Freude, Trauer, Empathie: Die Gefühlswelt der Tiere

Von Ratten, die helfen wollen, und Affen, die sich beschweren. Manche Tiere haben ein inneres Erleben so vielschichtig wie unseres.

Von Yudhijit Bhattacharjee
Veröffentlicht am 22. Sept. 2022, 16:17 MESZ
Elstern, die wie Raben zur Familie der Corviden gehören, zählen zu den wenigen Nichtsäugetieren, die den ...

Elstern, die wie Raben zur Familie der Corviden gehören, zählen zu den wenigen Nichtsäugetieren, die den Spiegeltest bestehen. Wenn sie auf ihrem Körper einen Fleck entdecken, der nur im Spiegelbild sichtbar ist, versuchen sie, ihn zu entfernen. Folglich scheinen sie sich selbst zu erkennen.

Foto von Tim Flach

Seit acht Jahren lebe ich mit dem Hund Charlie zusammen. Komme ich nach Hause, begrüßt er mich überschwänglich, auch wenn ich nur kurz einkaufen war. Wenn ich lache, höre ich seinen Schwanz im Nebenzimmer auf den Boden klopfen. Regelmäßig frage ich meine Frau: „Glaubst du, er liebt mich?“ „Ja, natürlich!“, antwortet sie zuverlässig. Während Charlie auf der Veranda in der Sonne liegt, kommt mir eine weitere, tiefgründigere Frage in den Sinn: Inwieweit ähnelt der Verstand von Tieren dem unseren? Haben andere Spezies Gedanken, Gefühle und Erinnerungen so wie wir?

​Gefühle bei Tieren: Vor 30 Jahren in der Wissenschaft noch unbeachtet

Als Menschen halten wir uns immer noch für außergewöhnliche Wesen, die sich grundlegend von anderen Tieren unterscheiden. Doch in den letzten 50 Jahren haben Wissenschaftler eine Menge Belege für die Intelligenz vieler nicht menschlicher Spezies gesammelt. Geradschnabelkrähen knipsen Zweige ab, um damit Insektenlarven aus Baumstämmen zu angeln. Kraken lösen Rätsel und schützen ihre Höhlen, indem sie Steine vor den Eingang legen. Wir zweifeln nicht mehr daran, dass viele Tiere über beeindruckende kognitive Fähigkeiten verfügen. Doch sind sie vielleicht nicht einfach nur hoch entwickelte Wesen auf Autopilot, die auf Überleben und Fortpflanzung gepolt sind?

Eine wachsende Zahl von Verhaltensstudien sowie Einzelbeobachtungen aus freier Wildbahn – beispielsweise eine Schwertwalmutter, die ihr totes Kalb wochenlang mit sich herumträgt – machen deutlich, dass viele Tierarten sehr viel mehr mit Menschen gemein haben als bislang angenommen. Elefanten trauern. Delfine spielen aus Spaß an der Freude. Echte Tintenfische haben ausgeprägte Persönlichkeiten. Kolkraben scheinen auf den emotionalen Zustand anderer Raben zu reagieren. Viele Primaten schließen Freundschaft. Bei einigen Arten geben die Älteren ihr Erfahrungswissen an die Jüngeren weiter. Zahlreiche andere Tiere, darunter Ratten, scheinen zu Handlungen der Empathie und der Freundlichkeit fähig. Bei einer erstaunlichen Vielzahl nicht menschlicher Spezies zeichnet sich also ein Bild von Empfindungsfähigkeit, eines reichen Geistes- und Gefühlslebens ab.

Das kommt einer kopernikanischen Wende gleich. Noch vor etwa drei Jahrzehnten galt das Gemüt von Tieren „nicht als ein Thema, das wissenschaftlicher Untersuchung wert gewesen wäre. „Emotionen bei Tieren – das war etwas für Romantiker“, erinnert sich Frans de Waal. Der Biologe und Ethologe an der Emory University in Atlanta hat sich ein Leben lang mit dem Verhalten von Primaten beschäftigt. Er war einer der Ersten, die sich für die Anerkennung tierischen Bewusstseins einsetzten. Vor einigen Jahrzehnten, sagt de Waal, begannen Wissenschaftler zu erkennen, dass bestimmte Arten empfindungsfähig seien; sie blieben aber dabei, dass deren Erfahrungen nicht mit unseren vergleichbar und daher nicht von Bedeutung seien.

Inzwischen sind sich manche Verhaltensforscher sicher, dass die inneren Prozesse vieler Tiere genauso komplex sind wie von uns Menschen. „Der Unterschied ist, dass wir sie in Sprache ausdrücken können. Wir können über unsere Gefühle sprechen“, sagt de Waal. Sollte sich diese Erkenntnis durchsetzen, könnte sie ein radikales Umdenken in der Mensch-Tier-Beziehung bewirken. „Wenn man Emotionen bei Tieren anerkennt, einschließlich der Empfindungsfähigkeit von Insekten, dann wird es moralisch relevant“, meint de Waal. „Tiere sind nicht wie Steine. Sie sind fühlende Wesen.“

Bei einem Versuch mit Ratten befreiten die Tiere ihre Artgenossen aus einer engen Plastikröhre – sofern sie vom gleichen Stamm waren oder eine soziale Erfahrung miteinander gemacht haben.

Foto von Paolo Verzone

​Trost spendende Raben und hilfsbereite Ratten

Verhaltensweisen, die auf eine weitere Facette ihrer Intelligenz hinweisen: Empathie. Als Bugnyar vor Jahren für seine Doktorarbeit das Verhalten von Kolkraben untersuchte, bemerkte er, dass ein Rabe, der Zeuge eines Streits zwischen zwei Artgenossen gewesen war, den Verlierer zu trösten schien. Bei meinem Besuch schilderte er mir eine typische Szene. „Zwei Individuen geraten in Streit. Der Unterlegene wird ein paar Minuten lang umhergejagt, flüchtet schließlich in eine Ecke und bleibt dort zitternd hocken“, berichtete er. „Die anderen Raben sind sehr aufgeregt, fliegen durch die Gegend und stoßen laute Rufe aus. Irgendwann fliegt einer von ihnen zu dem Verlierer hinüber, nicht direkt auf ihn zu, aber in die Nähe.“

Mit freundlich klingenden Lauten nähere sich dieser Rabe an, bis er quasi auf Tuchfühlung sei. Bewege sich der Verlierer weg, bleibe der Tröster beharrlich. „Und schließlich, meist nach ein paar Minuten, muntert er den anderen durch Berührungen auf.“ 152 solcher Begegnungen hat Bugnyar dokumentiert. Mit seiner Kollegin Orlaith Fraser stellte er fest, dass die Trost spendenden Raben die Opfer meist gut kannten. Forscher hatten das Tröstungsverhalten bereits bei Gemeinen Schimpansen und Bonobos beobachtet; Bugnyars Studie wies es als eine der ersten bei Vögeln nach.

In Experimenten mit Ratten konnten Wissenschaftler das Phänomen noch genauer untersuchen. Bei einem von Inbal Ben-Ami Bartal, Neurowissenschaftlerin an der Universität TelAviv, entwickelten Versuch wird eine Ratte in eine enge, mit Luftlöchern versehene Plexiglasröhre gesperrt. Die Röhre hat eine Tür, die sich von außen öffnen lässt. Die Forscher platzieren die Röhre in einen Käfig mit einer anderen Ratte, die sich frei bewegen kann. Die Ratte in der Röhre dreht und windet sich, um zu entkommen. Ihre Verzweiflung ist für die andere Ratte sichtbar. Diese beginnt die Röhre zu umkreisen, beißt hinein, probiert von unten zu graben. Nach ein paar Versuchen findet die freie Ratte heraus, wie sie die Tür öffnen kann. Hat sie den Mechanismus einmal durchschaut, befreit sie die eingesperrte Ratte umgehend.

Ihr Helferverhalten hängt allerdings davon ab, ob die freie Ratte sich der eingesperrten Artgenossin verbunden fühlt. Sind die Ratten vom gleichen genetischen Stamm, spielt es keine Rolle, ob der eingesperrte Nager ihr bekannt ist oder nicht – sie hilft. Gehört das Not leidende Tier zu einem genetisch anderen Stamm, bleibt die freie Ratte unbeeindruckt. Ist eine Ratte mit Tieren eines anderen Stamms aufgewachsen, hilft sie nur diesen anderen Ratten. „Es geht also nicht um biologische Ähnlichkeit“, schlussfolgert Ben-Ami Bartal, „sondern um die soziale Erfahrung und Verbundenheit. Was zählt, ist, dass man eine Familie hat und weiß, wer dazugehört.“

 

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Dieser Artikel erschien in voller Länge im National Geographic Magazin 10/22. Verpassen Sie keine Ausgabe mehr: Sichern Sie sich die nächsten 2 Ausgaben zum Sonderpreis!

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