Grzimeks Erbe

Bernhard Grzimeks Dokumentarfilm „Serengeti darf nicht sterben“ erhielt 1960 einen Oscar. Der Biologe Christof Schenck führt das Erbe Grzimeks in Ostafrika fort – wir haben mit ihm gesprochen.

Veröffentlicht am 30. Nov. 2021, 10:46 MEZ, Aktualisiert am 2. Dez. 2021, 13:22 MEZ
Alte Fotoaufnahme: Prof. Bernhard Grzimek mit einem Gepard im TV-Studio.

Mit seinen TV-Sendungen machte Bernhard Grzimek auf das Schicksal der Tiere in Afrika aufmerksam und sammelte Geld für die Serengeti. Einen Gepard würde er heute wohl nicht mehr ins Studio bringen.

Bild Prof. Bernhard Grzimek / Okapia

Bernhard Grzimek war der Mann, der die Serengeti in die deutschen Wohnzimmer gebracht hat. Sein Dokumentarfilm „Serengeti darf nicht sterben“ erhielt 1960 einen Oscar. Mit der Sendung „Ein Platz für Tiere“ schrieb er TV-Geschichte. Der Biologe Christof Schenck führt als Geschäftsführer der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF) das Erbe Grzimeks in Ostafrika fort – und setzt sich für den Schutz der Serengeti ein.

NATIONAL GEOGRAPHIC: Herr Schenck, Ihre Naturschutzorganisation kümmert sich jedes Jahr mit Millionensummen um den Erhalt der Serengeti. Wie kam es zu diesem Engagement?
Christof Schenk:
Das geht auf Bernhard Grzimek zurück. Er war ja Zoodirektor, Veterinärmediziner, Buchautor, Filmemacher, Visionär des Naturschutzes – alles in einer Person! Und er war nach dem Zweiten Weltkrieg auch Leiter unserer Organisation, die ja ursprünglich ein Zoo-Förderverein gewesen war. Mit Grzimek hat also der internationale Naturschutz bei der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt Einzug gehalten.

Das hört sich visionär an, so kurz nach dem Zusammenbruch der Nazidiktatur auf Internationalität zu setzen.
Ursprünglich ging es Grzimek darum, den Frankfurter Zoo wiederaufzubauen. Der lag 1945 völlig darnieder, kaum ein Tier hatte die Luftangriffe überlebt. Und weil man damals noch nicht wusste, wie man Tiere in Gefangenschaft züchtet, reiste der Zoodirektor Grzimek nach Ostafrika, um Tiere zu beschaffen. So kam er zusammen mit seinem Sohn Michael in die Serengeti. Dort hat er dann die Bedrohungen für die Tierwelt gesehen – und gehandelt.

Was würde er denken, wenn er heute in die Serengeti käme?
Er wäre begeistert davon, dass es wieder um die hundert Nashörner gibt, dass 7000 Elefanten da sind und mehr als 3000 Löwen. Ein Wunder in diesem so stark veränderten Afrika. Wenn Sie von der Serengeti aus nach Westen fliegen, steht jeder Quadratmeter unter dem Pflug, da gibt es nur noch Menschen und Siedlungen. Unvorstellbar, dass irgendein Elefant oder ein Gepard oder ein Löwe dorthin seinen Fuß setzen würde.

Welche Rolle spielt die ZGF dabei?
Mit den tansanischen Behörden kümmern wir uns um die Luftüberwachung, Patrouillen, die Fahrzeugwerkstatt oder das Einsammeln von Wildererschlingen. Wichtig ist heute auch die Arbeit im Umfeld des Parks. Da geht es um Landnutzungsplanung, Einkommensalternativen und darum, Tier-Mensch-Konflikte zu verhindern, mit Elefanten zum Beispiel.

 

Mit ihrem Flugzeug (Bild o.) verfolgten Bernhard Grzimek (l.), sein Sohn Michael (M.) und dessen Schulfreund Hermann Gimbel (r.) die Wanderrouten der Tiere in der Serengeti. 

Bild Prof. Bernhard Grzimek / Okapia

Grzimek könnte sich also zufrieden zurücklehnen?
Ich glaube, er wäre unserer Ansicht, dass es noch Riesendefizite gibt, was die umliegende Bevölkerung angeht. Die profitiert nur marginal von dem Park, der ja eigentlich eine große Geldmaschine ist.

Warum?
Die Barkeeper in den Resorts oder die Automechaniker der Veranstalter kommen praktisch nie aus den Dörfern der Umgebung, sondern aus Daressalam oder anderswo her. Auch das Essen für die Lodges wird eingeflogen und nicht vor Ort auf dem Markt gekauft.

Brauchen die Touristen denn wirklich norwegischen Lachs in der Lodge?
Die Tourismusindustrie müsste viel selbstkritischer sein. Wir alle sollten dafür sorgen, dass die Serengeti sozial, ökonomisch und ökologisch nachhaltig wird. Die ersten zwei elektrischen Safari-Fahrzeuge habe ich im Sommer gesehen. Aber es braucht auch Ausbildung für die lokale Bevölkerung, Arbeitsplätze, Solarenergie. Das wäre der Weg in eine bessere Serengeti. Dieser berühmteste Nationalpark überhaupt muss ein Vorzeigepark werden!

Mit Attrappen erforschte Bernhard Grzimek das Verhalten der Tiere in der Serengeti.

Bild Prof. Bernhard Grzimek / Okapia

Ist dafür nach Corona Geld da?
Wenn wir ehrlich sind, hatte die Serengeti vor Corona die Schwelle zum overtourism überschritten. Da war es nicht ungewöhnlich, dass 30, 40 Fahrzeuge um einen Leoparden herumstanden. Jetzt gibt es die große Chance, es besser zu machen. Natürlich ist der Tourismus eine gute Einnahmequelle, aber er muss gut gemacht sein. Und es ist fatal, wenn er plötzlich zusammenbricht.

Wie hat Corona die Nationalparks erwischt?
Vor Corona hatte die tansanische Nationalparkbehörde für ihre 22 Parks 110 Millionen Euro zur Verfügung, aus Eintrittsgeldern. Ab März letzten Jahres waren es noch 0,7 Millionen. Deutschland hat sich zu großen Hilfszahlungen verpflichtet und insgesamt 20 Millionen Euro bereitgestellt.

Bei der nächsten Pandemie wäre Tansania aber wieder in einer Notlage...
Deswegen hat die Bundesregierung jetzt mit der ZGF und anderen Organisationen zusammen die Stiftung „Legacy Landscapes“ auf den Weg gebracht. Sie soll eine dauerhafte Basisfinanzierung liefern, damit die Nationalparks in solchen Notsituationen zumindest den grundlegenden Betrieb weiterführen können. Corona zeigt: Das hätten wir schon viel früher machen müssen!

Die KfW-Bank ist einer der größten Geber für Ihre Arbeit in der Serengeti. Ist das auch Grzimeks Verdienst?
Über die Person Bernhard Grzimek und „Serengeti darf nicht sterben“ gab es bereits vor über 60 Jahren einen engen Bezug zwischen Deutschland und Tansania. Grzimek hat propagiert, dass Naturschutz für die Menschen gemacht wird. Die Ansätze wurden weiterentwickelt, und die KfW-Entwicklungsbank ist ein ganz entscheidender Partner, denn über sie kommt die Förderung der Bundesregierung vor Ort an.

Seit 2000 leitet Christof Schenck die traditionsreiche Zoologische Gesellschaft Frankfurt. Davor erforschte der Biologe Riesenottern im Regenwald in Peru.

Bild Jeldrik Schröer / ZGF

Sollten wir nicht lieber deutsche Nationalparks unterstützen?
Die Serengeti ist siebenmal so groß wie alle 16 deutschen Nationalparks zusammen, und die Biodiversität ist viel größer. Trotzdem liegt ihr Etat bei einem Viertel dessen, was der Nationalpark Bayerischer Wald allein zur Verfügung hat. Das ist unglaublich im Vergleich!

Lässt sich Naturschutz bei uns gegen Naturschutz in Afrika aufwiegen?
Natürlich nicht. Aber Deutschland ist im internationalen Kontext nicht bedeutsam, was die biologische Vielfalt angeht, deswegen müssen wir uns aus dem Fokus Deutschland lösen. Die Welt der Biodiversität spielt in der Tropenzone, also müssen wir auch da Geld ausgeben, um diese Welt zu stabilisieren.

Würde Grzimek sich heute für Insekten und Biodiversität einsetzen? Oder wäre er Tierschutzaktivist? In Restaurants soll er ja Aufkleber mit „Esst keine Schildkrötensuppe“ verteilt haben...
„Der Einzige, der einen Ozelotpelz wirklich braucht, ist der Ozelot“, hat Grzimek mal gesagt. Trotzdem wäre er wohl nicht Mr. Peta geworden. Er hätte seinen Fokus auf die großen Schutzgebiete und Ökosysteme gelegt, über das individuelle Tierwohl hinaus. Missstände hätte er trotzdem benannt. Wir haben vor Jahren mal einen Brief im Regal gefunden, da hat er sich in den Sechzigern beim Landwirtschaftsminister über die Massentierhaltung bei Hühnern beschwert. Den Brief hätte man heute noch 1:1 an Frau Klöckner schicken können.

Die Dezember 2021-Ausgabe von NATIONAL GEOGRAPHIC ist seit dem 19. November 2021 im Handel erhältlich.

Bild NATIONAL GEOGRAPHIC

Dieser Artikel erschien in voller Länge und mit zahlreichen weiteren Infos, Reportagen und Bildern über die Serengeti in der Dezember 2021-Ausgabe des deutschen NATIONAL GEOGRAPHIC Magazins. Verpassen Sie keine Ausgabe mehr: Sichern Sie sich die nächsten 2 Ausgaben zum Sonderpreis!

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