Planet or Plastic?

Nur ein Glas Müll pro Jahr mit Zero Waste

Leerer Mülleimer, erfülltes Leben – darauf schwören die Anhänger der Zero-Waste-Bewegung. Freitag, 25 Januar

Von Stephen Leahy

Man stelle sich einmal 15 Einkaufstüten voller Plastikmüll vor – und zwar auf jedem Meter Küstenlinie unseres Planeten. So viel Plastik landete binnen eines Jahres im Meer. Weltweit werden pro Tag mindestens 3,5 Millionen Tonnen Plastik und anderer fester Müll produziert. Laut den Forschern der Weltbank ist das die Zehnfache Menge dessen, was vor einem Jahrhundert produziert wurde. Die USA stehen an der Spitze dieses Müllberges: Dort werden jedes Jahr 250 Millionen Tonnen produziert – das entspricht etwa zwei Kilogramm Müll pro Person täglich.

Im Angesicht dieser gewaltigen Mengen entscheidet sich eine wachsende Zahl – oft junger – Menschen dazu, ihren Lifestyle radikal zu ändern und der Zero-Waste-Philosophie zu folgen. Der Müll, den sie in einem Jahr produzieren, passt in ein einziges Einmachglas. Das sind keine Möchtegern-Hippies, sondern oft Menschen, die bewusst minimalistisch leben. Ihnen zufolge spart das nicht nur Zeit und Geld, sondern bereichert ihr Leben auch.

Einer dieser Menschen ist Kathryn Kellogg. Sie hat ihr Konsumverhalten so drastisch umgestellt, dass aller Müll aus zwei Jahren, der nicht kompostierbar ist oder recycelt wurde, in ein einziges Einmachglas passt. Derweil erzeugt der durchschnittliche US-Bürger etwa 680 Kilogramm Müll pro Jahr.

„Wir sparen pro Jahr auch etwa 5.000 Dollar ein, indem wir frische statt abgepackte Lebensmittel kaufen, große Mengen kaufen und unsere eigenen Produkte zu Hause herstellen, beispielsweise Putzmittel und Deo“, sagt Kellogg. Sie lebt zusammen mit ihrem Mann in einem kleinen Haus im kalifornischen Vallejo.

Kellogg ist eine Bloggerin, die online Tipps zur Müllvermeidung und Details aus ihrem Zero-Waste-Leben teilt. Innerhalb von drei Jahren gewann sie mehr als 300.000 monatliche Follower auf ihrem Blog goingzerowaste.com und Instagram.

„Ich denke schon, dass die Leute bereit sind, ihren Müll zu reduzieren“, sagt Kellogg. Allerdings will sie nicht, dass sich die Leser darauf fixieren, all ihren Müll in ein Glas zu stopfen. Bei Zero Waste geht es eher darum, Müll einfach so gut es geht zu vermeiden und gute Entscheidungen zu treffen, erklärt sie. „Macht es einfach, so gut ihr könnt, und kauft weniger.“

Eine wachsende Community

Im College begann Kellogg damit, die Liste mit Inhaltsstoffen ihrer Kosmetikprodukte zu lesen, und suchte nach Wegen, potenziell schädliche Chemikalien zu vermeiden. Sie fand Alternativen und begann, ihre eigenen Produkte herzustellen. Genau wie ihre Leser lernte auch Kellogg von anderen, darunter der New Yorkerin Laura Singer, die den beliebten Blog Trash for Tossers betreibt. Singer begann 2012 als Studentin der Umweltwissenschaften damit, weniger Müll zu produzieren. Ihren Zero-Waste-Lifestyle hat sie zum Beruf gemacht und arbeitet als Dozentin, Consultant und Verkäuferin. Sie betreibt zwei Geschäfte, die Menschen dabei unterstützen sollen, ein Leben ohne Müll zu führen.

Es gibt eine aktive Zero-Waste-Community, in denen Menschen Ideen austauschen, über Probleme sprechen und Leute unterstützen, die es mit verständnislosen Freunden oder Familienmitgliedern zu tun haben. „Manche Leute haben Angst, dass man ihnen mit Ablehnung begegnet, wenn sie etwas Neues probieren“, sagt Kellogg. „Aber es ist jetzt nicht gerade radikal, Dreck in der Küche mit einem Stofflappen statt mit einem Stück Küchenrolle wegzuwischen.“

Viele Möglichkeit zur Müllvermeidung waren vor der Ära des Plastiks und der Wegwerfprodukte Normalität: Stoffservietten und -taschentücher, Essig und Wasser zum Putzen, Glas- und Edelstahlbehälter für Essensreste, Einkaufsbeutel aus Stoff. Solche und ähnliche Alternativen produzieren weniger Müll und sind auf lange Sicht billiger.

„Normalität“ hinterfragen

Bei Zero Waste muss man hinterfragen, was als normal gilt, und auch mal unkonventionell denken, sagt Kellogg. Sie erzählt zum Beispiel, dass sie wahnsinnig gern Tortillas isst, aber die Zubereitung hasst. Im Zuge ihrer Zero-Waste-Bemühungen wollte sie aber keine abgepackten Tortillas im Laden kaufen. Schließlich fand sie eine Lösung: Sie kaufte einfach ein paar frisch zubereitete von ihrem mexikanischen Lieblingsrestaurant. Die Mitarbeiter haben ihr die Speisen sogar gern in ihre mitgebrachten Behälter gepackt, da sie so Geld sparten.

„Viele von diesen Möglichkeiten zur Müllvermeidung sind total simpel“, sagt sie. „Und jeder Schritt zur Müllvermeidung ist ein Schritt in die richtige Richtung.“

Rachel Felous aus Cincinnati hat sich im Januar 2017 mit einem einzigen Schritt nicht begnügt und im folgenden Jahr nur eine Tüte Müll produziert. Sie war überrascht, welche Auswirkungen das auf ihr Leben hatte.

„Es war wirklich klasse, mit Zero Waste anzufangen“, sagt sie. „Ich habe eine großartige Community und neue Freunde gefunden und für mich haben sich ganz neue Möglichkeiten ergeben“, so Felous.

Obwohl sie sich schon vorher als umweltbewusste Naturfreundin sah, hatte sie bis zu ihrem Umzug nie wirklich darüber nachgedacht, wie viel Müll sie produzierte. Erst dann fiel ihr auf, wie viel Zeug sich angesammelt hatte, darunter ein halbes Dutzend halbvoller Flaschen Shampoo und Spülung. Kurz nachdem sie einen Artikel über Zero Waste gelesen hatte, schwor sie sich, mehr Verantwortung für ihren eigenen Müll zu übernehmen. Felous teilte ihre Probleme, Erfolge und Schritte auf dem Weg zu weniger Müll auch auf Instagram.

Allein nach Gewicht sind 75 bis 80 Prozent des Haushaltsmülls organische Materie, die kompostiert werden könnte. Da Felous in einer Wohnung wohnt, lagert sie ihren Biomüll im Gefrierschrank. Einmal im Monat bringt sie den gefrorenen Klumpen zum Haus ihrer Eltern, wo ihn ein Farmer aus der Region abholt und entweder an seine Tiere verfüttert oder kompostiert. Wenn der Biomüll auf die Müllhalde käme, würde er vermutlich nicht kompostieren, da dort nicht genügend Luft zirkulieren kann.

Felous, die im Homeoffice als Webdesignerin und Fotografin arbeitet, rät anderen dazu, Zero Waste in kleinen Schritten anzugehen und Geduld mitzubringen. Seinen Lebensstil zu ändern, ist eine Reise und nichts, das einfach über Nacht passiert. Aber es ist die Mühe wert, wie sie findet. „Ich weiß gar nicht, warum ich damit nicht eher angefangen habe.“

Eine ganz normale Familie

Shawn Williamson hat schon vor zehn Jahren angefangen. Während seine Nachbarn in einem Torontoer Vorort an kalten Winterabenden drei, vier Müllsäcke zur Straße schleppen, sitzt er gemütlich im Warmen und schaut sich ein Hockeyspiel an. Williamson, seine Frau und seine Tochter haben in diesen zehn Jahren nur sechs Tüten mit Müll an die Straße gestellt. „Wir führen ein ziemlich normales Leben. Wir haben nur den Müll daraus verbannt“, sagt er.

Im Gegensatz zu weit verbreiteten Vorurteilen ist es gar nicht so viel Arbeit, Müll zu reduzieren, wie er hinzufügt. „Wir kaufen Produkte in großen Mengen, um nicht so oft einkaufen gehen zu müssen. Das spart Zeit und Geld“, sagt Williamson.

Das einzig ungewöhnliche an ihrem kleinen Haus sind die zahlreichen Regale, in denen sie Massen an Reis, Mehl, getrockneten Bohnen, Nüssen, Toilettenpapier und anderen Produkten verstauen – genug, um einen Monat lang nicht einkaufen gehen zu müssen, wie er schätzt. „Es ist aber nicht unordentlich. Ich kann in meiner Garage immer noch parken.“

Williamson ist ein Unternehmensberater, der auf Nachhaltigkeit spezialisiert ist. Sein Ziel ist es einfach, in allen Lebensbereichen weniger verschwenderisch zu sein. „Das ist eine Einstellung – immer nach einer besseren Möglichkeit zu suchen, etwas zu tun. Sobald ich die erst mal gefunden habe, ist es gar nicht so schwer, sie beizubehalten“, erklärt er.

Natürlich ist es hilfreich, dass seine Gemeinde ein gutes Recyclingprogramm für Plastik, Papier und Metall hat und dass sein Garten genügend Platz für zwei Komposter bietet – einen für den Sommer und einen für den Winter. So erhält er außerdem viel gute, fruchtbare Erde für seinen Garten. Ansonsten versucht er beim Einkaufen einfach, Verpackungen zu vermeiden. Denn auch das Wegwerfen kostet Geld: Die Verpackung erhöht den Preis für ein Produkt und dann bezahlt man noch mal Steuern, damit die Verpackung entsorgt oder verwertet wird, wie er sagt.

Wenn man lokal einkauft, ist es oft einfacher, Nahrungsmittel und andere Produkte ohne Verpackung zu erstehen. Wenn sich Verpackung mal gar nicht vermeiden lässt, dann lässt Williamson sie einfach direkt an der Kasse. Viele Läden verwenden sie wieder oder recyceln sie, außerdem vermittelt das auch eine Botschaft: Viele Kunden wollen keine in Plastik verpackten Avocados.

Selbst nach zehn Jahren hat Williamson immer noch neue Ideen, um Müll zu vermeiden. Dabei ist allerdings „Müll“ im weitesten Sinne gemeint – man kann zum Beispiel auf die Anschaffung eines zweiten Autos verzichten, das 95 Prozent der Zeit nur rumsteht. Sein Ratschlag: Jeder soll sich mal genau überlegen, was er in seinem Leben vielleicht verschwendet. „Wenn man das eliminiert, wird man ein viel glücklicheres und profitableres Leben führen“, sagt er.

Fünf Zero-Waste-Prinzipien

1. Refuse: Kauft keine Produkte mit viel Verpackung.

2. Reduce: Kauft nichts, was ihr nicht wirklich braucht.

3. Reuse: Versucht, abgenutzte Dinge wiederzuverwenden (nicht mehr reparierbare Kleidung kann zum Beispiel als Putzlappen dienen), kauft Second Hand und benutzt wiederverwendbare Alternativen (wie Flaschen als Edelstahl oder Glas anstatt Plastik).

4. Compost: Kompostiert euren Biomüll nach Möglichkeit zu Hause. Bis zu 80 Prozent unseres Mülls besteht aus organischer Materie, wird auf Müllhalden aber nur selten zu Kompost.

5. Recycle: Trennt und recycelt allen Müll, der trotzdem anfällt. Elektrogeräte und sonstiger Sondermüll kommen auf den Wertstoffhof.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

 

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