Reise und Abenteuer

Ein verlassenes Dorf in den Hügeln von Süditalien

Die Geisterstadt Roghudi Veccio liegt im hügeligen Kalabrien. Sie war einst das Zuhause einer der letzten griechisch sprechenden Gemeinde Italiens. Donnerstag, 17 Mai

Von James Burch

Irgendwie sind es griechische Ruinen.

Allerdings findet man in dem verlassenen Dorf Roghudi Vecchio keinen Tempel des Apollon oder bemalte Urnen, die Szenen sich messender Athleten zeigen.

Die Artefakte hier bestehen aus Pizzaöfen und Colaflaschen.

Dennoch wurde dieser Ort im italienischen Bergmassiv Aspromonte im elften Jahrhundert gegründet. Und die Wurzeln seiner ehemaligen Bewohner reichen vielleicht zurück bis in die Antike.

Diese Region, Kalabrien, ist der Zeh an der Spitze des italienischen Stiefels. Als die Griechen im 8. Jahrhundert v. Chr. mit der Kolonialisierung des Gebietes begannen, war Kalabrien einer ihrer Ausgangspunkte. Bei ihnen trug Kalabrien einen anderen Namen: italoi. Aus diesem wurde über die Zeit Italien.

Jahrhundertelang gelangten womöglich weitere hellenische Immigranten nach Süditalien, die aus den östlichen Mittelmeerregionen vertrieben worden waren. Die Neuankömmlinge haben entweder die Gemeinden einer schwindenden, griechischen Minderheit wiederbelebt oder eine Sprache wiedereingeführt, die hier schon ausgestorben war.

Unglaublich, aber wahr: Selbst heute sprechen noch ein paar Hundert Menschen in Kalabrien griechisch.

Roghudi Nuovo – Neu-Roghudi – ist eins der Dörfer, in denen man den lokalen Dialekt Grekaniko oder italiotisches Griechisch noch hören kann. Es ist eine der Fraktionen von ionischen Küstenorten außerhalb der Stadt Reggio. Das heutige Roghudi wurde von den ehemaligen Bewohnern von Roghudi Vecchio – Alt-Roghudi – gegründet. Der Kontrast zwischen den beiden Dörfern ist unübersehbar: eins ist bewohnt, das andere eine Geisterstadt.

Nur knapp 18 Kilometer trennen die beiden Orte voneinander, aber die Fahrt auf den gewundenen, schlechten Straßen durch den Nationalpark Aspromonte ist ein Abenteuer. Manche glauben, dass sich hier ein Stammsitz der 'Ndrangheta (von griech.:  andragathía, dt.: Männlichkeit) befindet. Diese Vereinigung der mächtigen kalabrischen Mafia könnte ein Grund für die Unterentwicklung dieser Bergregion als Reiseziel für Touristen sein.

Kalabrien hinkt wie ein Großteil des restlichen Mezzogiornio (dt.: Süditalien) hinter der wirtschaftlichen Entwicklung von Norditalien her, was zu anhaltender Emigration führt. Der Zusammenbruch von Roghudi Veccio ist ein extremes Beispiel, aber auch in anderen Gemeinden wandert die Bevölkerung ab.

Zu viel Abholzung an einigen Abhängen des Aspromonte hat der Erosion die Tür geöffnet, was durch Kalabriens jährlichen Klimazyklus noch verschlimmert wird. Sehr trockene Sommer gehen in mitunter in Winterstürme mit Stürmen und extrem starken Regenfällen über, was zu katastrophalem Hochwasser führt. In den frühen 1970er-Jahren ließ eine verheerende Flut Roghudi Vecchio unbewohnbar zurück. Fast alle Bewohner verließen das Dorf und ließen die Hülle einer Gemeinschaft zurück, die ein Jahrtausend überdauert hatte.

In Kalabrien erstreckt sich das europäische Festland weit hinaus ins Mittelmeer. Damit bleibt die Region ein direkter Anlaufpunkt für Migranten und der Tourismus ist hier zu einem wesentlichen Industriezweig geworden.

 

Wei­ter­le­sen