Reise und Abenteuer

Diese Frau ist eure Abenteurerin des Jahres

Mira Rai schleppte einst Reissäcke durch den Himalaya. Jetzt gewinnt sie internationale Trailläufe und inspiriert junge Frauen aus Nepal. Trefft eure Abenteurerin des Jahres 2017.

Von Mary Anne Potts
Rai trainiert bei Chamonix vor ihrem Sieg beim Mont-Blanc 80KM 2015.

Jedes Jahr ehrt National Geographic 10 außergewöhnliche Menschen im Zuge unserer jährlichen Auszeichnung zum Abenteurer des Jahres. Wir suchen nach Menschen auf der ganzen Welt, die ihren großen Traum verwirklicht haben, ob im Bereich der Erforschung, des Umweltschutzes, Erhalt kulturellen Erbes, Abenteuersport oder Humanitarismus. Und jedes Jahr bitten wir unsere Leser abzustimmen, wer sie am meisten inspiriert hat.

Während alle Preisträger in diesem Jahr eine Inspiration sind – von der kulturellen Renaissance, die durch die Crew der Hōkūle‘a ausgelöst wurde, welche nur mit Hilfe der Sterne die Welt umschifft hat, über den unerschütterlichen Einsatz der Leute, die durch den kompletten Grand Canyon gewandert sind, bis zur waghalsigen Entdeckung der tiefsten Unterwasserhöhle –, gab es eine, die bis an die Spitze der Abstimmung geklettert ist: Die nepalesische Trailläuferin Mira Rai.

 

 

Rai läuft im Coledale Horseshoe Fell Race in Keswick, Vereinigtes Königreich im April 2012.

Sie wuchs in einem Dorf im Osten von Nepals Bhojpur-Bergen auf. Aber die 29-jährige Rai hatte Träume, die die konventionellen Erwartungen an eine nepalesische Frau weit überstiegen.

„Als Mädchen wurde mir dauernd gesagt, dass ich meinen Platz kennen und meine Stimme unterdrücken soll, dass ich mich auf eine bestimmte Art und Weise verhalten soll“, sagt sie. „Das Ausbrechen aus diesen Traditionen war für mich ein großer Traum.“

Als älteste Tochter von fünf Kindern wurde von ihr erwartet, dass sie Wasser holt, sich um die Feldfrüchte und das Vieh kümmert und im Haushalt hilft. Mit 12 hatte sie aufgehört, regelmäßig zur Schule zu gehen, um schwere Reissäcke steile Wege rauf- und runterzuschleppen – oft barfuß –, um sie auf dem Markt zu tauschen. Es war harte Arbeit, aber auch gutes Training für eine zukünftige Trailläuferin.

Als sie 14 war, kamen maoistische Rebellen durch ihr Dorf und Rai beschloss, sich ihnen anzuschließen, um Geld zu verdienen und sich ein anderes Leben zu ermöglichen. Zwei Jahre später kehrte sie nach Haus zurück, ohne je in einem Kampf gewesen zu sein, aber während des Training mit den Rebellen zeichnete sie sich besonders beim Laufen und beim Karate aus. Sie fragte sich, was sie mit diesen Fähigkeiten anfangen könnte, da es in Nepal keine Tradition von professionellen Sportwettkämpfen gibt – schon gar nicht für Frauen.

Vor zwei Jahren hatte sie dann durch Zufall ihren großen Durchbruch. Rai war bei Kathmandu laufen, als zwei Trailläufer sie einluden, an ihrem ersten Traillauf teilzunehmen, dem Kathmandu West Valley Rim 50K. Sie hatte keine spezielle Ausrüstung oder Training für eine solche Distanz – 50 Kilometer. Sie war außerdem die einzige Frau bei dem Wettlauf. Allen Widrigkeiten zum Trotz besiegte sie alle. Es war die größte Entfernung, die sie je gelaufen war. Von da an sammelte sich eine Gemeinschaft von Unterstützern um Rai, die ihr ermöglichte, an internationalen Traillauf-Wettbewerben teilzunehmen.

Rai tritt beim Manaslu Trail Race in Nepal an mit dem weltweit achthöchsten Berg im Hintergrund, dem Mount Manaslu.

Heute wird sie in der Szene als Phänomen des Traillaufens auf Höhenwegen anerkannt. Und sie befindet sich auf einer Mission, den Frauen und Männern Nepals durch den Sport zu helfen. Während sie sich letzten Oktober von einer Knieverletzung erholte, organisierte sie im Zuge dieser Mission einen Lauf in ihrem Heimatdorf.

Rai sagt, dass ihre Arbeit, mit der sie andere Menschen stärken möchte, erst begonnen hat. „Wir haben bemerkt, dass Nepal immenses Potenzial hat, um potenzielle Athleten hervorzubringen. Daher organisieren wir eine Reihe von Wettläufen in Kathmandu“, sagt Rai. „Das sind kurze Läufe, die sowohl für Anfänger als auch Fortgeschrittene geeignet sind.“

Wasfia Nazreen, die erste Person aus Bangladesch, die die Seven Summits bestiegen hat, und eine frühere Abenteurerin des Jahres, weiß aus erster Hand um den Einfluss, den Rai auf junge nepalesische Frauen hat. „Als jemand, der so früh die Schule abgebrochen hat und die ganze Bildung, die wir selbstverständlich finden, verpasst hat, ist Mira ein seltenes Beispiel dafür, dass man die Zeit manchmal zurückdrehen und selbst die Veränderungen sein kann“, sagt sie. „Es ist schwer für junge Frauen in dieser Region, gute Vorbilder zu finden, gerade solche, die selbst eine dörfliche Herkunft haben wie die meisten jungen Menschen. Mira ist ein Wegbereiter nicht nur in der Hinsicht, dass sie als Frau von internationalem Erfolg landesweit über Gleichberechtigung sprechen kann, sondern auch, indem sie junge Menschen durch die Kathmandu Trail Race Series fürs Traillaufen begeistern kann. Die Verbissenheit und die Freude, die sie durch all ihre Strapazen und Siege hindurch verkörpert, ist eine Inspiration für uns alle!“ Ben Ayers, der in Kathmandu ansässige Landesverantwortliche der dZi Foundation sagt, dass Rais Erfolge in Nepal Hoffnung wecken. Das Land versinkt nach wie vor im Sumpf der Armut und Korruption, trotz des Endes des Bürgerkriegs und der Verabschiedung einer neuen Verfassung. „Mira verkörpert die Wünsche einer ganzen Generation junger Nepalesen“, sagt Ayers. „Ihr Wandel vom Kindersoldaten zum Weltklasse-Athleten entsprach sehr dem Erwachsenwerden Nepals nach dem Bürgerkrieg.“

Rai hingegen bleibt bescheiden. „Ich konnte die Dinge tun, die ich getan habe, weil so viele Leute an mich geglaubt und etwas riskiert haben. Ich möchte etwas davon zurückgeben, damit andere auch eine Chance bekommen, so wie ich“, sagt Rai. „Wir haben ein Sprichwort in Nepal, ‚Khana pugyos, dina pugos‘, was bedeutet, ‚Lass genug zu essen da sein, lass genug zum Geben da sein‘“.

Lest das nachfolgende Interview mit Mira Rai.

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Abenteuer: Was ist schwieriger: einen steilen, fordernden Trail zu laufen oder Genderstereotypen zu brechen?

Rai: Laufen ist kein Problem, aber diese Genderstereotypen zu brechen, das schon. Für die Gesellschaft, in der wir leben, ist das sowohl für Männer als auch Frauen schwierig, weil es immer einen Kampf bedeutet, etwas anders zu tun, als es Brauch ist. Für Frauen sogar noch mehr, weil von ihnen erwartet wird, dass sie von Kindesbeinen an im Haushalt helfen und dann heiraten und Kinder aufziehen. Für sie ist es also ein richtiger Kampf, nicht nur eine Herausforderung. Da nennen sie einen dann Rebell, und für einen Abenteuersport, der auch nicht ganz ungefährlich ist, bekommt man auch keine Ermutigung von irgendwem. „Du wirst dir noch die Knochen brechen!“, heißt es dann. Auch wenn sich die Einstellungen zu ändern scheinen, tun sie das im Schneckentempo, und es ist noch ein langer Weg, bis Frauen in Nepal als den Männern ebenbürtig angesehen werden. Das ist die traurige Realität.

Wie war Ihr Alltag in der maoistischen Armee?

Als ich mich verpflichtet habe, war ich glücklich über die 250 Rupien [2 US-Dollar], die ich bekam. Die nutzte ich, um so grundlegende Dinge wie Seife und eine Zahnbürste zu kaufen. Dann begann das Training – das umfasste Laufen, körperliche Betätigungen, Nahkampf und Waffentraining zusammen mit Kadetten in meinem Alter. Dass wir zusammen für eine Mission trainiert haben, hat mir definitiv auch geholfen, persönlich zu wachsen, weil ich dadurch selbstbewusster und eigenständiger wurde. Im Schutz der Dunkelheit mussten wir jeden Tag stundenlang marschieren, um andere Camps zu erreichen, und aufeinander Acht geben. Ich erinnere mich nicht mal mehr an die Namen der Orte, die wir passiert haben, weil das sehr abgelegene Dschungel waren oder Dörfer, die weit weg liegen. Wir hatten Überlebenstraining und man hat uns viele Dinge beigebracht, die ich mir zu Hause nicht mal hätte vorstellen können. Ich war zwei Jahre lang Teil der Rebellenarmee, das war gleichermaßen herausfordernd hinsichtlich des Trainings als auch bereichernd im Hinblick auf die persönliche Entwicklung. Es hat zumindest meinen Abenteuergeist bestärkt.

Welchen Rat würden Sie jemandem geben, der wie Sie ein besserer Läufer werden möchte?

Es war Zufall und Glück, dass ich ein Läufer wurde. Damals im Dorf mussten wir stundenlang mörderischen Terrain hoch- und runterlaufen, oft auch barfuß und mit schwerer Last auf dem Rücken. Das hat definitiv mit dazu beigetragen. Ich begann zu laufen, ich bekam professionelles Training, in dem ich Techniken erlernte, und wurde mit der Zeit zielstrebiger, motivierter und folgte konsequent meinen Träumen. Die richtige Ernährung und regelmäßiges Training sind wichtig. Ich habe aber auch gelernt, dass Erholung, Selbstbewusstsein, Yoga und seelisches Wohlbefinden – inklusive der tollen Unterstützung von meinem Mentor Richard Bull und meinem Trainer Dhruba Bikram Malla – ebenso wichtig sind, um in Form zu bleiben.

,,Nachdem ich den Maoisten beigetreten war, zogen wir in ein Camp in der Nähe von Udayapur. Wir trugen Kampfausrüstung und posierten für Bilder”, erinnert sich Rai.

Sie haben mit 12 aufgehört, regelmäßig in die Schule zu gehen. Wünschen Sie sich, dass Sie mehr Unterricht gehabt hätten?

Ich denke, wenn ich mehr Schule gehabt hätte, hätte ich mich mit mehr Selbstbewusstsein verständigen können und hätte einen besseren Einblick in das Weltgeschehen. Als ich gerade angefangen hatte, im Ausland zu laufen, konnte ich mich oft nicht an Konversationen beteiligen wegen meines schlechten Englischs. Ich saß dann oft nur da und hörte zu, aber ich hab mich nicht unwohl dabei gefühlt, da alle sehr hilfsbereit waren. Aber gerade hinsichtlich der Medien und Sponsoren wäre es definitiv hilfreich gewesen, wenn ich zu Hause mehr Bildung genossen hätte. Ich habe selbst heute noch Probleme damit, etliche Worte zu verstehen, wenn ich eine Zeitung lese. Ich nehme Englischstunden und das hat definitiv geholfen, mein Englisch zu verbessern.

Das Laufen hat Ihnen dabei geholfen, die Welt zu sehen. Wie fühlt es sich an, wieder zu Ihrem Dorf zurückzukehren, nachdem Sie in Hong Kong, Italien und an anderen Orten waren?

Ich komme einmal im Jahr während Dashain zurück, dem größten Fest des Jahres. Die Leute hier führen dasselbe Leben wie damals, als ich ein Kind war. Früher hatten wir Petroleumlaternen, aber mittlerweile gibt es Glühbirnen, die mit Solarenergie laufen. Das Dorf hatte keinen Straßenanschluss, aber heutzutage gibt es Feldwege, die zu den großen Städten führen. Die Lehmhäuser – wie früher. Es gibt einen Telefonanschluss, aber er funktioniert nicht gut. Wenn ich zurückkomme, treffe ich viele junge Leute, die mich fragen, wie sie anders leben können. Sie wirken definitiv motiviert, aber ihre Eltern sind mit ihren Ambitionen leider nicht einverstanden. Während sich die physische Infrastruktur in meinem Dorf verbessert hat, hat die Mentalität das leider nicht. Ich habe aber die Hoffnung, dass die künftige Generation die alten Gewohnheiten aufreißen wird.

Bei welchen Trailläufen würden Sie gern mal mitlaufen?

Ich habe immer davon geträumt, beim Ultra-Trail du Mont Blanc in Frankreich mitzulaufen. Das ist ein sehr forderndes, 160-km-Rennen für Eliteläufer der ganzen Welt. Ich wüsste sehr gern, wie ich in diesem Rennen abschneiden würde.

Was tun Sie aktuell, um etwas zurückzugeben?

Da ich mich gerade von einer OP erhole, habe ich etwas Freizeit zur Verfügung. Ich habe Männern und Frauen Anleitung beim Laufen gegeben und sie ermutigt, eine Karriere als professionelle Sportler anzustreben. Dann und wann besuche ich Schulen oder Kinderheime, um mein Wissen übers Laufen zu teilen, speziell über Training, Ernährung und, was viel wichtiger ist, einen aktiven Lebensstil.

Wir haben bemerkt, dass Nepal immenses Potenzial hat, um potenzielle Athleten hervorzubringen. Daher organisieren wir eine Reihe an Wettläufen in Kathmandu. Das sind kurze Läufe, die sowohl für Anfänger als auch Fortgeschrittene geeignet sind. Ich habe im letzten Oktober außerdem ein kleines Rennen in meiner Heimatstadt Sano Dumma organisiert, um den jungen Menschen den Sport vorzustellen. So haben sie eine Gelegenheit, sich für den Sport zu begeistern und vielleicht bemerkt zu werden. Ich plane, in den kommenden Tagen Wettläufe zu organisieren, um vielversprechende Läufer zu entdecken und zu fördern. Ich arbeite auch mit der nepalesischen Regierung daran, eine förderliche Umgebung zu schaffen, um Traillaufen als Mainstreamsport zu entwickeln und die Läufer, die es in Nepal schon gibt, besser für nationale und internationale Wettläufe vorzubereiten.

Aus dem Nepalesischen übersetzt von Anuj Adhikary

Artikel in englischer Sprache veröffentlicht am 26. Januar 2017