Fandom: Wie verrückt sind Fans wirklich?

Fans scheinen manchmal mit ihrer Begeisterung für eine Sache zu übertreiben. Warum leidenschaftliche Anhänger oft als „verrückt“ und „übertrieben“ gelten und welche Rolle Geschlechterstereotype dabei spielen.

Von Sarah Langer
Veröffentlicht am 10. Juli 2024, 12:14 MESZ
Fandom: Wie verrückt sind Fans wirklich?

Fans auf dem Weg zu einem Konzert von Taylor Swift

Foto von Adobe Stock- Alexey Fedorenko

Fußball oder Formel 1, Beatles oder Taylor Swift: Menschen sind von allerlei Dingen fasziniert. Sie reisen ihren Idolen oder Lieblingsvereinen von Stadt zu Stadt nach, bauen eine Bindung zu ihrem „Star“ auf, wissen über Fakten aus dessen Berufs- wie Privatleben Bescheid – obwohl sie keinerlei persönliche Beziehung zu ihm haben.

Wie entsteht diese Faszination für eine Person, die man persönlich gar nicht kennt – und spielt das Geschlecht dabei eine Rolle? Professorin Dr. Barbara Hornberger (Bergische Universität Wuppertal) weiß, dass es mehr braucht als eine interessante Persönlichkeit, um Fans für sich zu gewinnen „Wenn eine Person berühmt wird, spielen passen viele Dinge zusammen: Zuerst einmal muss für Stardom oder Fandom die Leistung stimmen. Daneben spielt die mediale Darstellung eine wichtige Rolle. Wobei die Ausformung der Darstellung wiederum viel mit der Fangemeinschaft zu tun hat“. Es gehe hierbei also um ein Wechselspiel zwischen Star und Fans. Ohne Fans gäbe es keinen Hype um den Star, ohne den Star keine Fans. 

Persönlichkeiten verkörpern Weltansichten

Berühmte Persönlichkeiten können dabei verschiedene Dinge, verschiedene Weltansichten verkörpern. „Es gibt zum Beispiel Jürgen Klopp, der sicherlich eine besonders nahbare Person darstellt. Dass er sehr reich ist und finanziell in einer ganz anderen Dimension als seine Fans spielt, blenden sie einfach aus.“ Oliver Kahn dagegen werde eher als „Gewinnertyp“ wahrgenommen; beide würden jedoch eine Form von Normalität darstellen, die Menschen anziehe. Von unerreichbar wirkenden Personen gehe eine besondere Form der Anziehung aus, die fast schon etwas Mysteriöses habe. 

Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe spielt eine große Rolle für die Fans

Die US-amerikanische Sängerin Taylor Swift zeige laut der Expertin eine besondere Nahbarkeit auf persönlicher Ebene – es wirke, als sei sie eine Freundin und verstehe ihre Fans. Durch ihre Texte – über Liebeskummer und das Erwachsenwerden – greift sie Themen auf, die auf Verständnis stoßen. „Dass Swift ihre Fans wirklich versteht, kann man ja bezweifeln, die Lebensweisen sind dafür viel zu unterschiedlich. Aber das ist egal, wenn die Leute das starke Gefühl haben, dass das, was Swift sagt und singt, ihrem Denken und Fühlen entspricht“, erklärt Dr. Hornberger. 

Neben dem Gefühl verstanden zu werden, spielt auch der Wunsch der Menschheit, Teil einer Gruppe zu sein bei Faktum eine große Rolle. So eine Zugehörigkeit und Gemeinschaftserfahrung funktioniert in Fußballstadien wie auch Konzerthallen. Menschen suchen immer nach Gemeinsamkeiten mit anderen, durch soziale Medien würden diese Gemeinsamkeiten von überall ausgelebt werden können, was das „Wir-Gefühl“ noch weiter anheize. Dieses Gefühl des Zusammenhalts ist so groß, dass eine Kirche in Heidelberg im Gottesdienst auf Taylor Swift Musik setzt – und siehe da: Der Andrang ist riesig, die Kirche voll. Auch die US-Wahlen im Herbst 2024 soll Swift, laut Experten, beeinflussen können. Ihre Macht als Idol scheint grenzenlos zu sein. 

Ein ausverkauftes Taylor Swift Konzert im Wembley Stadion - allein 2024 spielt sie dort ganze acht Shows. 

Foto von Adobe Stock- Alexey Fedorenko

Idealisierung nur bei Distanz möglich

Allerdings braucht es eine gewisse Distanz zu dem Idol oder Star, um das Konstrukt aufrechterhalten zu können. Die Faszination ist keinesfalls auf nahestehende Menschen übertragbar. „Eine reale Person kann gar nicht so idealisiert werden, wie eine fremde. Egal, wie gut man eine berühmte Persönlichkeit zu kennen glaubt, man nimmt doch nur bestimmte Facetten von ihr wahr. Ein realer Charakter besteht jedoch aus viel mehr Einzelteilen“, so Dr. Hornberger. 

Der Kulturwissenschaftler Thomas Macho erklärt in einem Interview ähnliches: „Ein Star wird durch Bewunderung geboren, er ist nicht greifbar. Man kann ihn nicht imitieren. Das schützt übrigens vor den Nachteilen der Idealisierung. Am Star kann ich akzeptieren, dass er bizarre sexuelle oder alkoholische Vorlieben hat.“ Dies unterscheide ihn laut Macho von einem Vorbild. 

Umstrittene Idole: Warum sehen Fans über vieles hinweg?

Manche bizarre Vorlieben macht einen Star zu einem sogenannten „Anti-Star“, der für „das Verletzen von Regeln“ steht und „ein bisschen provokanter, manchmal auch einfach tabuloser als andere“ ist, erklärt Dr. Hornberger. Solch ein Image prägte auch die Band Rammstein: Schon vor den Missbrauchsvorwürfen gegen Frontsänger Till Lindemann im Jahr 2023 war die Band für ihre Provokationen bekannt. Frauenfeindliche Texte, Gewalt und Macht. Und auch nach dem Jahr 2023, in dem fortlaufend weitere Vorwürfe gegen Rammstein, Till Lindemann und auch Keyboarder Christian Flake geäußert wurden, sind viele Fans der Band treu ergeben, was die meist ausverkauften Shows der Tour im selben Jahr belegen. 

Auch gegen den King of Pop Michael Jackson gab es Vorwürfe, hier wegen Kindesmissbrauchs. Dr. Barbara Hornberger weiß: „Als Fan hat man in so einen Fall verschiedene Optionen: Man kann sich wegen der Vorwürfe gegen die reale Person von dem Star abwenden, man kann versuchen zwischen Künstler und Werk zu trennen oder man weiß zwar von den Vorwürfen, ignoriert sie aber oder hält sie für unberechtigt.“ Viele Fans von Rammstein scheinen sich für Option 3 entschieden zu haben, da „für sie die Me Too-Bewegung keine weitere Bedeutung habe“, wie der Tagesspiegel schreibt. 

BELIEBT

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    Auch die Beatles waren eine Boyband – sie haben es jedoch geschafft, auch von Männern vergöttert zu werden.

    Foto von Chrisdorney-Adobe-Stock

    Welche negativen Folgen hat Fandom für Fans?

    Eine solch starke Verbindung mit einem weit entfernten Menschen – können dabei negative Folgen für den Fan entstehen? Professorin Dr. Hornberger gibt Entwarnung: In den meisten Fällen sei das Fan-Dasein absolut harmlos, denn die Menschen wüssten um den Unterschied ihres realen Lebens und dem „Fan-Sein“. Jedoch könne auch hier, wie in allen Bereichen des Lebens, eine Art Sucht entstehen, erklärt die Musikwissenschaftlerin. „Manche Menschen haben grundsätzlich eine Suchtdisposition, deshalb kann Sucht eigentlich überall auftauchen. Das kann ein Videospiel sein, Alkohol oder eben die Obsession mit einer bestimmten Person.“ Gehe man jedoch vom Normalfall aus, seien Fans einfach nur fasziniert von einer Person, ihrer Leistung und ihrer Persönlichkeit – und die meisten Künstler*innen seien auch nicht so gesellschaftlich umstritten wie das Beispiel Rammstein.

    Trotzdem gelten viele Fans, vorrangig weibliche, als „verrückt“. „Oftmals werden hier gar nicht nur die Fans abgewertet, sondern auch die Leistung der (weiblichen) Künstlerin. Dann ist es zum Beispiel cool, Beatles-Fan zu sein, aber irgendwie negativ behaftet, als Fan hinter Taylor Swift zu stehen. Musik für Frauen von Frauen wird oft weniger wertgeschätzt als die von männlichen Künstlern“, so Hornberger. Dieser geringere Stellenwert käme nicht von irgendwoher, schließlich seien viele Kritiker*innen der Musikpresse laut Hornberger männlich und würden weibliche Popmusik nicht als wertvoll ansehen. Selbst manche Künstler*innen, die in den oberen Rängen der Charts vertreten sind, werden eher „naserümpfend“ wahrgenommen. Diese Wahrnehmung übertrage sich dann auch auf die Fans. 

    Fußballfans gelten als „leidenschaftlich“, während Taylor Swift Fans als „hysterisch“ bezeichnet werden

    Foto von Unsplash-Sebastian Pociecha

    Schon weibliche Fans der Beatles oder von Elvis Presley wurden als „hysterisch“ bezeichnet. Dass sich das Wort „hysterisch“ vom griechischen Wort „hystera“ für „Gebärmutter“ ableitet, ist demnach nicht sonderlich verwunderlich; schon seit der Antike gilt die Hysterie als „Frauenkrankheit“. Sie hatte das Ziel, das weibliche Geschlecht zu kontrollieren. Dieses Bild wird auch heute noch verwendet, nicht zuletzt im Fandom. So wurde das „Bieber-Fieber“ für den Künstler Justin Bieber als extrem infektiöse Krankheit verspottet, Fans von Leonardo DiCaprio wurden 1998 als „hormonell aufgeladen“ betitelt. Männliche Fußballfans gelten jedoch als leidenschaftlich, wenn sie alle Tore ihres Lieblingsspielers minutengenau vortragen können.

    In ihrem Buch „Fangirls: Scenes From Modern Music Culture“ untersucht die Journalistin Hannah Ewens, wieso weibliche Fans so oft verhöhnt werden, obwohl sie die Musikindustrie mitbestimmen und formen, sogar den Ticketverkauf „Ticketmaster“ zum kurzzeitigen Zusammenbruch bringen können. Weibliche Fans werden immer wieder als labil und unzurechnungsfähig beschrieben – Charaktereigenschaften, die grundsätzlich eher als „weiblich“ gelten. Dass es mehr männliche als weibliche Promi-Stalker*innen gibt, wird oft nicht thematisiert. Fraglich ist, wann Künstler*innen mit vorrangig weiblichem Publikum wie Taylor Swift, Harry Styles oder Justin Bieber es schaffen, gleichgestellt zu werden mit The Beatles und Elvis Presley - rein technisch zumindest hätte Swift den King of Rock’n’Roll als Solokünstlerin überholt und seinen Rekord der Albumcharts gebrochen. Wären da nur nicht die weiblichen Fans …

    Cover National Geographic 7/24

    Foto von National Geographic

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