Tiere

Neue Schlangenart im Magen einer anderen Schlange gefunden

Die geheimnisvolle Schlangenart, die hier zum Abendessen wurde, zeigt einige seltsame Verhaltensweisen. Unter anderem graben sie sich gerne in den Boden ein.Donnerstag, 20. Dezember 2018

Von Jake Buehler
Micrurus nigrocinctus ernährt sich oft von kleineren Schlangen, auch von einer bislang unbekannten Art.

Wissenschaftler haben eine Schlangenart entdeckt, die keiner bisher bekannten ähnelt. Doch dieses Reptil wurde nicht in seinem natürlichen Lebensraum im tropischen Mexiko gefunden. Die neue Spezies feierte ihre Premiere mit einem Auftritt an einem unkonventionelleren Ort: Im Bauch einer anderen Schlange.

Im Journal of Herpetology wurde das Tier in einem kürzlich veröffentlichten Paper zum ersten Mal beschrieben. Es bekam den passenden Namen Cenaspis aenigma, was sich als „rätselhafte Abendessen-Natter“ übersetzten lässt. Der Name lässt sich vom Lateinischen cena (Abendessen), aspis (Natter, eine Schlangengattung) und aenigma (Rätsel) ableiten.

Die Spezies weißt einzigartige Merkmale auf, die sie von ihrer Verwandtschaft unterscheidet. Dazu zählen die Form ihres Schädels, die Struktur, die den Hemipenis – das Fortpflanzungsorgan – bedeckt und die Schuppen unter ihrem Schwanz.

Versteckt in der Wildnis

Ausgehend von einigen Merkmalen des Skeletts und der Zähne gehen die Forscher davon aus, dass Cenaspis eine Schlangenart ist, die sich in den Boden eingräbt. Sie ernährt sich wahrscheinlich von Insekten und Spinnen. Erstaunlicherweise wurde noch nie ein lebendes Exemplar gefunden, weswegen es schwer ist, genau zu bestimmen, was die Tiere fressen oder wie sie leben, sagt Jonathan Campbell, ein Herpetologe an der University of Texas in Arlington und Leiter des Forschungsteams.

Die Schlange entgeht tatsächlich schon seit 42 Jahren der Entdeckung. Im Jahr 1976 fanden Palmen-Erntearbeiter im südlichen mexikanischen Bundesstaat Chiapas tief im Regenwald eine Micrurus nigrocinctus, eine Korallenotter-Art. Diese Spezies ist grell gefärbt und besitzt neurotoxisch wirkendes Gift. Als Wissenschaftler sie untersuchten, stellten sie fest, dass ihre letzte Mahlzeit eine kleinere Schlange gewesen war.

Eine Darstellung der neuen Spezies, Cenaspis aenigma.

Diese etwa 25 Zentimeter lange, männliche Schlange war etwas Besonderes. Sie ähnelte keiner bereits bekannten Art, weswegen das Exemplar für die Sammlung eines Museums konserviert wurde. Das Forschungsteam kehrte während der folgenden Jahrzehnte über ein Dutzend Mal in das Gebiet zurück, fanden jedoch nie einen lebenden Vertreter der merkwürdigen Schlangenart.

„Das beweist wieder einmal, wie unauffällig Schlangen sein können“, sagt Campbell. „Wenn man ihre zurückgezogene Natur und ihre oft begrenzte Bewegungsreichweite bedenkt, zeigen sich einige Schlangen nicht oft.“

Campbell glaube nicht, dass die Art schon vor den 1970er-Jahren ausgerottet wurde und deswegen seitdem nicht mehr gesichtet wurde. Er geht eher davon aus, dass Cenaspis immer noch irgendwo in Chiapas lebt. Da sie sich aber wohl eingräbt und auch sonst sehr scheu ist, ist sie nur schwer auffindbar.

Seltsame Merkmale

An der Bauchseite des Tieres befinden sich drei Gruppen von dreieckigen Flecken, die unregelmäßige Streifen bilden. Nur sehr wenige Neuweltschlangen weisen solche Streifen auf. Außerdem besitzt das Exemplar vierzehn kurze, kräftige Zähne in seinem Oberkiefer – die meisten Vertreter seiner Familie haben mehr oder weniger Zähne.

Der Hemipenis von Cenaspis ist aber wohl ihr skurrilstes Merkmal. Die meisten Verwandten haben Hemipenisse, die mit dornartigen Hautverknöcherungen bewehrt sind. In einigen Fällen besitzen sie am Ende eine komplexe Faltenstruktur, die Calyces genannt wird. Das Fortpflanzungsorgan der neuen Spezies ist dornenfrei und von oben bis unten mit Calyces bedeckt. Das verleiht ihm eine bizarre Wabenstruktur.

Die Schlange ist so einzigartig, dass es sich bei ihr nicht nur um eine neue Art, sondern auch um eine neue Gattung handelt. Die Gattung bezeichnet eine Gruppe eng miteinander verwandter Spezies. Ein Beispiel wäre die Gattung Canis zu der Canis lupus, der Wolf, gehört, aber auch andere Tiere wie Kojoten und Schakale.

Ein kleiner Blick auf einige der mehr als 200.000 Amphibien und Reptilien, die im Amphibian and Reptile Diversity Research Center der University of Texas in Arlington lagern.

Sara Ruane – eine Herpetologin und Evolutionsbiologin an der Rutgers University-Newark, die nicht an dieser Studie beteiligt war – ist beeindruckt von dem Fund.

„Das ist großartig für die Herpetologie und es erinnert uns daran, dass man nie weiß, welche Erkenntnisse man gewinnt, wenn man Feldforschung betreibt oder sich das näher anschaut, was schon in Museen steht – und warum diese Sammlungen so wichtig sind“, meint Ruane.

Kevin de Queiroz – Zoologe und Kurator der Sammlung von Amphibien und Reptilien im Smithsonian’s National Museum of Natural History – stimmt dem zu.

„Es ist immer interessant, eine Spezies zu finden, die der Wissenschaft bislang unbekannt war. Noch viel mehr, wenn sie keine großen Verwandtschaftsmerkmale zu bereits bekannten Arten aufweise.“

Es überrascht jedoch weder Ruane noch Queiroz, dass es eine Korallenotter war, die die unglückselige Cenaspis vor den menschlichen Wissenschaftlern fand. Diese Tiere jagen und fressen mit Vorliebe kleinere Schlangen und die Cenaspis ist nicht die erste Art, die man in einer Korallenotter gefunden hat; das ist schon ein paar Mal zuvor passiert. Doch soweit Campbell weißt, ist „dies das erste Mal, dass eine neue Gattung im Magen einer Korallenschlange entdeckt wurde.“

Über die Biologie der „Abendessen-Natter“ ist nicht viel bekannt, aber der ungewöhnliche Fundort der Schlange in der Schlange erteilt uns eine wichtige Lektion über die Biodiversität der Erde und wie viel wir davon überhaupt nicht mitbekommen.

„Die Entdeckung macht uns klar, dass es auch heute noch mit hoher Wahrscheinlichkeit undentdeckte, neotropische Schlangenarten gibt, die sich evolutionär gesehen relativ isoliert sind“, sagt de Queiroz.

Für Campbell lässt die Einzigartigkeit von Cenaspis Rückschlüsse darauf zu, dass ihr Lebensraum ähnlich besonders ist und dazu unersetzlich – und er als Nationalpark oder Schutzgebiet betrachtet werden sollte.

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