Geschichte und Kultur

Die Erfindung der Kunst

Was wir heute sind, verdanken wir weder Faustkeil noch Feuer. Was uns wirklich zu denkenden Menschen machte, war die Kunst.

Von Chip Walter
Bilder Von Stephen Alvarez
Die Erfindung der Kunst

Wir steigen in einen riesigen Rachen aus Stein. Die Decke der Höhle Chauvet-Pont-d’Arc senkt sich, die Höhlenwände rücken zusammen. Dann, plötzlich, stehen wir in einem weiten Saal, wie im Bauch Tieres. Hier sind sie: die Höhlenlöwen.

Und die Wollnashörner, die Mammuts und die Bisons, eine Menagerie uralter Kreaturen, die lautlos fliehen, kämpfen, sich beschleichen. Außerhalb der Höhle, in der realen Welt, gibt es sie nicht mehr. Aber hier ist nicht die reale Welt. Hier auf den schattigen und gefurchten Wänden leben sie noch.

In einer Zeit, die so unvorstellbar anders ist als unsere, vor etwa 36.000 Jahren, lief jemand vom Eingang der Höhle im heutigen Frankreich hinab bis in den Saal und fing an, im flackernden Feuerschein auf die nackten Felswände zu zeichnen: Profile von Höhlenlöwen, Nashorn- und Mammutherden.

Video: The Dawn of Art - Eindrücke aus der Chauvet-Höhle

https://www.youtube.com/embed/wZrZxyRBAlM

Weit entfernt, im heutigen Südafrika fanden Forscher fein geschnitzte Werkzeuge aus Knochen. Sie wurden vor 100.000 Jahren geschaffen. Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass die Bewohner systematisch Ocker zu feinem Pulver zermahlten, um eine Paste herzustellen. Diese Farbe könnte zur Verzierung von Körpern, Gesichtern, Werkzeugen oder Kleidung gedient haben.

Diese ersten Zeugnisse symbolhaften Denkens stehen für etwas Großes. Sie stehen für den Sprung von unserer animalischen Vergangenheit hin zu dem, was wir heute sind: eine Art, die sich mithilfe von Symbolen verständigt und in deren Alltag es davon nur so wimmelt, von Straßenschildern über den Ehering am Finger bis zu den Icons auf dem Smartphone.

(NG, Heft 1 / 2015, Seite(n) 46 bis 71)

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