Brutale Jäger der Meere: 6 clevere Jagdtechniken der Orcas

Karussellfischen, Karateschläge und Waletunken: Orcas sind faszinierende Meereslebewesen, die nicht nur durch ihre Optik, sondern auch mit taktischen Jagdtechniken auffallen.

Von Sophie-Claire Wieneke
Veröffentlicht am 19. Dez. 2023, 00:39 MEZ
Orcas sind effiziente und clevere Jäger. Die Gruppendynamik spielt eine entscheidende Rolle beim Jagderfolg der Tiere. ...

Orcas sind überaus effiziente und clevere Jäger, wodurch sie den Namen "Killerwal" erhalten haben. Orcas jagen und leben in sogenannten Pods. Ihre Kommunikation ist dabei so ausgefeilt, dass sie komplexe Jagdvorgänge im Voraus planen können.

Foto von stock.adobe.com/Daniel

Die schwarz-weißen Schwertwale mit dem lateinischen Namen „Orcinus orca" gehören zur Familie der Delfine. Als größter Vertreter leben die Meeressäuger in Gruppen von bis zu 50 Tieren, die als "Pods" bezeichnet werden. Es herrschen komplexe Sozialstrukturen in diesen Gruppen, zudem hat jede davon ihre eigene Kultur und Jagdtechniken, die von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden.

Bei der Jagd gehen Schwertwale wenig zimperlich vor. Sie koordinieren ihre Angriffe gut, taktisch und gelten als Meister der Anpassung. Je nach Beutetier, wenden sie für Fische, Robben, Meeresschildkröten und sogar Wale unterschiedliche Taktiken zur Jagd an. 

Jagd-Kultur: Die verschiedenen Angriffstechniken der Orcas

Orcas haben im Laufe der Zeit verschiedene Jagdtechniken entwickelt, um unterschiedliche Beutetiere in verschiedenen Umgebungen erfolgreich zu erlegen. Wissenschaftler sprechen in diesem Zusammenhang von Jagd-Kulturen. Jede Technik erfordert eine andere Strategie und Zusammenarbeit innerhalb der Gruppe. Folgende Jagd-Techniken der Orcas sind bekannt:

Inhalt

1. Effizient & kreativ: Beutetiere vom Eis spülen

Hunger macht erfinderisch - und das trifft ganz besonders auf Orcas zu, die sich immer neue Jagdtechniken ausdenken, um ihre Beute möglichst effizient zu erlegen. Forscher konnten Orcas in der Antarktis dabei beobachten, wie sie sich das Wellen-Prinzip zunutze machten, um Beutetiere von Eisschollen zu spülen. Bei dieser Taktik umkreisen die großen Jäger die Eisscholle, auf der sich das Beutetier in Sicherheit glaubt. Um einen Blick auf ihre Beute zu erhaschen, schauen die Orcas sogar senkrecht aus dem Wasser, bevor sie gemeinsam abtauchen und mit ihrer Fluke dabei eine Welle erzeugen, die über die Eisscholle schwappt. Diese bringt die Scholle ins Wanken und spült das Beutetier ins Wasser. Dr. Elena Schall vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung sieht darin einen klaren Unterschied zwischen den Jagd-Kulturen der Orcas und denen anderer Tiere: „Das Besondere am Jagdverhalten der Orcas ist das Niveau an Kreativität und Plastizität, das jede einzelne Orca-Population umzusetzen scheint, um das bestmögliche Jagdergebnis zu erzielen.“

Orcas umkreisen die Eisscholle und erzeugen durch ein gemeinsames Abtauchen eine Welle, welche die Beutetiere in das Meer spült.

Foto von stock.adobe.com/tobiasbrehm

2. Hochriskante Strategie: Strandungsjagd

Die Strategie des "Strandens" ist hochriskant und wurde bisher nur bei Orcas auf den Crozet-Inseln in Patagonien beobachtet. Dabei schwimmen die Schwertwale mit hoher Geschwindigkeit gen Küste, wobei sie die Kraft der Wellen nutzen, und treiben ihre Beute, in der Regel junge Seelöwen, in Richtung Ufer. Der Erfolg dieser Jagdtechnik besteht darin, die Beute dort zu erlegen, wo sie sich bereits in Sicherheit glaubt. Dabei begeben sich die Orcas in große Gefahr, da sie für diese Technik selbst kurzzeitig stranden. Hat der Jäger sein Beutetier erwischt, muss er sich mühsam zurück ins Wasser kämpfen. Eine Jagdtechnik, bei der schon einige Schwertwale endgültig gestrandet und verendet sind. Trotzdem scheint sie so erfolgreich, dass sich die Orcas immer wieder in diese Gefahr begeben und die Technik auch ihren Jungtieren beibringen. Im Jahr 2019 gab es nur 22 Orcas, die diese spezielle Kultur der Strandungsjagd aufrechterhalten. 

Diese Jagdtechnik konnte bisher nur bei Orca-Populationen in Argentinien beobachtet werden und ist für die Tiere mit einem hohen Risiko verbunden. Viele Tiere gelangen nicht mehr zurück ins tiefere Gewässer und stranden entgültig bei dem Versuch, eine Beute zu erlegen. 

Foto von stock.adobe.com/walmac

3. Karussellfischen verwirrt die Beute

Die Methode des "Karussellfischens" wird von Orcas angewendet, um Beutetiere wie Heringe zu umkreisen und in die Enge zu treiben. Die Fische sind so schnell, dass sie bei einem normalen Angriff einfach auseinander schwimmen und den Jägern ausweichen. Um dieses Fischschwarm-Verhalten zu unterbinden, haben sich Orcas eine gezielte Jagdtechnik einfallen lassen: Die Fischschwärme werden dabei umzingelt und eingekreist, indem die Jagdgruppe in einer kreisförmigen Bewegung um die Fische herumschwimmt. Dadurch wird eine Art "Lebendtornado" erzeugt, der die Beute herumwirbelt, verwirrt und in die Mitte des Kreises treibt - wo sich die Orcas die Verwirrung zunutze machen. Auf die Frage, wie Orcas eigentlich komplett neue Jagdtechniken erlernen, findet Dr. Elena Schall eine logische Antwort: „Orcas verfahren nach dem Try-and-Error-Prinzip. Zudem machen sie sich das ausgereifte Sozialsystem zunutze, bei dem ein konstanter Austausch mit Artgenossen möglich ist. Das reduziert die Gesamtanzahl der Tries-and-Errors pro Individuum.“

Orcas sind überaus einfallsreich wenn es um das Erlegen verschiedener Beutetiere geht. Die flinken Heringe verwirren sie, indem sie den Schwarm umrunden und durch den Wasserstrudel verwirren. Das macht due Tiere langsam und für die Orcas zur leichten Beute. 

Foto von stock.adobe.com/Subphoto

4. Abgestimmt und geplant: Wale tunken

Orcas sind aufgrund ihrer Intelligenz nicht zu unterschätzende Beutegreifer. Ihre Fähigkeit zur Zusammenarbeit und Kommunikation innerhalb der Gruppe ist ein entscheidender Faktor für ihren Jagderfolg. Sie ermöglicht es ihnen, Beutetiere zu erlegen, die weitaus größer sind als sie selbst. Die Technik „Wale tunken“ klingt dabei recht harmlos, beschreibt jedoch ein Ertränken der Beute. Dabei tunken die Orcas ihre Beute immer wieder unter Wasser und hindern sie daran, an die Oberfläche zu gelangen, um zu atmen. In Alaska wurden Orcas dabei beobachtet, wie sie massenweise Grauwalkälber ertränkten, um sich von ihnen zu ernähren. Dabei bissen sie den Kälbern in die Brustflosse, um sie unter Wasser zu ziehen, während ein anderer über der Beute schwamm, um das Blasloch zu blockieren. Um mit dieser Technik einen Jagderfolg zu erzielen, müssen sich die Tiere untereinander abstimmen: „Die Kommunikation passiert primär über akustische Signale, da die Sichtweite unter Wasser meistens zu schlecht ist. Allerdings wird die Jagd von Orcas im Vorfeld geplant, da sich die Jäger durch die Kommunikation mit akustischen Signalen sonst bei der Beute verraten würden“, so Dr. Elena Schall.

5. Strategische Planung: Beute Ködern

Diese Jagdtechnik wurde insbesondere bei Orcas beobachtet, die in Gefangenschaft leben. Dabei zerkauen die Jäger ihr Fressen und spucken die zerkleinerte Nahrung wieder aus. Diese treibt an der Wasseroberfläche und lockt Vögel an. Der Orca lauert derweil geduldig unter der Wasseroberfläche. Sobald sich ein Vogel aus der Luft nähert oder auf dem Wasser landet, schießt er hervor und erbeutet den Vogel. Die Jagdtechniken sind teilweise derart ausgereift, dass sie selbst Forscherinnen wie Dr. Elena Schall in Staunen versetzen: „In Neuseeland konnte ich beobachten, wie Orcas Jagd auf Stachelrochen machen, indem ein Tier den Rochen an der Schwanzspitze, direkt in der Nähe des Stachels vom Meeresboden hochzog, während ein anderes Tier dann gefahrlos zubeißen konnte. Das Vorausdenken und die Planung bei einer solchen Strategie ist sehr beeindruckend. Theoretisch müssten Orcas dafür eine Art Sprache haben, in der sie sich in der Zukunftsform unterhalten können.“

6. Taktische Jagd: Der Karateschlag

Diese Jagdtechnik wurde bei Orcas in Neuseeland beobachtet und gilt als weiterer Beweis für die Intelligenz und Taktik der Jäger. Angewendet wird der Karateschlag bevorzugt bei den Beutetieren Hai und Rochen: Der Orca schwimmt dicht unter seiner Beute und schlägt plötzlich kräftig mit seiner Fluke nach oben. Der Wirbel treibt das Beutetier bis dicht unter die Wasseroberfläche. Für die Beute bleibt der Angreifer unsichtbar, da sich der Orca während seines Angriffs im toten Winkel hält. Im zweiten Zug ändert der Jäger seine Position und begibt sich blitzartig vor seine Beute. Der anschließende Teil der Jagd ist besonders herausfordernd und erfordert viel Erfahrung, denn den finalen Schlag muss der Orca blind ausüben, da er sein Ziel nicht sehen kann. Schwimmend, vor seiner Beute, schlägt er kräftig mit der Fluke zu. Der Schlag tötet das Beutetier nicht, macht es jedoch bewusstlos. Um Erfahrung zu sammeln, dürfen Jungtiere an der bewusstlosen Beute den Karateschlag üben, bevor sie gefressen wird.

Was macht Orcas zu effektiven Jägern?

Orcas sind perfekt angepasst, um ihre Beute erfolgreich zu erlegen. Mit einer Körperlänge von bis zu acht Metern und einem Gewicht von bis zu sieben Tonnen sind sie eine beeindruckende Erscheinung. Ihre starken Kiefer sind mit scharfen, kegelförmigen Zähnen ausgestattet, die es ihnen ermöglichen, ihre Beute zu packen und zu erlegen. Zudem sind sie sehr schnelle Schwimmer und können Geschwindigkeiten von bis zu 56 km/h erreichen.

Die Gemeinschaft spielt eine entscheidende Rolle für den Jagderfolg der Orcas. Die Jäger arbeiten zusammen, um ihre Beute zu umgeben und einzukreisen. Das kooperative Verhalten ermöglicht es ihnen, größere Beutetiere erfolgreich zu erlegen.

Zusätzlich stärkt die gemeinsame Jagd die Bindungen innerhalb der Gruppe. Orcas haben eine beeindruckende Sinneswahrnehmung, die ihnen bei der gemeinsamen Jagd eine wichtige Hilfe ist. Sie können ihre Beute durch Echolotortung lokalisieren und ihre Bewegungen präzise verfolgen. Diese Fähigkeit ermöglicht es ihnen, ihre Beute auch in dunklen und trüben Gewässern zu finden.

Der Jagderfolg der Orcas ist von der Gruppendynamik abhängig, denn auch unter ihnen gibt es schlechte Jäger. In der Gruppe kann dies leicht ausgeglichen werden. Jeder Tier hat bei der Jagd eine Aufgabe zu erfüllen. 

Foto von stock.adobe.com/RKP

Das NATIONAL GEOGRAPHIC Magazin 12/23 ist seit dem 23. November erhältlich.

Foto von National Geographic

Weitere spannende Reportagen und Informationen aus der Tierwelt lesen Sie im NATIONAL GEOGRAPHIC Magazin 12/23. Verpassen Sie keine Ausgabe mehr: Sichern Sie sich die nächsten 2 Ausgaben zum Sonderpreis!

loading

Nat Geo Entdecken

  • Tiere
  • Umwelt
  • Geschichte und Kultur
  • Wissenschaft
  • Reise und Abenteuer
  • Fotografie
  • Video

Über uns

Abonnement

  • Magazin-Abo
  • TV-Abo
  • Bücher
  • Newsletter
  • Disney+

Folgen Sie uns

Copyright © 1996-2015 National Geographic Society. Copyright © 2015-2024 National Geographic Partners, LLC. All rights reserved