North Sentinel Island: Rätselhafte Insel des Widerstands gegen die Zivilisation

Die Bewohner von North Sentinel Island widersetzen sich allen Kontaktversuchen. Warum lässt man sie nicht in Ruhe?

Von Adam Goodheart
Veröffentlicht am 27. Nov. 2023, 11:54 MEZ
North Sentinel Island

Die Bewohner von North Sentinel Island widersetzen sich allen Kontaktversuchen. Warum lässt man sie nicht in Ruhe?

Foto von Visawa / Shutterstock.com

Im November 2018 schwamm ein junger amerikanischer Missionar von einem Fischerboot aus zu einer abgelegenen Insel im Indischen Ozean. Dort angekommen, wurde er von den indigenen Bewohnern mit Pfeil und Bogen erschossen. Die Nachricht von der tödlichen Begegnung auf North Sentinel Island – so heißt das Fleckchen Land im Andamanen-Archipel – erregte weltweit Aufsehen. Nicht nur wegen des gewaltsamen Todes des Amerikaners. Kaum jemand wusste, dass es einen solchen Ort heute überhaupt noch gibt: eine Insel, auf der Jäger und Sammler in fast völliger Isolation leben. John Allen Chau, so hieß der 26-jährige Evangelist, wollte auf der Insel – seiner Meinung nach „Satans letzte Festung“ – die „Eingeborenen“ bekehren. Die Art von Ruhm, die sein kurzer Aufenthalt nach sich zog, war typisch für das 21. Jahrhundert: Dank Internet war die Insel binnen weniger Tage bekannt, wovon die Inselbewohner allerdings nichts wussten.

In den fünf Jahren seit Chaus Tod hat sich um die Sentinelesen eine Art weltweiter Kult entwickelt. Wer „North Sentinel Island“ in eine Suchmaschine eingibt, erhält mehr als 18 Millionen Treffer, darunter Podcasts und Blogeinträge, Subreddits und Social Media Posts. Satelliten, Hubschrauber und Flugzeuge liefern Nahansichten der Insel. Über die Sentinelesen selbst gibt es einen ausführlichen Wikipedia-Eintrag, außerdem mehrere Fake Accounts in den sozialen Medien („North Sentinel Island Tourism Office & Coast Guard“, „North Sentinel Island High School Marching Band“). Sie kommen in Hunderten von YouTube-Videos vor, die insgesamt mehr als hundert Millionen Mal aufgerufen wurden.

Das isolierteste Volk der Welt

Viele Fans sehen in den Inselbewohnern romantische Helden. Ein paar Dutzend nackte Stammesangehörige mit handgefertigtem Pfeil und Bogen wirken machtvoller, menschlich authentischer als die Milliarden anderer Erdbewohner, die sich an ihre Smartphones klammern. In vielerlei Hinsicht ist North Sentinel Island bis heute Terra incognita. Niemand hat je den Dschungel im Inselinneren kartiert oder ein Gespräch mit den Bewohnern geführt. Niemand kennt die Einwohnerzahl (Schätzungen liegen bei 50 bis 200 Menschen). Niemand außer den Sentinelesen selbst weiß, welche Sprache sie sprechen, welche Gesetze sie befolgen, welche Götter sie verehren oder wie sie sich in ihrer eigenen Sprache nennen. Von Booten oder Flugzeugen aus kann man beobachten, wie sie im seichten Wasser Fische mit Harpunen jagen, ihre Einbäume über die Lagune schieben und mit Pfeil und Bogen dem Wild nachstellen.

Laut Survival International, einer Organisation, die sich für die Rechte indigener Völker einsetzt, gibt es weltweit mehr als hundert zurückgezogen lebende Stämme an Orten wie dem Amazonas-Regenwald, in Indonesien oder auf Inseln im Indischen Ozean. Die Sentinelesen auf ihrer kleinen, abgelegenen Insel sind vielleicht das isolierteste Volk der Erde. 1975 erschienen in NATIONAL GEOGRAPHIC Fotos von Sentinelesen, die Pfeile auf eine Expedition indischer Anthropologen und Filmemacher schossen, die „freundschaftlichen Kontakt“ suchten. Die Bilder erschienen unter der Überschrift „Arrows Speak Louder Than Words: The Last of the Andaman Islanders“. Sie trugen dazu bei, die Sentinelesen für ein weltweites Publikum als feindselig und anachronistisch zu definieren.

Pfeilhagel für Kontaktversuche

Dabei stimmt es nicht ganz, dass die Inselbewohner sich abseits der Moderne befinden: Sie leben in derselben Gegenwart wie wir alle. Auch fehlt es ihnen nicht an Technologie: Ein sentinelesischer Bogen ist ein mächtiges, kunstvoll gefertigtes Werkzeug, das sie mit Geschick führen. Die Pfeilspitzen bestehen aus Metall, das sie vielleicht aus einem Schiffswrack geborgen haben. Dennoch ist ein Großteil der letzten 10000 Jahre menschlicher Geschichte an North Sentinel Island vorbeigegangen. Die Bewohner haben sich fast gänzlich all den Gerätschaften und Erfindungen entzogen, die nach und nach Gemeinschaften und Kontinente verbunden haben: das geschriebene Wort, die Dampfmaschine, das Smartphone. Und ganz gleich, wie viel die Bewohner durch ihre flüchtigen Kontakte über die Außenwelt erfahren haben – wahrscheinlich eine ganze Menge –, sie können nicht wissen, dass ihre Heimat zu den letzten Orten ihrer Art auf diesem Planeten gehört

Anscheinend gibt es keine einfache Erklärung dafür, dass es die Sentinelesen von allen menschlichen Gemeinschaften der Erde geschafft haben, so lange isoliert zu bleiben. In den letzten Jahrhunderten wurde immer wieder versucht, mit ihnen Kontakt aufzunehmen – zunächst, als die Briten ihr Empire in den 1850er-Jahren auf die Andamanen ausdehnten, und später, nachdem Indien die Kontrolle über die Inselgruppe übernommen hatte. Von 1967 bis in die frühen 2000er-Jahre haben sich Anthropologen der indischen Regierung ein paarmal per Boot dem Strand genähert. 1991 kamen sie sogar zweimal nahe genug heran, um den Inselbewohnern in der Brandung Kokosnüsse und Bananen zu reichen. Meistens verschwinden die Sentinelesen einfach im Dschungel, wenn sich ihnen Eindringlinge zu sehr nähern. Oder sie reagieren so, wie es bei Chau geschah: zunächst mit Gesten und Ausrufen, die eine unmissverständliche Warnung darstellen. Wenn das zu nichts führt: mit einem Pfeilhagel.
 

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Foto von National Geographic

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