Das Schicksal der Spanischen Windhunde: So leiden sie für die Jagd

Hierzulande sind Hunde Familienmitglieder, Assistenzhunde, Arbeitskollegen – doch in Spanien sind Windhunde oft nur eins: Jagdinstrumente. Für diese Tradition leiden sie von ihrer Geburt bis zu ihrem oft frühen Tod. Wieso gibt es noch kein Verbot?

Von Sarah Langer
Veröffentlicht am 1. Feb. 2024, 08:47 MEZ
Das Schicksal der Spanischen Galgos

„Nein zum Tiermissbrauch“ steht auf dem Schild, das um den Hals des Galgos hängt. Ein Wunsch, den viele für die spanischen Windhunde haben.

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In vielen Ländern sind Hunde als Jagdbegleiter verbreitet, in Spanien jedoch ist die Jagd noch mehr eine Tradition, ein Volkssport und eine beliebte Freizeitbeschäftigung. Für die Hasenjagd, deren Saison von Oktober bis Ende Januar geht, braucht es nicht nur eine Menge Hasen. Vorrangig braucht es Galgos, bei uns bekannt als spanische Windhunde, und die windhundähnliche Rasse Podencos. Die Vierbeiner werden in Massen und unter den schrecklichsten Bedingungen von Jägern für ihren großen Auftritt gezüchtet: Mehrere Hunde, ein Hase, eine Jagd um Leben und Tod, die besonders unterhaltend für die Menschen sein soll. 

Am Ende der Saison wird ein „Champion“ gekürt. Eine Auszeichnung, für die Jäger, auch Galgueros genannt, alles tun. Die Galgos-Rasse eignet sich durch ihren filigranen Körperbau und ihre enorme Schnelligkeit (bis zu 70 km/h) ideal, den Haken der Hasen zu folgen und sie zu erledigen – denn nicht der Jäger erschießt das Wild, der Hund reißt es. 

Außerdem werden die Windhunde gerne bei Windhunderennen eingesetzt, wobei hier weniger auf den Galgo oder Podenco, sondern mehr auf den Greyhound gesetzt wird. Beliebt ist das Coursing, bei dem die Hunde einer Hasenattrappe, die meist durch einen Motor betrieben wird, hinterherrennen. In der Wettindustrie werden Milliarden von Euro dabei umgesetzt. Laut dem Windhundnetzwerk „steckt hinter den Windhunderennen ein weltweites Netzwerk der Wett- und Rennindustrie. Kommerzielle Hunderennen sind ein Milliardengeschäft. Die weltweite Wett- und Rennindustrie setzt ca. 24,5 Milliarden Dollar jährlich um.“

Zuchtbedingungen und Training: Wer zu langsam ist, muss sterben

Gehalten werden die Hunde in Zwingern, Betonbunkern oder Kellerverliesen. Das Tageslicht sehen sie nur selten und gefüttert bekommen sie nur das Nötigste, um schnell und wendig zu bleiben. Schon im Welpenalter beginnt das „Training“. Dafür werden sie nicht nur mehrere Stunden auf ein Laufband gestellt, sondern auch oft hinter ein Auto oder ein Motorrad gespannt und bei großer Hitze über den Asphalt gehetzt. Tiere, die zu langsam sind oder stolpern, werden mitgeschleift, sterben entweder sofort oder werden verletzt am Straßenrand entsorgt. Diejenigen, die sich von Anfang an als zu langsam für die Jagd erweisen, werden direkt getötet oder ausgesetzt. 

Doch auch die Hunde, die Galgueros für die Jagd auswählen, erwarten kein langes Leben: Nach spätestens drei Jahren gelten sie als unbrauchbar und werden ausgesetzt oder getötet. Sobald sie die Jagd durchschauen, keine Haken mehr schlagen wie der Hase, den Weg abkürzen und daher das Spektakel für die Zuschauer weniger spannend ist, werden die Individuen obsolet. Andere sind nach ein paar Jahren wiederum einfach zu langsam.

Galgos sind in Spanien meist in schlechtem gesundheitlichem Zustand und extrem unterernährt.

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Tierschutz in Spanien: Jagdhunde sind ausgenommen

Viele Tierschutzorganisationen arbeiten daran, die verstoßenen Tiere einzusammeln, zu verarzten und aufzupäppeln und im besten Fall an eine Familie zu vermitteln – in Spanien wird ein Galgo als Haustier jedoch selten gern gesehen. Sarah Hegi, Vizepräsidentin des Vereins „New Graceland“ in der Schweiz, arbeitet mit ihrem Team seit vielen Jahren mit verschiedenen Organisationen in Spanien zusammen. In ihrer Auffangstation in der Schweiz sozialisieren sie die Hunde und vermitteln sie von dort aus. Noch dazu organisiert sie regelmäßig Veranstaltungen, die der Aufklärung dienen. Denn viele Leute wüssten nichts vom Schicksal der Hunde, sagt sie. 

„Spanien ist das einzige Land in Europa, in dem die Jagd mit Galgos noch erlaubt ist“, kritisiert Hegi. „In anderen europäischen Ländern ist die Jagd mit einem Tier als Waffe schon lange verboten.“ Nach einer dreifachen Gesetzesrevision gilt seit Herbst 2023 in Spanien zwar ein neues Tierschutzgesetz, in dem Haustiere als „fühlende Wesen“ und Familienmitglied bezeichnet werden und es stärker regulierte Auflagen für die Haltung gibt. Nach Protesten, unter anderem der Jagdlobby, wurden jedoch Arbeitstiere, Jagdhunde und Gebrauchstiere von diesem Gesetz ausgeschlossen. Galgos und deren Haltung fallen also nicht darunter. Zwar müssen Halter von anderen Hunderassen eine Schulung absolvieren, Jägern steht es dagegen frei, ihre Galgos weiter unter schlimmen Bedingungen zu halten und zu töten. Auch Stiere bleiben beispielsweise weiterhin ungeschützt und können für Stierkämpfe missbraucht werden. 

Für ein langfristiges Umdenken der Gesellschaft brauche es vor allem Wissen, weshalb viele spanische Organisationen Aufklärungsarbeit, beispielsweise an Schulen, betrieben, erklärt Sarah Hegi. „Es ist natürlich schwer, wenn Kinder dann lernen, dass das, was der Vater zu Hause mit den Hunden macht, falsch ist. Aber nur so kann man das Problem nachhaltig eindämmen. Trotzdem wird das mehrere Generationen brauchen.“ Die Anpassung des Gesetzes wäre laut Hegi ein erster Schritt, würde aber das Problem nicht von heute auf morgen lösen. „Gesetze haben nur dann einen Sinn, wenn sie auch durchgesetzt werden. Die Jagdlobby ist in Spanien leider sehr mächtig, nur deshalb konnte das Gesetz gekippt und die Jagdhunde ausgeschlossen werden“. Laut dem Tierschutzverein Peta werden jährlich nach der Jagdsaison 50.000 Hunde unbrauchbar und daraufhin entsorgt. Sie werden an Tierheimen oder Tötungsstationen abgeben, ausgesetzt oder umgebracht. Dass ein Jäger seine Hunde behält, wenn er sie zum Beispiel für die Zucht benötigt, kommt nur selten vor. 

Dia del Galgo will auf die miserablen Haltungsumstände aufmerksam machen

Am 1. Februar findet der jährliche "Dia del Galgo" (dt.: Tag des Galgo) statt, der am Ende der Jagdsaison weltweit auf die miserablen Haltungsumstände aufmerksam macht. Galgos sind sensible Hunde, die viel Zuneigung benötigen, anhänglich und liebevoll sind. Sie leiden extrem unter ihren Lebensumständen in Spanien. Sarah Hegi erklärt, warum: „Eine bessere Haltung, Tierarztkosten, Unterhaltskosten für ausrangierte Tiere – all das wollen viele Jäger schlichtweg nicht zahlen. Deshalb wollen sie auch kein Gesetz, das sie dazu zwingen würde.“ 

In Sheltern oder Auffangstationen werden die Hunde aufgepäppelt, versorgt und im besten Fall weitervermittelt. So können sie auch für einen neuen Hund Platz machen.

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Qualvolle Tötungspraktiken als Rituale

Die Grausamkeit der Halter in Spanien kennt bei der Entsorgung der Hunde keine Grenzen: Sie werden in Brunnen oder auf befahrene Straßen geworfen, ihnen werden vor dem Aussetzen die Beine gebrochen, damit sie nicht mehr nach Hause laufen können, oder sie werden an einem Strick um den Hals an einen Ast gebunden, wo sie qualvoll ersticken. Ausrangierte „Champions“ finden bei letzterer Methode einen grausamen Tod. 

Hunde, die zu langsam für die Jagd waren, finden ein noch schlimmeres Schicksal: Sie werden so kurz über den Boden gehängt, dass ihre Hinterfüße ihn leicht berühren und sie „noch ein letztes Mal rennen können“, weshalb diese Praktik auch „Klavierspielen“ genannt wird. Dieser Tod kann Stunden dauern und ist besonders qualvoll. All diese Praktiken würden oft als Familienfest gesehen werden, weshalb es nicht unüblich sei, Reste von Essen und leere Bierflaschen neben Hundeleichen zu finden, erklärt Sarah Hegi. Dass auf diese grausamen Rituale nicht verzichtet werden könnte, könne sie nicht glauben. „Das Rennen und Jagen ist das eine. Doch die schreckliche Haltung und der fehlende Respekt vor den Tieren, das andere. Das darf so nicht sein und muss endlich aufhören. Diese Hunde sollen die gleichen Rechte haben wie alle anderen Hunde." 

Die Tierschutzorganisation New Graceland organisiert unter anderem auch den Galgo-Walk in Zürich, der in Europa insgesamt in mehr als 80 Städten durchgeführt wird. Dort können Menschen mit oder ohne Hunde teilnehmen. An diesen Protestmärschen stehen die Aufmerksamkeit und die Aufklärung an oberster Stelle. Je mehr Menschen an den Walks teilnehmen, umso eher wird die Organisation mit ihren Anliegen gesehen und wahrgenommen, umso mehr Hilfe bekommen die Hunde in Spanien. Zusätzlich können Spenden gesammelt werden. „Denn auch, wenn es außerhalb von Spanien schwieriger ist, zu helfen, ist es nicht unmöglich. Man kann spenden, ehrenamtlich an Info-Ständen helfen, die Tierheime vor Ort unterstützen und vor allem kann man eins: Im Urlaub in Spanien sofort über die EU-Notrufnummer 112 ein Tierleid anzeigen. Denn hier gilt jede Stimme, gemeinsam wird man laut und damit stark“, bittet Hegi. Außerdem solle man immer in Erwägung ziehen, einen Hund aus dem Tierschutz aufzunehmen oder eine Pflegestelle anbieten, anstatt beim Züchter zu kaufen. Zudem andere Leute aufklären und nie aufhören, Informationen und Fakten über die Umstände zu teilen. Denn Windhunde gehören weltweit zu der am meisten ausgebeuteten Hunderasse der Welt und das gelte es zu ändern. 

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