20 tote Kelten unter Schweizer Brücke: Massenunglück oder Opferritual?

Der Fund von 2.100 Jahre alten Knochen in einem Flussbett in der Schweiz gibt Archäologen Rätsel auf. Starben die Menschen, weil eine Brücke zusammenbrach oder diente der Platz am Fluss den Kelten als Opferstätte?

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 21. Juni 2024, 09:57 MESZ
Illustration einer Holzbrücke über einem Fluss.

An diesem Ort überquerten vor 2.100 Jahren Kelten den Schweizer Fluss Zihl – bis die Brücke eines Tages zusammenbrach.

Foto von Museum Laténium, Hauterive / Patrick Röschli

Vor über 2.100 Jahren führte über den Schweizer Fluss Zihl, nahe der Gemeinde Cornaux, eine Holzbrücke. Gebaut hatten sie die dort angesiedelten Kelten. Auf der etwa 90 Meter langen Überführung herrschte reger Verkehr – bis sie eines Tages zusammenbrach und 20 Menschen in den Tod riss. Das zumindest ist eine Interpretation der Funde, die Archäolog*innen in den Sechzigerjahren an dieser Stelle im Flussbett machten: Skelettale Überreste von 20 Kelten, inmitten von Holzpfählen und Brettern der einstigen Brücke.

Ein internationales Forschungsteam hat die Funde von damals nun erneut untersucht und im Rahmen einer Studie die beiden gängigsten Hypothesen dazu geprüft. Neben der Unfall-Theorie ist die zweite: Der Platz am Flussbett diente den Kelten als Opferstätte.

Archäologische Indizien

Für das plötzliche Brückenunglück spricht, dass die Überreste der Menschen extrem gut erhalten sind. Bei fünf Individuen waren im Schädel sogar noch Reste des Gehirns enthalten, was zeigt, dass die Opfer innerhalb kürzester Zeit unter Sedimenten begraben wurden. Außerdem waren einige der menschlichen Überreste bei ihrem Auffinden mit Teilen der Brücke geradezu verfangen. Auch dieser Umstand weist auf ein plötzliches Unglück hin.

Eindeutig ist der Fall aber nicht. Denn die Menschen, die auf der Brücke umkamen, sind laut DNA-Analysen des Studienteams in Bezug auf Alter und Geschlecht außergewöhnlich homogen. Unter den Opfern sind drei Kinder und 17 junge Erwachsene, darunter vermutlich 15 junge Männer. Das bedeutet laut den Forschenden: Entweder lief gerade eine Gruppe junger Soldaten oder Händler über die Brücke, als sie zusammenbrach, oder die jungen Männer waren Sklaven und wurden im Zuge von Opferritualen an dieser Stelle begraben. 

Für die zweite Hypothese spricht, dass an der Fundstelle eine gefaltete Schwertscheide entdeckt wurde. Von den Kelten ist bekannt, dass sie in Ritualen auch Waffen „opferten“ und diese Opfergaben nachweislich oft am oder im Wasser platzierten. So möglicherweise auch in diesem Fall. Zusätzlich sind die Ergebnisse der Radiokarbondatierungen der Knochen nicht eindeutig. Ihnen zufolge starben die Todesopfer möglicherweise nicht gleichzeitig, sondern verteilt über das 3., 2. und 1. Jahrhundert v. Chr.

Opferstätte, Unglücksort – oder beides?

Marco Milella von der Universität Bern, Co-Leiter des Projekts, vermutet, dass beide Thesen zutreffen könnten: Es könnte demnach zwar ein Unglück gegeben haben, aber nicht alle 20 Menschen starben dabei. „Bei Berücksichtigung all dieser verschiedenen Elemente lässt sich vermuten, dass sich in Cornaux ein heftiges, schnelles Unglück ereignet hat“, sagt er. „Doch die Brücke könnte vorher bereits eine Opferstätte gewesen sein.“ 

Eine sichere Erkenntnis kann die Studie trotzdem liefern: Die Analysen der Knochen zeigen, dass die genetische Vielfalt der Kelten an diesem Ort in der Schweiz recht hoch war. Das heißt, zwischen den keltischen Völkern herrschte eine hohe Mobilität. Die keltischen Stämme in der Schweiz lebten demnach nicht versteckt in den Bergen, sondern, so Albert Zink, Anthropologe am italienischen Forschungszentrum Eurac Research, an einem „pulsierenden Dreh- und Angelpunkt im Herzen Europas.“

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