Die schlausten Vögel der Welt

Vogelhirne sind zwar klein, aber sehr leistungsfähig. Manche Arten sind sogar bessere Problemlöser als Primaten und Kleinkinder.Mittwoch, 21. März 2018

Vor dem 21. Jahrhundert galten Vögel größtenteils als etwas dümmlich. Wie schlau kann man schon sein, wenn das eigene Gehirn gerade mal so groß wie eine Nuss ist?

Aber je mehr wir über Intelligenz lernen, desto mehr unserer Vorurteile erweisen sich als unhaltbar. Studien haben beispielsweise gezeigt, dass Krähen Werkzeuge herstellen, Raben Rätseln lösen und Papageien ein vielfältiges Vokabular haben.

Vögel nutzen den Platz in ihren kleinen Gehirnen bestens aus, indem sie ihn mit einer Menge Neuronen vollstopfen – und zwar effektiver als Säugetiere.

Aber wodurch zeichnet sich ein Vogel eigentlich als klug aus? Diese Definition sollte Wissenschaftlern zufolge umfassender sein, als sie es aktuell ist.

„Wenn man nach Argentinien fliegen, zurückkehren und wieder im selben Strauch landen kann, dann ist das eine Art von Intelligenz, die wir bei vielen anderen Lebewesen nicht wirklich positiv bewerten“, sagt Kevin McGowan. Er ist ein Experte für Krähen am Labor für Ornithologie in Ithaca, New York. „Wir haben das Spielfeld auf jene Dinge beschränkt, von denen wir glauben, dass nur wir sie tun können.“

Aber wenn es um einen Standardbegriff der Intelligenz geht – zum Beispiel beim Nachahmen menschlicher Sprache und dem Lösen von Probleme –, „landen wir immer bei Papageien und Corviden“, sagt McGowan.

RABEN

Die Angehörigen der Rabenvögel (Singvögel wie Raben, Krähen, Häher und Elstern) zählen zu den intelligentesten Vögeln, wobei der Kolkrabe (Corvus corax) McGowan zufolge wohl am besten ist, wenn es darum geht, schwierige Aufgaben zu lösen.

Eine Studie in „Science“ aus dem Jahr 2017 offenbarte zudem, dass Raben ihre Handlungen vorausplanen – ein Verhalten, das man lange Zeit nur Primaten zugeschrieben hatte.

In dem einfachen Experiment brachten Wissenschaftler den Vögeln bei, wie sie mit einem Werkzeug an Futter kommen konnten. Als ihnen fast 24 Stunden später eine Auswahl an Gegenständen präsentiert wurde, wählten die Raben dieses spezifische Werkzeug wieder aus, um die Aufgabe durchzuführen und ihre Belohnung zu erhalten.

„Affen konnten solche Aufgaben nicht lösen“, sagte Mathias Osvath, ein Forscher an der schwedischen Lund-Universität, in einem Interview.

KRÄHEN

Krähen schneiden bei Intelligenztests fast so gut ab wie Raben. McGowan verweist aber vor allem auf ihre fast schon unheimliche Fähigkeit, sich an menschliche Gesichter zu erinnern – und daran, ob eine bestimmte Person eine Gefahr darstellt.

„Sie scheinen ein gutes Gefühl dafür zu haben, dass jeder Mensch anders ist und sie ihn anders behandeln sollten.“

Krähen sind neuen Leuten gegenüber beispielsweise misstrauischer als Raben. Allerdings fühlen sie sich in der Gesellschaft von Menschen, mit denen sie vorher schon zu tun hatten, auch wohler, wie man in einer Studie aus dem Jahr 2015 nachlesen kann, die in „Behavioral Ecology and Sociobiology“ erschien.

„Die Krähen hier in der Gegend kennen mein Gesicht“, sagt McGowan. Zunächst schienen die Vögel in der Nähe des Labors McGowan nicht zu mögen, weil er sich ihren Nestern näherte. Aber seit er ihnen gesunde Snacks dalässt, lieben sie ihn.

„Sie erkennen mein Auto, sie erkennen meinen Gang, sie erkennen mich zehn Meilen entfernt von dem Ort, an dem sie mir vorher begegnet sind. Sie sind auf diese Art einfach erstaunlich.“

2015 erschien eine Studie im Fachmagazin „Animal Behaviour“, die nicht nur in Fachkreisen große Bekanntheit erlangte. In einem Experiment setzten Forscher Masken auf und legten Futter in Gebieten des US-Bundesstaats Washington aus, in denen es Krähen gab. Dabei hielten sie allerdings tote, ausgestopfte Krähen in den Händen.

Die Krähen reagierten fast durchweg, indem sie laut zeterten und sogar andere Krähen in der Nähe warnten. Als die Forscher Wochen später mit denselben Masken zurückkehrten – diesmal allerdings mit leeren Händen –, belästigten die Krähen sie wieder und nahmen sich vor der Gegend noch tagelang in Acht.

GRAUPAPAGEI

Obwohl viele Papageienarten ein Talent dafür haben, die menschliche Sprache nachzuahmen, ist der Graupapagei in dieser Hinsicht wohl der fähigste Vogel.

„In ihren kleinen Walnusshirnen geht eine Menge vor sich“, sagt McGowan. „Und sie leben so lange, dass sie eine Menge Intelligenz und Erinnerungen anhäufen können.“

In den 1950ern begann die Tierpsychologin Irene Pepperberg damit, einem Graupapagei namens Alex englische Worte beizubringen. Bevor er 2007 vorzeitig starb, beherrschte Alex etwa 100 Worte, konnte sie in Kontext verwenden und hatte sogar die Konzepte von „gleich“, „unterschiedlich“ und „Null“ begriffen.

Pepperberg arbeitet an der Universität Harvard nun mit einem anderen Graupapagei namens Griffin. Das Tier kann bereits Formen und Farben benennen und arbeitet an dem Konzept „Null“.

KAKAUDS

Kakadus sind die ersten Tiere, von denen man wusste, dass sie Musikinstrumente herstellen.

Bei der Balz benutzen australische Palmkakadumännchen Zweige und Samenhülsen als Schlagstöcke. Jedes Männchen hat seinen ganz eigenen musikalischen Stil – einen eigenen Rhythmus, den es erzeugt, indem es seine Instrumente gegen hohle Baumstämme schlägt.

Palmkakadus tanzen beim Trommeln zwar nicht, aber andere ihrer Verwandten haben durchaus ein Talent für rhythmische Bewegungen gezeigt.

Videos von Snowball, einem Gelbhaubenkakadu, der zu den Backstreet Boys und anderen Künstlern tanzt, haben vor ein paar Jahren das Internet erobert.

Snowballs Performance ist dabei nicht nur schön anzusehen – sie hat Wissenschaftlern auch zu der Entdeckung verholfen, dass Vögel einem Takt folgen können. Indem sie das Lied verlangsamten und beschleunigten, konnten sie feststellen, dass Snowball tatsächlich ein Gefühl für Tempo und Rhythmus besitzt.

DOHLENGRACKEL

Meist heimsen Corviden und Papageien das ganze Ansehen für die Intelligenz im Vogelreich ein, aber laut McGowan gibt es „noch Schläfervögel da draußen“, deren Intelligenz wir noch nicht richtig zu schätzen wissen.

Dohlengrackeln gehören beispielsweise zur selben Ordnung wie Amseln und Trupiale – keine Gruppe, die gemeinhin als besonders intelligent gilt.

Setzt man ihnen aber die klassischen Aufgaben vor, die man auch Raben und Krähen gibt, meistern die Dohlengrackeln sie mit Bravour.

Laut einer Studie, die 2016 in „PeerJ“ veröffentlicht wurde, mussten die Grackeln Rätsel lösen und erhielten dafür Futter. Sie erlernten nicht nur die Lösung des Problems, sondern passten auch ihre Strategien an, wenn die Regeln der Aufgabe geändert wurden.

Außerdem ging jede Grackel die Aufgabe auf eine andere Weise an. Die Tiere demonstrierten somit individuelle Denkweisen – eine Eigenschaft, die sie mit Menschen teilen.

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