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Der hohe Preis des Weltraumtourismus

Einst Zukunftsmusik, heute Realität: Mit dem Start von Richard Bransons Virgin Galactic und Jeff Bezos‘ Blue Origin nimmt das Thema Weltraumtourismus an Fahrt auf. Schon ab 2022 soll es regelmäßige touristische Flüge in den Weltraum geben.

Veröffentlicht am 2. Sept. 2021, 10:51 MESZ
Erde aus Weltraumsicht

Die Erde einmal von oben sehen – wer genug Kleingeld hat, kann sich diesen Traum wohl bald erfüllen.

Bild FrameAngel/stock.adobe.com

Den blauen Planeten einmal im Leben aus dem Weltraum betrachten: Es ist ein Traum, den viele Menschen hegen. Was über Jahrzehnte hinweg nur einem sehr kleinen Personenkreis vorbehalten war, ist in den letzten Monaten für manche Realität geworden. Gleich zwei private Raumfahrtunternehmen starteten im Juli mit zivilen Flügen ins All. Den Anfang machte der britische Milliardär Richard Branson mit seinem Unternehmen Virgin Galactic. Wenige Tage später zogen Amazon-Gründer Jeff Bezos und seine Firma Blue Origin nach.

Das Besondere daran: Nicht zu Forschungszwecken waren die beiden Milliardäre und ihre Gäste unterwegs – das Privatvergnügen stand im Vordergrund. In Zukunft wollen beide Unternehmer – ebenso wie Elon Musk mit seinem Unternehmen SpaceX – regelmäßig Privatpersonen ins All fliegen. Hat damit das Zeitalter des Weltraumtourismus begonnen?

„Der Startschuss dafür ist bereits viel früher gefallen“, sagt Thomas Reiter im Gespräch mit NATIONAL GEOGRAPHIC. Der heute 63-Jährige war bis 2015 Direktor für bemannte Raumfahrt bei der europäischen Raumfahrtagentur ESA. Zuvor war er selbst als Astronaut aktiv und hat in dieser Zeit ebenfalls Bekanntschaft mit „Weltraumreisenden“ gemacht. Als erster Weltraumtourist gilt Dennis Tito. Der Unternehmer war 2001 die erste Zivilperson, die zur Internationalen Raumstation ISS reiste.

Nur eine Handvoll weiterer Weltraumtouristen sind Tito seither ins All gefolgt. „Man kann hier mit Sicherheit nicht von beginnendem Massentourismus sprechen“, so Reiter.  Ein bedeutender Faktor, warum Weltraumtourismus aktuell nur einen sehr kleinen Teil im Bereich der kommerziellen Raumfahrt einnimmt, sind laut Reiter die Kosten für ein privates Weltraumabenteuer.

Der ehemalige Astronaut Thomas Reiter und seine NASA-Kollegin Stephanie Wilson auf dem Weg zu ihrer Weltraummission 2006.

Bild Thomas Reiter

Ein teurer Spaß

Rund 450.000 US-Dollar (umgerechnet etwa 383.000 Euro) soll ein Flug mit Bransons Unternehmen Virgin Galactic ab 2022 kosten. Das gab das Unternehmen Anfang August 2021 bekannt. Die Reise führt allerdings nur in rund 85 Kilometer Höhe, was streng genommen noch nicht als Weltraum zählt. Die Grenze zwischen Luftfahrt und Raumfahrt liegt in den Augen von Reiter und vieler weiterer Experten bei rund 100 Kilometern – der sogenannten Kármán-Linie.

Knapp über diese Grenze, nämlich auf 107 Kilometer Höhe, schaffte es Blue Origin. Ein Ticket für den ersten Testflug wurde für 28 Millionen Dollar (rund 23 Millionen Euro) versteigert. Wie viel die privaten Flüge mit Jeff Bezos Unternehmen in Zukunft regulär kosten werden, ist noch nicht bekannt. Eine Schätzung der Nachrichtenagentur Reuters aus dem Jahr 2018 ging von Preisen zwischen 200.000 und 300.000 US-Dollar aus.

Wer tatsächlich in den Erdorbit möchte, muss aber noch tiefer in die Tasche greifen. Für rund 55 Millionen Dollar bietet SpaceX ab Anfang 2022 Flüge zur immerhin bereits rund 400 Kilometer von der Erde entfernten ISS an. Im Preis mit inbegriffen ist ein mehrtägiger Aufenthalt auf der Raumstation.

Die Kosten für einen privaten Flug zur Internationalen Raumstation ISS liegen bereits im mehrstelligen Millionenbereich.

Bild dimazel/stock.adobe.com

Wie die Kosten sinken können

Der Weltraumtourismus bleibt also vorerst ein teures Vergnügen. In naher Zukunft könnte sich das aber ändern. In einem Statement aus dem Jahr 2018 gab Richard Branson zum Beispiel an, dass er den Preis für einen Weltraumflug in den kommenden Jahren auf 40.000 Dollar pro Person senken wolle. Auch in Reiters Augen sind günstigere Preise durchaus denkbar. Mit steigender Nachfrage ließen sich etwa die Herstellungskosten – insbesondere von Raketentriebwerken – senken und die Produktionsprozesse optimieren. Der aktuell vorherrschende Wettbewerb könne sich ebenfalls günstig auf die Kosten auswirken: „Wir wissen, dass Konkurrenz gut ist. Das belebt das Geschäft und führt zu entsprechendem Preisdruck.“

Niedrigere Preise und neue, effizientere Antriebssysteme könnten auch abseits vom Weltraumtourismus Vorteile mit sich bringen – zum Beispiel in der wissenschaftlichen Raumfahrt. „Mit den für private Weltraumreisen neu entwickelten Technologien könnten Nutzlasten kostengünstig an die Grenzen der Atmosphäre oder in den Erdorbit gebracht werden“, sagt Reiter. Davon würden letztlich auch Weltraumagenturen wie die ESA profitieren.

Wie nachhaltig ist Weltraumtourismus?

Trotzdem ist der Weltraumtourismus für Reiter ein zweischneidiges Schwert: „Die Kehrseite der Medaille ist die Frage der Nachhaltigkeit.“ Ein Punkt, der in diesem Bereich immer wieder diskutiert wird, ist der Energieverbrauch von Raketen. „Es bedarf einer enormen Energie, um auch nur kleinste Massen in den Orbit zu bringen“, so Reiter. Um ein Kilogramm Gewicht ins All zu transportieren, sind beispielsweise rund 40 Megajoule an Energie notwendig.

Um solche Energien freizusetzen, benötigt es leistungsstarke Raketenantriebe, die mal mehr, mal weniger Auswirkungen auf die Umwelt haben. In einem wissenschaftlichen Paper aus dem Jahr 2018 betrachteten Martin Ross und James Vedda, Forscher am US-amerikanischen Center for Space Policy and Strategy, die Emissionen von Raketen näher.

Gefahr für die Ozonschicht

Dem Paper zufolge beeinflussen die Emissionen von Raketen die Atmosphäre in zweierlei Hinsicht. Einerseits schädigen demnach chemische Prozesse, die mit den ausgestoßenen Raketenemissionen wie Chlor und Aluminium einhergehen, die Ozonschicht. Daneben können Partikel, die Raketen in der Stratosphäre ausstoßen, auch Sonnenstrahlung reflektieren. Dies trage, so die Forscher, zwar zur Kühlung der Erdoberfläche bei – erhitze aber auch die Stratosphäre, was der Ozonschicht ebenfalls Schaden zufügen könne.

Vor allem bei Raketen mit Kerosinantrieb, wie sie aktuell etwa SpaceX und Blue Origin verwenden, seien die Auswirkungen auf die Atmosphäre groß. Auch Thomas Reiter ist dieser Ansicht: „Da wird enorm viel CO2 durch Verbrennung in die Atmosphäre eingebracht.“ Einen anderen Weg geht die Rakete von Jeff Bezos‘ Blue Origin: Hier wird eine Kombination von Wasserstoff und Sauerstoff verwendet, die gar keinen CO2-Ausstoß bewirkt.

Eine Falcon 9-Rakete des Unternehmens SpaceX beim Start.

Bild Ryan Chylinski/stock.adobe.com

Das in der Stratosphäre ausgestoßene Wasser von solchen Flüssigtreibstoffraketen kann die Ozonschicht aber ebenfalls schädigen. Und auch bei der Gewinnung von Wasserstoff werden Emissionen freigesetzt. Ebenso, wie beim Bau von Raketen und der gesamten damit einhergehenden Infrastruktur. „Wenn rund um den Globus Startplätze in gleicher Zahl wie Verkehrsflughäfen entstehen, muss man sich darüber Gedanken machen“, sagt Reiter.

Genauere Untersuchungen zu den Umweltauswirkungen von Weltraumtourismus gibt es derzeit noch nicht. Raketenstarts im Allgemeinen machen aktuell auch nur einen geringen Anteil des weltweiten CO2-Ausstoßes aus. Es ist aber nicht von der Hand zu weisen, dass die Auswirkungen steigen werden, wenn mehr Raketen ins All starten. Dass es dazu kommen wird, darüber sind sich die Experten einig. Virgin Galactic gab bereits bekannt, künftig bis zu 400 Weltraumflüge pro Jahr anbieten zu wollen und weltweit steigen die Investitionen in kommerzielle Raumfahrt an.

Thomas Reiter bei einem Außenbordeinsatz 2006.

Bild Thomas Reiter

Reiter bleibt in Bezug auf künftigen Weltraumtourismus aber zuversichtlich: „Unser Wunsch wäre es, dass möglichst viele Menschen eher heute als morgen die Gelegenheit bekommen, unseren schönen blauen Planeten von oben zu sehen“, so der ehemalige Astronaut. Wird der Faktor Nachhaltigkeit beim Weltraumtourismus mitgedacht, könnte er in Reiters Augen nämlich noch eine Sache bewirken: „Ein Bewusstsein für die Umwelt, für den Klimawandel und für die Schützenswürdigkeit unseres Planeten – das ist etwas, das man dort oben sehr eindringlich erlangen kann.“

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