mir. Seine Beine waren gebrochen, meine waren unversehrt. Mir wurde klar, dass es meine Mission war, mich nicht auf mich selbst zu konzentrieren, sondern auf das, was für die Gruppe das Beste war.“

Anfang Dezember waren nur noch 16 Personen am Leben. Sie mussten sich entscheiden: Sollten sie bleiben und auf den Tod warten oder etwas unternehmen?

Die Rettungsmission

Drei der jungen Männer – Canessa, Nando Parrado und Antonio Vizintín – beschlossen, einen Rettungsversuch zu starten, den Berg zu erklimmen und auf der anderen Seite Hilfe zu holen. Die Vorbereitungen auf das Unterfangen dauerten mehrere Wochen.

Nach über einer Woche treffen zwei Mitglieder der Rettungsmission auf einen Hirten. Sie befestigen diesen Zettel an einem Stein, den sie ihm über einen Bach hinweg zuwerfen. Darauf steht: „Ich komme aus einem Flugzeug, das in den Bergen abgestürzt ist. Ich bin Uruguayer. Wir sind seit etwa zehn Tagen zu Fuß unterwegs. Vierzehn andere sind noch im Flugzeug. Auch sie sind verletzt. Sie haben nichts zu essen und können nicht weg. Wir können nicht mehr weitergehen. Bitte kommt und holt uns.“

Foto von Bettmann, Getty Images

Am 12. Dezember brachen sie auf. Drei Tage später kehrte Vizintín allein ins Camp zurück, denn der Mission stand nur eine kleine Menge Proviant zur Verfügung. Die Erfolgschancen erschienen höher, wenn diese nur für zwei Personen reichen musste.

Am 20. Dezember erblickten Canessa und Parrado einen chilenischen Hirten namens Sergio Catalán Martínez und informierten ihn über ihre Lage. Einen Tag später kehrte Martinez mit einer Gruppe von Helfern zu Canessa und Parrado zurück, die sie zu den 14 anderen Überlebenden führten, die bis dahin am Flugzeug ausgeharrt hatten.

Nachdem sie 72 Tage lang in den Anden verschollen waren, waren sie endlich in Sicherheit.

Einmal Hölle und zurück

Die Nachricht des sogenannten „Andenwunders“ verbreitete sich schnell in der ganzen Welt. Doch die Erleichterung über die Rettung der Überlebenden wich schnell dem Entsetzen darüber, dass sie Menschenfleisch gegessen hatten.

Links: Offiziere der chilenischen Armee eskortieren den uruguayischen Rugbyspieler Fernando Parrado (Mitte), der sich gemeinsam mit Roberto Canessa auf die Suche nach Hilfe gemacht hatte.

Rechts: Der Überlebende Carlos Paez wird von seinem Vater umarmt.

Foto von Bettmann Archive, Getty Images

„Man kann sich nicht für etwas schuldig fühlen, zu dem man gezwungen wurde“, verteidigte Canessa sich und die anderen im Jahr 1978 in einem Interview mit der Washington Post.

Trotzdem verfolgte die Erinnerung an ihren Kannibalismus die Überlebenden über Jahrzehnte. In seinen Memoiren schreibt Canessa: „Für uns stellte dieser Schritt eine endgültige Zäsur dar, deren Konsequenzen unumkehrbar waren. Danach war nichts mehr so wie vorher.“

16 junge Männer schafften es, die Absturzstelle lebend zu verlassen. Die Überreste derer, die starben, wurden nie aus den Anden geborgen. Sie liegen in der Nähe des Orts, an dem sie den Tod fanden, begraben.

 Die Opfer der Flugkatastrophe, die beim Absturz und in den darauffolgenden 72 Tagen ihr Leben verloren, wurden in der Nähe der Absturzstelle beigesetzt. Ein Kreuz markiert die Grabstätte.

Foto von MARIANA SUAREZ, AFP, Getty Images

Die tragische Geschichte von Flug 571 hätte als trauriges Geheimnis enden können, mit der unbeantworteten Frage, was mit den Menschen geschah, die in den Anden verschwanden. Doch indem sie sich selbst retteten, schrieben die Überlebenden ihre eigene Geschichte neu.

Dieser Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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