Geschichte und Kultur

Venedig sehen ... und sterben lassen?

Nirgendwo in Italien werden Konflikte schöner in Szene gesetzt als in Venedig. Wie ein Trugbild schimmert die Stadt irgendwo zwischen Land und Meer in ihrer Lagune am Rande der Adria. Seit Jahrhunderten droht sie im Hochwasser zu versinken.

Von Cathy Newman
Bilder Von Jodi Cobb

Nirgendwo in Italien werden Konflikte schöner in Szene gesetzt als in Venedig. Die Stadt wirkt, als wüsste sie nicht, ob sie an Land liegt oder im Meer; wie ein Trugbild schimmert sie irgendwo dazwischen in ihrer Lagune am Rande der Adria. Seit Jahrhunderten droht sie in der acqua alta zu versinken, jenem wiederkehrenden Hochwasser, an dem der steigende Meeresspiegel ebenso viel Anteil hat wie die in den Grund sackenden Fundamente. Aber Venedigs wahres Problem liegt woanders.

Die Flut von Touristen erreicht zum Karneval ihren Höhepunkt. Sie strömen von der Mole an die Piazzetta San Marco in die Stadt, wo Souvenirstände bereits viele alteingesessene Geschäfte verdrängt haben.

Man frage nur Massimo Cacciari, den Bürgermeister, einen grüblerischen Philosophieprofessor mit gelegentlich aufbrausendem Temperament, der fließend Deutsch, Latein und Altgriechisch spricht, der Sophokles‘ „Antigone“ übersetzt hat. Man frage diesen Mann von weitreichendem politischen Intellekt nach der acqua alta und dem absackenden Venedig und bekommt zu hören: „Da braucht man eben die richtigen Schuhe.“ Sollen sie doch Gummistiefel anziehen! Doch Gummistiefel schützen nicht vor jener Überschwemmung, die für so viel mehr Verzweiflung sorgt als das regelmäßige Hochwasser in der Lagune: die Flut der Touristen. 2007 hatte Venedig 60000 Einwohner. Und 21 Millionen Besucher. Im Mai 2008 etwa fielen an einem verlängerten Wochenende 80000 Touristen in die Stadt ein wie Heuschrecken im biblischen Ägypten.

Die Parkplätze im Ortsteil Mestre auf dem Festland, wo Besucher ihre Autos abstellen und mit dem Bus oder Zug hinüber ins historische Zentrum fahren, waren komplett belegt und wurden geschlossen. All jene, die es nach Venedig geschafft hatten, schoben sich dichtgedrängt durch die Gassen, kauften die Pizzastände und Eisdielen leer und hinterließen Papierfetzen und Plastikflaschen. Venedig wird auch La Serenissima („Die Allerdurchlauchtigste“) genannt, aber diese Bezeichnung ist hinfällig geworden. Die Stadt ist ein kunstvoll verziertes Taufbecken, in das die Welt plump hineinpatscht, den Reiseführer vor der Nase und mit Zahnbürste, festem Schuhwerk sowie vielen verklärten Erwartungen im Gepäck. Die Einheimischen aber werden vom Touristenstrom einfach aus der Lagune fortgespült. Er ist zwar nicht die einzige Ursache für den sich beschleunigenden Exodus, aber eine Frage legt sich angesichts steigender Besucherzahlen wie ein trüber Schleier über die Stadt: Wer wird der letzte Venezianer sein?

Junge Venezianer treffen sich im Bistrot Ai Do Draghi am Campo Santa Margherita.

„Venedig ist eine so wunderbare Stadt“, sagt der Direktor einer Kulturstiftung. Von seinem Fenster aus geht der Blick über das Hafenbecken von San Marco - mit seiner endlosen Parade von Motorbooten, Gondeln und Vaporetti, die den öffentlichen Nahverkehr bewältigen. Diese Aussicht öffnet sich schließlich zum Markusplatz, der Piazza San Marco, dem Nabel der Touristenwelt von Venedig. „Diese Stadt ist eigentlich ein einziges Theater. Wenn Sie das Geld dafür haben, können Sie eine Wohnung in einem Palazzo aus dem 17. Jahrhundert samt Dienstboten mieten und so tun, als wären Sie ein Aristokrat.“

Also bitte auf die Plätze! In diesem Stück spielt Venedig eine Doppelrolle. Es gibt das Venedig, in dem Menschen leben, und es gibt das Venedig, das die Touristen besuchen. Die Beleuchtung, das Bühnenbild und die Kostüme sind herzerweichend schön, aber die Handlung ist verworren, ihr Ausgang ungewiss. Nur so viel ist sicher: Jeder ist rettungslos in die Hauptdarstellerin verliebt. „Schönheit ist schwierig“, sagt Bürgermeister Cacciari und klingt dabei, als ob er sich eher an ein Doktorandenseminar der Ästhetik richtete als an jemanden, der eine Frage zur Lokalpolitik stellt. Cacciari ist nicht nur für seine Eloquenz berühmt, sondern auch für seine Arroganz. An jenem Tag war seine Stimmung so rabenschwarz wie sein Haar und der üppige Bart. Am Vortag hatte ein Wolkenbruch Mestre unter Wasser gesetzt. Der Regen sei schuld gewesen, nicht die acqua alta, sagt Cacciari in seinem Büro. „MOSE (ein im Bau befindliches Sperrwerk) hätte uns da auch nichts genützt. „Hochwasser ist für mich kein Problem. Nur für euch Ausländer ist es eines.“ Ende der Durchsage zum Thema Überschwemmungen.

Wenn die acqua alta den Markusplatz und andere Teile der Stadt überflutet, ziehen die Einheimischen einfach ihre Gummistiefel an.

Die wahren Schwierigkeiten liegen woanders. Etwa bei den Kosten, Venedig zu erhalten. „Der Staat stellt nicht genug Geld zur Verfügung, um alles zu bezahlen - das Reinigen der Kanäle, die Instandsetzung der Gebäude, das Anheben der Fundamente. All diese Maßnahmen sind sehr teuer.“ Auch die Lebenshaltungskosten: „Man braucht hier dreimal so viel Geld wie in Mogliano, nur 20 Kilometer weiter. Nur die Reichen können sich das Leben in Venedig leisten oder die Älteren, die Häuser geerbt haben. Aber die Jungen? Die haben dafür nicht genug Geld.“ Und schließlich ist da der Besucheransturm. Zu diesem Thema sagt der Philosoph Cacciari: „In Venedig ist kein Platz für romantische Gefühle bei einer Hochzeitsreise. Die Stadt ist ein starker, widersprüchlicher, überwältigender Ort - keine Touristenattraktion. Man kann sie nicht zu einer Postkarte schrumpfen.“

(NG, Heft 8 / 2009)

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