Eine Rettungsmission für das Okavangodelta

Ein ehrgeiziges Expeditionsprojekt, 
gefördert von der National Geographic Society, zeigt, welchen Reichtum an Leben der einzigartige Fluss in Botswana birgt – und welchen Gefahren er ausgeliefert ist.

Published 23. März 2018, 10:07 MEZ, Updated 5. Nov. 2020, 06:20 MEZ
Okavangodelta
Wasser und Land bilden im Okavangodelta komplexe Muster, die
 sich ständig verändern. Auch Elefantenpfade tragen dazu bei: Ausgetrampelte Rinnen füllen sich mit Wasser und werden zu Kanälen.
Bild Cory Richards

Blickte man aus dem Weltraum auf das Okavangodelta, sähe es aus wie eine gigantische Blume, die jemand im Norden Botswanas in die Landschaft gepresst hat. Der Stängel verläuft von der Grenze zu Namibia schräg nach Südosten, die zarten Blütenblätter aus silbrigem Wasser erstrecken sich über 150 Kilometer ins Kalaharibecken. Das Delta ist eines der größten Feuchtgebiete der Erde.

Der Okavango findet nie den Weg zum Meer, im Südosten verliert er sich im Sandmeer der Savanne. Sein Binnendelta, ein gewaltiges Wassernetz aus Kanälen und Lagunen, liegt in einer ansonsten staubtrockenen Region – eine Oase, von der Elefanten, Flusspferde, Krokodile, Afrikanische Wildhunde, Letschwe- und Sitatunga-Antilopen leben, ebenso wie Warzenschweine und Büffel, Löwen und Zebras und eine wundersam vielfältige Vogelwelt. All das kann man vom Weltraum aus nicht sehen. Nicht die Flusspferde an ihren Ruheplätzen und auch nicht die Wildhunde, die im Schatten unter einem Dornengebüsch kauern. Ebenso wenig die freudigen Gesichter von Touristen und Reiseunternehmern. Um all das zu sehen, muss man hierherkommen.

Steve Boyes ist oft am Okavangodelta. Er hat sogar mal fünf Jahre hier gelebt, als er an seiner Doktorarbeit in Zoologie schrieb. Heute hat der leidenschaftliche Umweltschützer eine neue Mission. Dafür brachte er eine Gruppe von Wissenschaftlern, Regierungsvertretern und jungen Abenteurern zusammen, die mit Unterstützung der National Geographic Society ein großartiges Projekt starteten: das Okavango Wilderness Project. Sein Ziel: Daten sammeln, das Gebiet erforschen – und vor allem das Delta retten. „Wir haben dafür nur noch eine Gnadenfrist“, sagt Boyes, nachdem wir einen langen Tag in unseren mokoros, den typischen Kanus der Region, den Fluss entlanggepaddelt sind.

Der Okavango hat ein Problem: Seine Quellen sind bedroht. Die jährlich zehn Milliarden Kubikmeter Wasser des Flusses kommen fast vollständig aus Angola, Botswanas schwierigem Nachbarn. Es fließt aus dem Hochland der regenreichen Landesmitte rasch Richtung Südosten in den Cubango, einen der wichtigsten Abflüsse des Gebiets, und etwas langsamer in einen weiteren Fluss, den beständig wasserliefernden Cuito. Es sammelt sich in Quellseen, tröpfelt langsam durch grasbewachsene Überschwemmungsgebiete und Torflagerstätten, sickert in Nebenarme. An der Südgrenze Angolas treffen Cuito und Cubango aufeinander und bilden einen größeren Fluss, den Okavango. Er strömt durch den Caprivi-Zipfel, eine schmale Ausbuchtung der Grenze im Norden Namibias, und schließlich nach Botswana. Ohne dieses flüssige Geschenk Angolas gäbe es kein Okavangodelta, Botswana wäre ein Land ohne Flusspferde, ohne Sitatungas, ohne Wildhunde, ohne Schreiseeadler. Wäre das südliche Afrika ein riesiger Golfplatz, dann wäre das Okavangodelta bei zugedrehten Wasserhähnen sein Sandloch.

Das ist inzwischen keine Hypothese mehr, sondern ein reales Szenario. Denn Landnutzung, Wasserumleitung, Bevölkerungsdichte und Handel verändern sich in Angolas Südosten, immer mehr rücken die Flüsse Cuito und Cubango in das Zentrum der Aufmerksamkeit, wenn es um den Schutz des Deltas geht. Auch das Team des Okavango Wilderness Project weiß: Die Zukunft des Okavango hängt davon ab, was nebenan in der harschen Landschaft Angolas passiert, dem armen Verwandten des prächtigen Deltas.

Boyes’ Team hat den offiziellen Segen Angolas und internationale Unterstützung bei seinem ehrgeizigen Plan, jeden Kilometer und jeden Nebenarm der Flüsse Cuito und Cubango zu erkunden. Die Forscher wollen einen Überblick über Flora und Fauna gewinnen, die Wasserqualität prüfen und feststellen, ob und wo Menschen an den Ufern wohnen und wie sich deren Präsenz auswirkt. Auf diese Weise wird eine umfangreiche öffentlich zugängliche Datensammlung erstellt, die Aufschluss darüber geben soll, wie das Wasser aus dem Südosten Angolas dem Okavangodelta in Botswana Leben einhaucht.

Projektleiter Steve Boyes (r.) und Filmemacher Neil Gelinas legen eine Pause ein. In mehr als zehn Jahren Feldforschung am Okavango war Boyes schon mit gekenterten Booten, Wildererfallen und Landminen konfrontiert. Ein Angriff von Schmalbienen wie hier ist da eher ein geringes Problem.
Bild Cory Richards

Bislang acht Expeditionen haben Boyes und sein Team unternommen, die erste am 21. Mai 2015. Ein Konvoi aus Landrovern und einem großen russischen Truck verfrachtete das Team und mehrere Tonnen Ausrüstung an einen Quellsee des Cuito. Auch sieben mokoros waren dabei, die Team und Material flussabwärts tragen sollten. Am ersten Tag durchpaddelten die Entdecker den See und mussten schließlich feststellen, dass der Cuito an seinem Abfluss lediglich ein schmaler Wasserlauf war, hüfttief und voll enger Windungen. Unmöglich, ihn mit den sechs Meter langen mokoros zu befahren. Also mussten die Forscher die beladenen Kanus mühsam durchs hohe Gras flussabwärts tragen. Zumindest waren ihre Boote aus Fiberglas, nicht aus schwerem Ebenholz wie die originalen Einbäume der Ureinwohner. Erst nach einer Woche Schleppen und Zerren wurde der Cuito endlich befahrbar.

Zwei Jahre später bin ich mit im Boot, als Boyes’ Team seine neueste Datensammelexpedition unternimmt, diesmal auf dem Cubango. An einem Morgen schaue ich dem jungen Namibier Götz Neef zu, wie er seinen nächtlichen Fang in einer Fischreuse begutachtet: einen Buntbarsch, einen Boxernilhecht, dessen stumpfe Schnauze ihm im Englischen den Beinamen Churchill eingebracht hat, einen Wels und noch weitere Fische – für mich nur seltsame Kreaturen, für Experten aber Datenpunkte der Biogeografie, die später Ichthyologen analysieren. Sie können Aufschluss darüber geben, wie sich die Fischfauna des Cubango von der des Cuito unterscheidet und ob es in den Flüssen einzigartige Spezies und Subspezies gibt.

Andere Experten aus Angola, Südafrika und England unterstützen das Projekt mit Felddatensammlungen von Amphibien, Reptilien, Insekten, Kleinsäugern, Pflanzen. Frösche und Libellen und ihre aquatischen Entwicklungsformen reagieren empfindlich auf Umweltverschmutzung und können Indikatoren für die Veränderung der Wasserqualität sein. Boyes fügt all diese Fakten zu einem Mosaik des Flusssystems zusammen, das dessen biologische und hydrologische Besonderheiten abbildet.

Dieser Artikel wurde gekürzt und bearbeitet. Die ganze Reportage steht in der Ausgabe 4/2018 des National Geographic Magazins. Jetzt ein Magazin-Abo abschließen!

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