Geschichte und Kultur

Das Pharao-Projekt

Die Arbeit des Balsamierers erforderte starke Nerven.

Von Siebo Heinken
Bilder Von Kenneth Garrett

Diese Arbeit erforderte starke Nerven. Zuerst erweiterte der Balsamierer mit einer Klinge das Nasenloch des Toten und durchstieß das Siebbein zwischen Nasen- und Augenhöhle. Mit einem Haken entfernte er das als überflüssig betrachtete Gehirn und führte eine Lösung ein, die das restliche Gewebe auflösen sollte. Dann war der Bauchraum dran: Mit einem Steinmesser wurde er an der linken Unterseite aufgeschnitten, um alle Organe bis auf das Herz - das Lebenszentrum - zu entnehmen; Lunge, Magen, Darm und Leber wurden eigens behandelt und in Gefäße gelegt, um sie ins Jenseits mitgeben zu können. Danach wurde der Leichnam gewaschen, mit Natron und Salz getrocknet und schließlich einbalsamiert - mit Harzen gefüllt, mit Leinenpäckchen oder Sägespänen ausgepolstert, mit Stoffen umwickelt und oft mit Reichtümern versehen. 70 Tage dauerte diese Prozedur, bevor der Tote endlich bestattet werden konnte - mit einem auf Dauer kompletten Körper. Denn das war eine wesentliche Voraussetzung für den Aufenthalt im Reich der Toten.

Fast 3000 Jahre lang verwendeten die alten Ägypter viel Mühe darauf, ihre Verstorbenen - meist Mitglieder des Königshauses und der Oberschicht - zu präparieren. Diese stummen Zeugen der vergangenen Hochkultur verraten den Forschern dennoch viel über Leben und Sterben am Nil. Einer, der genau hinsieht, ist der Epidemologe DeWolfe Miller von der Universität Hawaii. Seit mehr als einem Jahr arbeitet er im Ägyptischen Museum von Kairo, um in Erfahrung zu bringen, wie viele Mumien es dort eigentlich gibt. "Das ist eine spannende Expedition", erzählt er. "Vom Dachboden bis zum Keller habe ich alle Särge geöffnet." Mehr als 300 Mumien sind schon dokumentiert worden. Miller arbeitet schon seit mehr als zwei Jahrzehnten in Ägypten - weniger in der Archäologie denn als Mediziner und Fachmann für die in den Tropen und Subtropen verbreitete Bilharziose, eine durch Würmer übertragene Infektionskrankheit. Über seine Kontakte zu Zahi Hawass, den Direktor der Ägyptischen Altertümerverwaltung, kam er an das Ägyptische Mumienprojekt: In den kommenden fünf Jahren sollen die bekannten Mumien in Ägypten erfasst und mit dem Computertomografen geröntgt werden. Durch diese Reihenuntersuchung der Pharaonen, Mitglieder der königlichen Familien und der Oberschicht, aber auch gewöhnlicher Menschen wollen die Forscher systematisch erkunden, wie die Menschen einst in diesem Land lebten, wie und wovon sie sich ernährten, unter welchen Krankheiten und Verletzungen sie litten, woran sie starben.

Die sorgfältige Arbeit der Balsamierer vor einigen tausend Jahren ermöglicht den Forschern einen einzigartigen Blick in die Vergangenheit - und modernste Medizintechnik gibt ihnen einen Zugang, wie er vor wenigen Jahren noch nicht denkbar war. Ein Computertomograf, den die National Geographic Society und Siemens der Ägyptischen Altertümerverwaltung spendeten, ermöglicht es, das Innere der Mumien zu untersuchen, ohne sie zu beschädigen. Ausgestattet wurde das in einem Anhänger montierte Gerät von Siemens Medical Solutions in Forchheim bei Nürnberg. Dort holt der gebürtige Amerikaner Chad DeGraaf Bilder von Tutanchamun auf den Bildschirm; seine Mumie gehörte zu den ersten, die untersucht wurden (siehe "Tod am Nil", Juli-Heft 2005 von NATIONAL GEOGRAPHIC DEUTSCHLAND). DeGraaf bewegt die Maus, und wie mit einem winzigen Flugzeug gehen wir auf eine phantastische Reise durch den Kopf des Königs, vorbei an einem Knochensplitter, die Halswirbelsäule hinab und zurück nach oben. Deutlich ist das Loch an der Nasenwurzel zu erkennen, durch das die Balsamierer das Gehirn entfernten. Im Spätherbst des vergangenen Jahres wurde der Computertomograf am Ägyptischen Museum in Kairo zunächst richtig eingestellt. Als "Testpersonen" dienten die nackten Mumien von zwei Kindern und - in ihrer Stoffhülle - die Überreste einer Frau. "Wir hatten keine Vorstellung davon, was uns erwarten würde", berichtet DeGraaf. Nachdem der Tomograf die Mumie innerhalb von nur wenigen Minuten spiralförmig Schicht für Schicht durchleuchtet und der Computer die dreidimensionale Aufnahme errechnet hatte, staunten die Beteiligten.

DeGraaf lächelt: "Was wir in der Hülle fanden, erinnerte mich an einen Sack voller Knochen, den man kräftig durchgeschüttelt hatte." In Südägypten wurden Tutanchamun und fünf weitere Mumien geröntgt. Nächste Station des Projekts wird die Oase Bahariya in der Libyschen Wüste sein. Dort stießen die Archäologen vor neun Jahren durch Zufall auf einen riesigen Friedhof, als ein Tempelwächter mit seinem Esel einbrach - und in ein Grab blickte (siehe Oktober-Heft 1999). Inzwischen haben die Forscher hier, im "Tal der Mumien", 234 Überreste von Männern, Frauen und Kindern aus der griechisch-römischen Zeit in Ägypten ausgegraben, doch Hawass vermutet, dass mehr als 10 000 Menschen an diesem Ort bestattet liegen, wenige in Särgen, manche in Gräbern gestapelt, die nur für eine Person gedacht waren. "Wir haben vor einiger Zeit schon mehrere dieser Toten geröntgt", sagt der Leiter des gesamten Projekts. "Bei einem Kind fanden wir ein goldenes Amulett, bei einer alten Frau erkannten wir starke Zahnprobleme. Uns wurde klar, dass die Untersuchung aller Mumien ein ganz neues Fenster in die antike Welt öffnen würde."

(NG, Heft 7 / 2005)

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