Tiere

Zwei tote Orcas könnten das Ende für den Walfang einer Inselnation bedeuten

Zwei Orcas wurden vor den Augen einer Gruppe von Walbeobachtern harpuniert. Das rückt St. Vincents umstrittene Walfangpolitik ins Licht der Aufmerksamkeit. Donnerstag, 9 November

Von Sarah Gibbens

Sekunden bevor es geschah, wurde Ken Isaacs klar, dass die Touristen auf seinem Boot gleich etwas Furchtbares beobachten würden.

Als sie in den Gewässern der kleinen karibischen Insel St. Vincent herumfuhren, entdeckte die Crew vier Orcas, auch als Schwertwale bekannt, die die Wasseroberfläche durchstießen. Während sich die Touristen darüber freuten, die Orcas in der Wildnis zu sehen, schrie Isaacs verzweifelt drei Fischer an, die in einem kleinen Boot näherkamen. Isaacs bemerkte die modifizierte Harpunenkanone auf ihrem Deck.

Sie ignorierten Isaacs Flehen und näherten sich der Herde. Die Gruppe von etwa 40 Touristen hörte etwas, das wie eine Explosion klang.

Direkt vor ihren Augen war einer der Wale mit einer Harpune aufgespießt worden. Ein zweiter teilte kurz darauf sein Schicksal.

Laut Isaacs Bericht, den er Caribbean360 gab, kehrte die Touristengruppe tief erschüttert an Land zurück, viele der Gäste weinten. Fantasea Tours, die die Walbeobachtungen durchführen, hat seine Touren Berichten zufolge eingestellt.

Die Insel, die in der südlichen Karibik etwas nördlich von Venezuela liegt, hat eine komplizierte Geschichte des Walfangs, bei der Kultur und Kommerz im Konflikt stehen. St. Vincent und die Grenadinen, wie der offizielle Name lautet, ist ein freiwilliges Mitglied der Internationalen Walfangkommission [IWC].

Im Rahmen der Vereinbarungen mit der Kommission ist der Walfang laut der Website erlaubt, wenn er „von Einheimischen zum Zweck des Lebensunterhalts“ durchgeführt wird. Das Land darf pro Jahr vier Wale töten und hat Berichten zufolge seit 2015 sechs der Tiere erlegt.

Jetzt berichtet die Lokalzeitung Antigua Observer von neuerlichem Druck, den Walfang in den Gewässern, die von der Insel kontrolliert werden, komplett zu verbieten. In einem Interview für die Lokalnachrichten sprach sich der Premierminister von St. Vincent, Ralph Gonsalves, für ein Walfangverbot aus, ohne eine kulturelle Sitte zu beleidigen.

„Was er getan hat, und das möchte ich betonen, war schlicht falsch. Nicht nur, weil es vor den Augen von Touristen passiert ist, sondern (weil) er Orcas nicht töten darf“, sagte Gonsalves.

Er betonte, dass die Fischer „hart arbeiten“, aber fügte später hinzu, dass „ihre Gier sie übermannt hat.“

Gonsalves sagt nun, dass er ein Gesetz für St. Vincent entwerfen wird, welches das Töten von Walen verhindert, ähnlich dem örtlichen Schutz für Meeresschildkröten.

Die Internationale Walfangkommission erlaubt den Walfang nur bedingt: Länder, die Teil der Kommission sind, erhalten eine eingeschränkte Walfangerlaubnis für einheimische Gruppen, die sich vorwiegend von Walen ernähren. Zusätzlich zu der Bevölkerung von Bequia in St. Vincent haben auch einheimische Gruppen in Grönland, Russland und Alaska eine bestimmte Fünf-Jahres-Quote zugeteilt bekommen.

Sue Fisher, eine Mitarbeiterin der Whale and Dolphin Conservation Society, sagt, dass die legale Walfangerlaubnis für St. Vincent aus der Reihe fällt, da die meisten anderen Länder sich in der Nähe der Arktis befinden. Sie hält den Walfang für ein Versehen des IWC, da die Insel ursprünglich eine Basis für den kommerziellen Walfang von US-Firmen war.

„Yankee-Walfang war ein kommerzielles Unterfangen“, berichtet Fisher. „Die Auffassung der Kommissionsmitglieder [des IWC] war es, dass der Walfang zur Ernährung beitragen würde.“

Der Walfang der Bequia (gespr. Beck-way) in St. Vincent reicht etwa 140 Jahre zurück. Die Praxis wurde angeblich von dem schottischen Einwanderer William Wallace auf die Insel gebracht, nachdem er ein Walfangunternehmen gegründet hatte und das Wissen an die Einwohner des Landes weitergab.

Nachdem die kommerziellen Walfangunternehmen die Insel verlassen hatten, wurde die Tätigkeit von einigen wenigen weiter betrieben. Das bedeutet laut Fisher, dass sie nicht als kulturelle Praxis gesehen werden sollte.

Befürworter eines Totalverbotes auf der Insel argumentieren auch, dass durch technische Fortschritte Wale nicht mehr die einzige Möglichkeit der Existenzsicherung für Einheimische darstellen.

Einige frühere Waljäger der Insel haben sich mittlerweile der Walbeobachtung zugewandt und können so von den Orcas profitieren.

Um weiterhin legal auf Wale Jagd machen zu dürfen, müsste St. Vincent dem IWC eine Notwendigkeitsbegründung vorlegen, wenn ihre Walfanglizenz 2018 ausläuft. Fisher vermutet, dass das wohl nicht passieren wird, da die Insel mehr vom Tourismus als vom Walfang profitiert.

In einem Interview mit dem Miami Herald aus dem Jahr 2014 erinnerte sich der ehemalige Fischer Gaston Bess daran, wie seine Beobachtung von Orcas vor der Küste der Dominikanischen Republik ihn dazu bewogen hat, den Walfang aufzugeben: „Obwohl ich schon in ihrer Nähe gewesen bin, sie [mit Harpunen] getroffen habe und ihnen beim Sterben zusah, sah ich jetzt, wie sie Ballett tanzten und ihre Jungen liebkosten.“

Auch wenn der Vorfall ein Schock für die Touristen auf dem Meer war, erjagt St. Vincent eine vergleichsweise niedrige Anzahl von Tieren jedes Jahr. Laut einem Bericht des Congressional Research Service ist es von den Ländern, die vom IWC eine Walfangerlaubnis haben, das Land mit den einstelligen Zahlen. Im Vergleich dazu haben die USA 2012 51 Wale getötet, Russland 128 und Grönland 203.

Die bei Weitem größten Zahlen von getöteten Walen gehen auf das Konto von Norwegen, das in direktem Widerspruch zur IWC Walfang betreibt, und Japan, das behauptet, sein Walfang würden wissenschaftlichen Zwecken dienen.

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