Tiere

Komplexe Gesellschaft der „einzelgängerischen“ Pumas entdeckt

Der überraschende Fund stellt einige Grundannahmen über das bekannte amerikanische Raubtier auf den Kopf.Donnerstag, 9. November 2017

Seit Jahrzehnten galt der Puma (Puma concolor) als einzelgängerischer Jäger, der nur zum Kämpfen oder zur Paarung mit anderen Vertretern seiner Art interagiert.

Eine neue Studie offenbarte nun, dass die Tiere entgegen der allgemeinen Annahmen eine komplexe, hierarchische Gesellschaft haben, die größtenteils auf dem Teilen von Nahrung basiert.

„Über mehr als 60 Jahre der intensiven Forschung hinweg [...] haben wir gesagt, dass [Pumas] einzelgängerische, roboterhafte Killermaschinen sind“, sagt Mark Elbroch. Er ist der führende Wissenschaftler des Puma-Programms von Panthera, der globalen Organisation zum Schutz von wilden Katzen. „Stattdessen haben wir ein geheimnisvolles Tier offenbart, das ein komplexes soziales System hat, welches vollständig auf Gegenseitigkeit aufbaut.“

„Das steht allem entgegen, was wir je über dieses Tier zu wissen glaubten“, fügt er hinzu.

„Ich fand diese Forschung wirklich aufregend. Wir nehmen für gewöhnlich an, dass das keine sozialen Tiere sind“, sagte Justine Smith von der Universität von Kalifornien, Berkeley. Die Forscherin untersucht die Auswirkungen des Menschen auf Pumas und war an der Studie nicht beteiligt.

VERSTECKTE KAMERA

Laut Elbroch war die Entdeckung des Teams, die in „Science Advances“ veröffentlicht wurde, mehr der Technologie als ihrer Geduld zu verdanken. Jahrelang erhielten er und andere Forscher immer wieder flüchtige Eindrücke davon, wie sich Pumas begegneten, aber konnten deren Interaktionen nie sehen und verstehen.

Das änderte sich, als Elbroch ein Netzwerk aus Kamerafallen auf etwa 1.450 Kilometern des Greater-Yellowstone-Ökosystems installierte. Er hoffte, die Pumas so bei ihren Begegnungen filmen zu können.

Ursprünglich war das Kameranetzwerk gar nicht dazu gedacht, eine Pumagesellschaft aufzudecken. Das war eher ein glücklicher Zufall. Eigentlich wollte Elbroch nur wissen, was genau die Pumas fraßen, damit er ihren Kalorienbedarf und ihren Einfluss auf das Ökosystem besser verstehen konnte. Allein diese Frage betreffend war das Kameranetzwerk schon Gold wert. In einer Abhandlung in „Biological Conservation“ zeigte Elbroch, dass es an den Orten, an denen Pumas Beute gemacht haben, die höchste je verzeichnete Vielfalt von Aasfressern auf der ganzen Welt gibt.

Völlig unerwartet kam hingegen ein Moment im Jahr 2012, als er bei der Überprüfung der Kameraaufnahmen etwas Außergewöhnliches beobachtete: Ein ausgewachsenes Pumaweibchen näherte sich dem Kadaver eines Hirschs, den ein anderes Weibchen gerissen hatte.

Die beiden fauchten sich an und tauschten Drohgebärden aus – und dann, zu Elbrochs großer Überraschung, teilte das Weibchen ihre Beute mit dem Neuankömmling. Diese großzügige Handlung war kein Zufall. Die beiden Pumas leisteten einander noch anderthalb Tage lang Gesellschaft. Wie eine spätere genetische Analyse zeigte, waren die beiden nicht verwandt.

Im Grunde hatte Elbrochs Kamera die erste Pumafreundschaft eingefangen, die der Wissenschaft bekannt ist.

„Das zerrüttete irgendwie alles, das wir über die Art gelernt zu haben glaubten“, sagt er.

Eine selbstauslösende Kamera filmte mehrere Pumas im Greater-Yellowstone-Ökosystem in Wyoming.
Eine selbstauslösende Kamera filmte mehrere Pumas im Greater-Yellowstone-Ökosystem in Wyoming.

Zunächst dachte Elbroch, dass er etwas unglaublich Seltenes beobachtet hatte. Aber als er gezielt nach diesem Verhalten zu suchen begann, erlebte er eine weitere Überraschung: Solche Begegnungen waren nicht so selten, wie er vermutet hatte. Zwischen 2012 und 2015 fingen seine Kameras 118 Interaktionen zwischen zwei Pumas ein. 60 Prozent davon fanden an Orten statt, wo eines der Tiere kürzlich Beute gemacht hatte, und viele beliefen sich auf das Teilen der Nahrung, welches Elbroch schon beobachtet hatte.

Wieder und wieder sah er, wie ein Puma einem Artgenossen Zugang zu seiner Beute gewährte. Bei späteren Begegnungen war es dann im Schnitt 7,7 Mal wahrscheinlicher, dass der andere Puma den Gefallen erwidern würde.

PUMA-NETZWERK

Mit diesen Daten konnte Elbrochs Team eine Karte der Pumagesellschaft erstellen. Welche Pumas interagierten am häufigsten miteinander? Wer besuchte wen?

In Zusammenarbeit mit Mark Lubell und Michael Levy von der Universität von Kalifornien, Davis, verzeichnete Elbroch die Beziehungen der Tiere in einem Netzwerk. Das Team konnte dann mathematisch beziffern, wie gut vernetzt ein einzelner Puma innerhalb der sozialen Gruppe war.

Puma stürzt sich auf einen Hirsch
Puma stürzt sich auf einen Hirsch

Die Daten offenbarten, dass es nicht nur eine Pumagesellschaft gibt, sondern dass sie auch hierarchisch aufgebaut ist. Die Grenzen der diversen sozialen Gruppen orientierten sich stark an den territorialen Grenzen einzelner Männchen. Weibchen, deren Territorien sich mit dem Territorium desselben Männchens überschnitten, interagierten mit größerer Wahrscheinlichkeit miteinander als jene Weibchen, die kein Männchen „teilten“.

Mit anderen Worten: Männliche Pumas scheinen eine übergroße Rolle in Pumagesellschaften zu spielen.

„Viele Leute hatten intuitiv begriffen, dass Männchen wichtig für die soziale Organisation von Pumas sein müssen. Aber keiner wusste so richtig, wie genau“, sagt Elbroch. „Das Coole ist, dass wir raffinierte Mathematik und statische Analysen haben, die sehr genau zeigen, warum Männchen in der sozialen Organisation der Pumas wichtig sind.“

AUSWIRKUNGEN DER JAGD?

Andere Forscher werden nun prüfen müssen, ob auch andere Pumapopulationen auf den amerikanischen Kontinenten ein solch soziales Leben führen.

„Ich fände es großartig, wenn da mehr Arbeit getan wird, um zu sehen, ob man das verallgemeinern kann“, sagt Smith. „Eventuell gibt es eine Art Notwendigkeit – vielleicht die Größe der Beute oder wie verfügbar sie ist – [aufgrund der die Population] diese Art des Netzwerks pflegen will oder muss.“

Außerdem ist unklar, wie die Trophäenjagd auf Pumas die neu entdeckte Pumagesellschaft beeinflussen könnte, da keines der von Elbroch untersuchten Tiere während der Forschungszeit von Jägern getötet wurde.

Elbroch vermutet aber, dass das Entfernen eines Männchens aus einer Population zu einer sozialen Unruhe führen könnte. Das könnte eventuell Einfluss darauf haben, wie Wildtierbehörden in Zukunft das Management dieser Tiere handhaben.

„Wenn das soziales Chaos erzeugt, was sollen wir dann tun?“, fragt Elbroch. „Erlauben wir die Fortführung der Trophäenjagd? Wählen wir eine andere Strategie?“

Michael Greshko auf Twitter folgen.

Wei­ter­le­sen