Sind Rabenvögel in Deutschland zur Plage geworden?

Unglücksrabe, Hexentiere, Galgenvogel, böses Omen – und für die Landwirtschaft ein zunehmendes Problem: Raben und Krähen stehen in Deutschland seit Längerem in der Kritik. Doch nehmen sie wirklich Überhand?

Von Katarina Fischer
Veröffentlicht am 25. Aug. 2022, 13:29 MESZ
Seitliches Porträt eines Rabenvogels.

Extrem sozial, überdurchschnittlich intelligent und trotzdem für viele ein Problemtier: der Rabenvogel. 


 

Foto von Peter Lloyd / Unsplash

Ob in Städten oder auf Feldern, sie sind scheinbar überall und das wortwörtlich in Scharen: Corvidae – die Rabenvögel. Sie sind extrem anpassungsfähig, äußerst sozial, im Vergleich zu anderen Vögeln überdurchschnittlich intelligent – und in weiten Teilen der Bevölkerung alles andere als beliebt. So erinnert ihre Situation in gewisser Weise an die des Wolfs: Wie er wurden die Vögel in Deutschland jahrhundertelang teilweise bis zur Ausrottung gejagt und auch ihre durch Naturschutzmaßnahmen ermöglichte Rückkehr sorgt teilweise für heftige Konflikte.

Bauernverbände fordern den vermehrten Abschuss der Tiere, vielerorts werden sie als unkontrollierbares Problem wahrgenommen. Tierschutzverbände machen sich für ihren Schutz stark. Wie groß ist das Problem tatsächlich?

Gibt es zu viele Rabenvögel in Deutschland?

Ab der Neuzeit wurden Rabenvögel als landwirtschaftliche und Wildschädlinge intensiv verfolgt und abgeschossen, mit erschreckender Effizienz: Bis ins Jahr 1940 galten Kolkraben in Mitteleuropa als fast ausgerottet. Auch andere Rabenvogelarten wurden in ihrem Bestand bedrohlich dezimiert.

Auch wenn ihr eher unmelodisches Krächzen etwas anderes vermuten lässt: Rabenkrähen, Elstern, Saatkrähen, Eichelhäher und Kolkraben zählen zu den Singvögeln und verfügen über ein großes Repertoire an verschiedenen Rufen. Seit Inkrafttreten der EG-Vogelschutzrichtlinie im Jahr 1979 unterstehen Singvögel nicht mehr dem Jagd-, sondern dem Naturschutzrecht. Ihr Abschuss oder Fang ist nur noch mit Genehmigung der Naturschutzbehörden zulässig und während der Brutzeit generell verboten. Auch die Lebensräume der Vögel stehen unter besonderem Schutz.

“Die Bestände von Kolkraben und Saatkrähen haben sich seit Mitte der Achtzigerjahre jeweils knapp verdoppelt, beziehungsweise verdreifacht. Diese Bestandsentwicklungen sind als moderat zu bewerten.”

von Martin Rümmler
Referent für Vogelschutz beim NABU

Seitdem sind die Populationen in Deutschland wieder gewachsen. Ihr artgemäßes Auftreten in großen Gruppen vermittele mancherorts den Eindruck, ihre Zahl würde Überhand nehmen, sagt Martin Rümmler, Referent für Vogelschutz beim Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU) – ein Eindruck, der täusche: Ihm zufolge hat ein Anstieg der Populationen zwar stattgefunden, allerdings nicht in problematischem Umfang. „Die Bestände von Kolkraben und Saatkrähen haben sich seit Mitte der Achtzigerjahre jeweils knapp verdoppelt, beziehungsweise verdreifacht“, sagt er. „In Anbetracht der geringen Bestandszahlen, die die Populationen vor Einführung der Regelung zu Verfolgungen hatten und dem entsprechenden Zeitraum sind die Bestandsentwicklungen als moderat zu bewerten.“

Angaben des NABU zufolge leben in Deutschland derzeit etwa 15.500 bis 22.000 Kolkraben- und bis zu 89.000 Saatkrähen-Brutpaare. Zum Vergleich: Straßentauben brüten mit 190.000 bis 310.000 Paaren in Deutschland, die Amsel – der neben dem Buchfinken hierzulande am häufigsten vorkommende Brutvogel – ist mit bis zu 9,5 Millionen Brutpaaren vertreten.

Dass die Rabenvogelpopulationen explodieren, ist dem NABU zufolge gar nicht möglich, weil die Anzahl ihrer Brutreviere stark begrenzt ist – Tiere, die keinen Platz ergattern, können nicht brüten. Oft würden sie dann die Brut eines Revierinhabers zerstören, um das Territorium selbst einzunehmen. Die Fortpflanzung stagniere und der Bestand reguliere sich selbst.

Landwirte gegen Saatkrähen

Die deutschen Landwirte haben diesbezüglich jedoch einen anderen Eindruck. Ihnen sind besonders Saat- und Rabenkrähen ein Dorn im Auge, die in den letzten Jahren in immer größeren Mengen frisch ausgebrachtes Saatgut und Sprösslinge von den Feldern picken. Der Landesbauernverband in Baden-Württemberg e.V. hat als erster deutscher Bauernverband im Rahmen einer Mitgliederbefragung im Jahr 2021 die Schäden erfasst, die Rabenvögel auf landwirtschaftlichen Flächen anrichten. „Unsere Landwirte berichten, dass sich die Populationsgrößen in den vergangenen Jahren teilweise vervielfacht haben. Konkret bedeutet dies, dass Schwärme mit einer Größe von bis zu 200 Rabenvögeln in die Felder einfallen“, sagt Dr. Dominik Modrzejewski, Referent des Landesverbands für Pflanzliche Erzeugnisse. „Die Probleme sind immens mit bis zu 25.000 Euro Schaden, die auf einen einzelnen Betrieb zukommen.“

Viele Landwirte fühlen sich machtlos. Laut Modrzejewski sind einfache Abwehrmaßnahmen wie Vogelscheuchen, Reflektoren, Flatterbänder und Vogelschreck gegen die Krähen unwirksam, sobald bei den Tieren ein Lerneffekt einsetzt. Hagelnetze würden durchpickt, Schreckschüsse wegen des Lärms in der Bevölkerung nicht akzeptiert und vor dem gezielten Abschuss durch Jäger stehe ein langwieriges, behördliches Antragsverfahren. Genehmigungen kämen meist zu spät – wenn sie überhaupt erteilt würden.

Rabenvögel leben meist monogam mit einem lebenslangen Brutpartner und bilden gemeinsam mit anderen Artgenossen große Schlaf- und Brutkolonien – die des Nacktschnabelhähers umfasst beispielsweise durchschnittlich 250 Einzelvögel. Lediglich der Kolkrabe zieht es vor, allein mit seinem Partner zu sein, und taucht paarweise auf.

Foto von Aleksei Zaitcev / Unsplash

So bliebe als einzige effektive Maßnahme das Beizen des Saatguts, eine Technik, die seit der Antike betrieben wird und Saat und Keimling für die Vögel ungenießbar macht. Doch der Einsatz der Mittel ist nicht unumstritten – für Zugvögel, die auf den behandelten Feldern Rast machen, können sie teilweise tödlich sein. Einige Beizmittel dürfen darum inzwischen nicht mehr verwendet werden. „Seit dem Wegfall der Zulassung des Beizmittels Mesurol verschärft sich das Problem im Mais zusehends“, sagt Modrzejewski.

Die durch Saat- und Rabenkrähen verursachten Schäden haben Modrzejewski zufolge ein nicht mehr tolerierbares Niveau erreicht. Der Bauernverband fordert deswegen eine Aufhebung der Schonzeit für Rabenvögel und beschleunigte Ausnahmeregelungsverfahren.

Laut einer noch unveröffentlichten Studie, die der NABU beauftragt hat, sind in den Jahren 2011 bis 2016 Ausnahmeregelungen für die Tötung von knapp 57.000 Rabenkrähen erteilt worden, sagt unterdessen Martin Rümmler. Außerdem seien knapp 1.100 Nester und 200 Brutbäume der Saatkrähe entfernt worden. „Wo die Regierung bei einem jährlichen Abschuss von 15 Prozent des Bestands noch eine ‚Ausnahme‘ sieht, ist ein Rätsel“, heißt es in einem Informationsblatt des Naturschutzbundes.

Saatkrähen ernähren sich – anders als ihr Name vermuten lässt – nicht ausschließlich von Sämereien. Auf ihrem Speiseplan stehen neben pflanzlichem Futter auch Regenwürmer, Bodeninsekten, Larven und sogar Mäuse. Der NABU sieht in der Vernichtung anderer Lebensräume der Saat- und Rabenkrähen – etwa der Auenwälder – die Ursache für den Konflikt mit den Landwirten: Durch das Verschwinden von Lebensräumen und Nahrungsangeboten an anderer Stelle blieben den Tieren nur die Felder, um ihren Hunger zu stillen.

Sind Kolkraben eine Gefahr für Lämmer?

Während Krähen für Ertragsverluste auf landwirtschaftlichen Flächen verantwortlich gemacht werden, wird den Kolkraben – mit einer Flügelspannweite von bis zu 130 Zentimetern die größten Rabenvögel Europas – Mordlust unterstellt. Schäferverbände schlagen Alarm und werfen den „Killer-Raben“ tödliche Attacken auf Lämmer vor: Tausende würden ihnen und anderen Rabenvögeln jedes Jahr zum Opfer fallen, darunter auch gesunde Tiere. Weil nicht alle Schäfer ihre Verluste melden, liegen keine verlässlichen Zahlen zu den Schäden vor, doch nach Aussage der Zuchtbetriebe sind Lämmer durch Raben inzwischen stärker gefährdet als durch Wölfe.

Als Aasfresser kümmern Rabenvögel sich um den Naturhaushalt: Was tot und krank ist, entfernen sie. Eine Funktion, die für das Ökosystem wichtig, aber nicht gut fürs Image ist. „Finden sich heute Raben, Elstern oder Krähen an einem Kadaver ein, wird ihnen gleich ein Mord unterstellt“, so der NABU. Ihrem Appetit auf Aas verdanken Raben den Beinamen „Galgenvogel“, weil sie in früheren Zeiten das Fleisch Erhängter, die am Galgen baumelten, von den Knochen pickten. Auch auf Schlachtfeldern dauerte es nie lang, bis Raben und Krähen sich an den Gefallenen zu schaffen zu machten. Doch dass Raben gesunde Tiere gezielt reißen, schließt Martin Rümmler aus.

“Finden sich heute Raben, Elstern oder Krähen an einem Kadaver ein, wird ihnen gleich ein Mord unterstellt.”

von NABU

Aasfresser – oder Mörder?

Ihm zufolge liegt auch in diesem Fall eine Fehlinterpretation des Vogelverhaltens vor. Denn was Kolkraben dazu motiviert, sich in der Nähe von Tierherden aufzuhalten, sei nicht der Spaß am Morden, sondern die Futtersuche. „Häufig gehen Kolkraben und Co. als typische Aasfresser an bereits tote Tiere. Oder sie versuchen beim Geburtsgeschehen auf offener Weide, an Geburtsschleim, Nabelschnur und Nachgeburt zu gelangen“, sagt Rümmler. „Wenn sie diese oder Kadaver mit blutigen Schnäbeln bearbeiten, kann es zu Szenen kommen, die aus menschlicher Sicht unappetitlich sind, aber den Nutztieren nicht schaden.“

Auch wenn Belege und Beweise für tödliche Rabenattacken in den meisten Fällen fehlen, werden die Rufe von Schäfern und Viehhaltern nach einer Bejagung der Vögel immer lauter. Naturschützer schlagen stattdessen vor, durch Maßnahmen wie alternative Futterangebote oder die Stallhaltung lammender Schafe die Konfliktsituationen gar nicht erst entstehen zu lassen. Der NABU fordert außerdem eine genaue Dokumentation der Rahmenbedingungen von vermeintlichen Rabenangriffen und in jedem Verdachtsfall die Ermittlung der Todesursache durch einen Amtstierarzt. Nur so könne das Problem konkret beziffert und herausgefunden werden, ob Rabenvögel zu Recht beschuldigt werden.

Ein Rabe kommt selten allein

Doch auch dort, wo sie keine wirtschaftlichen Schäden verursachen, sind Rabenvögel nicht immer gern gesehen. In besiedelten Gebieten fallen sie negativ auf, weil sie mit ihrem Kot die Umgebung verschmutzen und mit ihrem lauten Krächzen die Ruhe stören. Viele Menschen fühlen sich an den Hitchcock-Film Die Vögel erinnert und haben das Gefühl, die Zahl der Tiere in ihren Städten und Dörfern würde immer mehr zunehmen.

Und tatsächlich kommen Rabenvögel in den letzten Jahrzehnten vermehrt in die Siedlungsbereiche: Dort gibt es in Form von Abfällen und Fütterungen ein reichhaltiges Nahrungsangebot, größer als in der freien Feldflur und im Wald, wo es aufgrund der immer intensiveren Land- und Forstwirtschaft stetig zurückgeht. Außerdem fühlen sich die Tiere in Städten und Dörfern sicher, weil sie in besiedelten Gebieten nicht gejagt werden dürfen.

Im Mittelalter waren Rabenvögel in Städten gern gesehen, weil sie Abfall und Unrat beseitigten. Auch heute haben die Tiere unseren urbanen Müll als Nahrungsquelle für sich entdeckt, doch im Gegensatz zu früheren Zeiten sind sie jetzt weitaus weniger willkommen. 


 

Foto von Irena Carpaccio / Unsplash

Gerade in den Wintermonaten suchen Rabenvögel wegen des milderen Klimas Siedlungsgebiete auf und lassen sich dort in großen Gruppen nieder – ein Eindruck, der in die Irre führen kann. Denn vom Herbst bis ins Frühjahr sammeln sich die Einzeltiere aus einem großen Einzugsgebiet an Massenschlafplätzen: die sichtbare Menge entspricht also nicht dem tatsächlichen Ortsbestand. Hinzu kommen Zuzügler aus nordöstlichen Brutgebieten, die den Bestand zeitweise vergrößern und am Ende des Winters die Region wieder verlassen.

Elstern, die deswegen unbeliebt sind, weil sie die Nester anderer Singvögel ausräumen, bauen zudem immer mehrere Nester, brüten aber nur in einem davon. So entsteht der Eindruck, die Tiere würden sich stark ausbreiten, was jedoch nicht der Fall ist: Zählungen des NABU zufolge wird zum Beispiel im Großraum Stuttgart nur eines von zehn Nestern auch wirklich bebrütet. Davon profitieren andere Vogelarten wie Baumfalke oder Waldohreule, die selbst keine Nester bauen und die ungenutzten Elsternester beziehen.

Ein Mosaiksteinchen im Gesamtbild der Natur

Die krächzenden Aasfresser mögen nicht unbedingt die Herzen höherschlagen lassen. Aber Rabenvögel sind ein unverzichtbarer Bestandteil der Natur: Sie räumen Ökosysteme auf, dämmen so die Verbreitung von Krankheiten ein und regulieren die Populationen anderer Tierarten auf ein gesundes Maß.

Dass sie dabei mit dem Menschen in Konflikt geraten, ist – wie so oft in Bezug auf unbeliebte Tierarten – meist dem Umstand geschuldet, dass Lebensräume dezimiert werden, Futterquellen versiegen und die Lebensräume der Tiere sich mehr und mehr mit unseren eigenen überschneiden. So sind uns Rabenvögel gefühlt oft zu nah – zu viele sind sie aber nicht.

Wei­ter­le­sen

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