Islands trotzige Schönheit

Durch Jahrhunderte haben Menschen (und Schafe) die von Vulkanen und Gletschern geformte Insel stark verändert. Doch ihr rauer Charme ist immer noch atemraubend.

Islands trotzige Schönheit
Islands trotzige Schönheit
bild Orsolya und Erlend Haarberg

In einer Hütte am Vulkan Eyjafjallajökull, dessen Ausbruch im April 2010 den Flugverkehr in großen Teilen Europas blockierte, serviert Sigurđur Reynir Gíslason Fischsuppe und saure Heringe. Dieses Mahl – fünf Tage vor Weihnachten – kommt uns vor wie ein Geschenk. Auf dem Weg hierher, durch gefrorene Flussbetten, vorbei an knorrigen Birken, war Sigurđurs Geländewagen zweimal stecken geblieben. Bei unserer Ankunft flatterte ein Schneehuhn auf. «So ähnlich hat es hier schon ausgesehen, als die Wikinger kamen», sagt Sigurđurs Schwester Guđrún. Sie ist Geographin, er Geochemiker an der Universität Reykjavík. Gemeinsam erzählen sie mir die Geschichte von Island. Das geräucherte Lamm im Topf mitgezählt, sind alle vier Hauptakteure um uns herum.

  • Vulkane 
    Sie haben Island geformt und sorgen seit mindestens 16 Mil­lionen Jahren dafür, dass die Insel nicht im Atlantik versinkt. Alle paar Jahre bricht einer aus. 2010 brauste Sigurđur in seinem Wagen mitten in das Herz der Aschewolke, um eine Probe zu nehmen. «Die Asche sah aus wie Mehl», erzählt er, «war aber scharfkantig wie Glasstaub.»
  • Gletscher 
    Sie wachsen und schmelzen seit etwa drei Millionen Jahren. Heute schrumpfen sie schnell, bedecken aber immer noch die höchsten Vulkane. Wenn ein fjall unter einem jökull ausbricht, entsteht ein jökulhlaup – ein Sturzbach aus Schmelzwasser und Eis, der Brücken wegreißt und Felder überschwemmt.
  • Menschen 
    Nach heutigem Wissen erreichten die ersten Siedler – aus Norwegen – im Jahr 874 die Insel, die etwa so groß ist wie Griechenland. Polarfüchse waren hier zu der Zeit die einzigen Landsäugetiere. Die Isländer füllten die Leere mit sagenhaften Geschichten. Gleichzeitig raubten sie dem Land etwas: Von den Birkenwäldern, die einst etwa ein Viertel der Fläche einnahmen, fällten sie den größten Teil zur Produktion von Holzkohle. Heute gibt es nur noch Restbestände dieser Bäume.
  • Schafe 
    Die ersten Siedler brachten auch Kühe und Schweine mit. Dann kühlte sich das Klima ab. Es blieb rund 500 Jahre kalt, was den Wechsel zur Schafzucht erzwang. Heute grasen die Schafe im Sommer zu Hunderttau­senden auf den Hochlandwiesen. Sie fressen alles, sogar Birkenschösslinge. Sie haben bereits die Hälfte des Landes kahlgefressen. Megatonnenweise tragen Wind und Wasser die schutzlose Erde ab.
  • Kurz zusammengefasst: 
    Der Überlebenskampf von Mensch und Vieh hat das Land der Vulkane und Gletscher umfassend geschädigt. Doch wer das nicht weiß, sieht nur die Schönheit, die noch übrig ist.

Am 21. Dezember geht die Sonne gegen elf Uhr auf. Sigurđur, Guđrún und ich versuchen zum Vulkan Katla zu gelangen. 1918 riss ein jökulhlaup hier beinahe den Großvater der beiden mit, als der gerade Schafe nach Hause trieb. Schnee auf der Küstenstraße zwingt uns zur Umkehr. Der Wind weht das Auto fast von der Straße. Als wir den Gletscherfluss vom Vortag durch­queren, reißen im Süden die Wolken über dem Meer auf. Weiches Licht überflutet die Hänge nördlich des Flusses.

Dort, erzählt Sigurđur, lebte der Saga nach einst der Held Gunnar. Auf seinem Weg ins Exil – nachdem er einen Mann zu viel getötet hatte – wurde Gunnar von seinem Pferd abgeworfen. Er sah zurück in Richtung seiner Heimat und sprach die Zeilen, die jeder Isländer kennt. Sigurđur gibt uns eine ungefähre Übersetzung: «So schön sind die Hügel, schöner als sie mir je zuvor erschienen sind. Ich werde nicht fortgehen, ich reite heim.» Diese Anziehungskraft übt Island bis heute aus. «Hinzu kommt», fügen die Foto­grafen Orsolya und Erlend Haarberg hinzu, «dass jetzt keine Bäume mehr im Weg stehen, die die Aussicht behindern.»


(NG, Heft 05 / 2012, Seite(n) 124 bis 141)

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