Als die Haie laufen lernten

Seit 2008 wurden laut einer neuen Studie vier neue Arten dieser farbenfrohen, aber oft übersehenen Riffbewohner entdeckt. Freitag, 31. Januar 2020

Haie bevölkern die Weltmeere schon seit Millionen von Jahren. Während dieser langen Zeit haben sich viele ihrer Arten nur kaum verändert. Doch einige etwas merkwürdig anmutende Vertreter entwickeln sich noch immer weiter – und haben gelernt zu laufen.

Die rund 1,20 Meter langen Epaulettenhaie leben in den Riffregionen vor Australien und besitzen die außergewöhnliche Eigenschaft, mit ihren Vorder- und Bauchflossen über den Meeresboden zu marschieren – und bei Ebbe sogar auf den Korallenriffen außerhalb des Wassers. Diese Mobilität erlaubt es den Tieren, sich zwischen Gezeitenbecken zu bewegen und in verschiedenen Bereichen des Riffs Beute zu machen. Zu dieser zählen Krebse, Garnelen, kleine Fische – so ziemlich alles, dessen sie habhaft werden können.

„Wenn der Wasserstand sinkt, werden sie zum Spitzenprädator im Riff“, sagt Christine Dudgeon, die an der University of Queensland in Brisbane, Australien, forscht.

In einer Langzeitstudie widmete sich ein international aufgestelltes Wissenschaftsteam dieser Eigenart und entdeckte dabei seit 2008 vier neue Epaulettenhaiarten. Somit sind aktuell 9 Arten bekannt, die dieses Verhalten des „Laufens“ zeigen. Das Paper, das in der Woche vom 20. Januar 2020 im Magazin „Marine and Freshwater Research“ veröffentlicht wurde, legt nun die Erkenntnis der Forscher dar, dass die Arten sich erst im Verlauf der letzten neun Millionen Jahre entwickelten.

Das ist mehr als ungewöhnlich, erklärt Gavon Naylor, Direktor des Florida Program for Shark Research der University of Florida, weil die meisten Haie sich nur äußerst langsam weiterentwickeln.

So wirken beispielsweise die Sechskiemerhaie der Tiefsee, wie ein Relikt aus längst vergangen Zeiten, sagt Naylor. „Es gibt Funde von Tieren, die vor 180 Millionen Jahren gelebt haben, und die gleichen Zähne besaßen.“

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Darüber hinaus nehmen die Wissenschaftler an, dass die Entwicklung der Epaulettenhaie in ihrem natürlichen Lebensraum der tropischen Gewässer um Australien, Papua-Neuguinea und Ost-Indonesien noch nicht abgeschlossen ist.

„Das ist vielleicht der einzige Ort auf der Welt, an dem noch Artentstehung bei Haien stattfindet“, erklärt Naylor. Die Beobachtung dieser Tiere wird es den Forschern ermöglichen, zu verstehen, warum „einige sich weiterentwickeln und andere nicht“, fügt er hinzu.

Vor langer Zeit

Vor etwa 400 Millionen Jahren entwickelten sich die Vorfahren der Haie und alle anderen Wirbeltiere. Seitdem tauchten nur etwa 1.200 Hai- und Rochenarten im Verlauf der Geschichte auf. Die meisten der Arten entwickeln sich langsam, pflanzen sich langsam fort und leben sehr lange, führt Naylor aus.

In anderen Situationen würde diese Kombination ein Tier weniger anpassungsfähig machen und es damit Gefahr laufen, schneller auszusterben. In vielen Fällen ist fortwährende Evolution außerdem notwendig um sich an veränderte Lebensbedingungen anzupassen.

Man könnte also laut Naylor sehr wohl die Frage stellen, warum Haie bei einer derart langsamen Weiterentwicklungsrate nicht längst ausgestorben sind.

Dass Haie dennoch nicht ausgestorben sind, ist offensichtlich. Ganz im Gegenteil: Ihre Populationen entwickelten sich prächtig und sie haben unzählige Meerestierarte überlebt, die während ihrer langen Herrschaft über die Ozeane kamen und gingen. Offensichtlich haben sie für sich eine Methode gefunden, die funktioniert, auch wenn sich die Welt um sie herum ständig wandelt.

Naylor gibt an, dass die artenreichen Korallenriffe, in denen die Epaulettenhaie leben, sich über die vergangenen Zeitalter stetig veränderten. Dazu trugen die Gezeiten, Strömungsverschiebungen, gesunde oder sterbende Riffe und Temperaturschwankungen bei. Diese Dynamik ist wahrscheinlich auch für die beschleunigte Evolution und die besonderen Eigenschaften dieser speziellen Haie verantwortlich.

„Es ist das Hai-Äquivalent zu den Galapagosinseln, wo man Evolution live beobachten kann.“

 Außerdem sind diese Haie echte „Stubenhocker“, erklärt Dudgeon. Sie legen ihre Eier im Riff ab und wandern nie weit von ihrem Geburtsort weg. Das führt zu keinem großen Genaustausch – und doch haben scheinbar unüberwindliche Hindernisse wie kleine Tiefseestrecken für genug Abschottung gesorgt, dass sich an verschiedenen Orten unterschiedliche Unterarten herausbilden konnten.

Unbekannte Spaziergänger

Bis zum Jahr 2008 glaubten die Wissenschaftler noch, dass es nur 5 Arten von Epaulettenhaien gibt. Die meisten dieser Tiere haben eine ähnliche Anatomie, sind jedoch sehr unterschiedlich gefärbt und weisen unterschiedliche Hautzeichnungen auf. Eine detaillierte Genanalyse im Rahmen der neuen Studie zeigte, dass man tatsächlich neun Arten unterscheiden kann, und auch, wann genau sie sich in der Vergangenheit voneinander getrennt haben.

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Dudgeon arbeitete beim Sammeln der DNA-Proben mit Gerry Allen vom Western Australian Museum und Mark Erdmann von Conservation International zusammen. Dazu fingen sie Haie aus der entsprechenden Region und entnahmen ihnen ein winziges Stückchen aus der Rückenflosse, ohne den Tieren dabei Schaden zuzufügen. Darüber hinaus wurden auch Proben aus Museumsexponaten mit einbezogen. Die Proben wurden dann in Naylors Labor sequenziert, analysiert und miteinander verglichen, um so einen phylogenetischen Baum  - eine genetische Karte – der Gattung Hemiscyllium aufzustellen.

Wie die meisten Haie werden sie von Überfischung und Bejagung für den Aquarienhandel bedroht. Der Lebensraum einiger Arten beschränkt sich auf vergleichsweise kleine Gebiete, was ihnen wenig Ausweichmöglichkeiten lässt, sagt Dudgeon.

Darüber hinaus wurden einige der Unterarten erst kürzlich zum ersten Mal beschrieben und noch wenig erforscht. Es gibt einfach nicht genug Daten, um mehr als drei der neun bekannten Spezies in die „Rote Liste der bedrohten Tier- und Pflanzenarten“ der Weltnaturschutzunion (IUCN) aufnehmen zu lassen. Glücklicherweise sind sie wahrscheinlich zum jetzigen Zeitpunkt weder stark gefährdert noch vom Aussterben bedroht, aber in einigen Fällen „wissen wir einfach nicht, wie es ihnen geht“, sagt Dudgeon. „Diese Arten sind uns bislang noch weitestgehend unbekannt.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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