Stählerne Festungen: Elstern bauen Nester aus Vogelabwehr-Spießen

Forschende haben Vogelnester entdeckt, die aus Metallspießen und Stacheldraht bestehen. Kurioserweise nutzten die Elstern und Krähen sogar Stahlspitzen, die Vögel von Gebäuden fernhalten sollen.

Von Jens Voss
Veröffentlicht am 20. Juni 2024, 10:25 MESZ
Elsternest aus Vogelabwehr-Spikes in Antwerpen. Es besteht aus bis zu 1.500 Stahlspitzen.

Elsternest aus Vogelabwehr-Spikes in Antwerpen. Es besteht aus bis zu 1.500 Stahlspitzen.

Foto von Auke-Florian Hiemstra

Man sieht sie an vielen Gebäuden der Innenstädte: Scharfe Metallspieße, die auf Dächern, Fensterbänken und Balkonen montiert sind. Solche Abwehr-Spikes sollen Tauben und andere Stadtvögel verscheuchen und daran hindern, dort ihre Nester zu bauen. Doch manche Vögel sind schlauer, als es scheint. Vor allem Rabenvögel, zu denen auch Elstern und Krähen gehören, gelten als sehr intelligent.

Kreativ sind sie obendrein. Das weiß Auke-Florian Hiemstra nur zu gut. Der niederländische Biologe vom Naturalis Biodiversity Center in Leiden beschäftigt sich seit Jahren mit tierischer Architektur. Sein besonderes Interesse gilt dem Nestbau von Vögeln. Was ihn besonders fasziniert: Heutzutage benutzen Vögel oft menschgemachte Stoffe für ihre Nester.

Hiemstra hat schon so ziemlich alles in Vogelnestern aufgespürt. Zum Beispiel Kondome, Feuerwerkskörper, Sonnenbrillen, Scheibenwischer und Drogenbeutel. Er veröffentlichte unter anderem wissenschaftliche Arbeiten über Atemschutzmasken und Plastikpflanzen als Nistmaterial. 

Galerie: Vogelnester aus Stahl

Trutzburg aus 1.500 Metallstacheln

Der Fund eines riesigen Vogelbauwerks im Hof eines Krankenhauses in Antwerpen übertraf aber sogar Hiemstras kühnste Vorstellungen. Hoch oben in einem Baum hatte ein Elsterpaar ein Nest aus Anti-Vogel-Spikes errichtet. Eine Trutzburg aus bis zu 1.500 Metallspitzen.

Die Vögel hatten die Vogelschutznadeln zuvor aus einem Dachvorsprung gezogen. Hiemstra erklärt: „Die Elstern scheinen die Stifte für denselben Zweck zu benutzen wie wir: um Vögel von ihrem Nest fernzuhalten.“

In der Regel besteht ein Elsternest aus Reisig. Die Elterntiere bauen es als kugelförmiges Gebilde auf hohen Bäumen. Eine Haube aus dornigen Zweigen soll die Kinderstube vor Feinden schützen.

Doch die schöpferische Kraft der anpassungsfähigen Rabenvögel scheint keine Grenzen zu kennen. Noch effektiver als stachlige Pflanzen sind eben scharfe Metallspieße. „Eine uneinnehmbare Festung“, unterstreicht der Biologe. 

BELIEBT

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    Biologe Auke-Florian Hiemstra bei der Arbeit.

    Foto von Naturalis

    Rebellische Elstern: Kreativ und anpassungsfähig

    Zwar war bereits bekannt, dass Vögel sich keineswegs immer von den Abwehr-Spikes verscheuchen lassen und die stählernen Stifte manchmal sogar von den Dächern reißen. Dass sie den Spieß aber buchstäblich umdrehen und das Metall zum Brüten verwenden, überrascht sogar einen Vogelexperten wie Hiemstra.

    „Es ist wirklich wie ein Witz“, sagt er. „Selbst für mich als Nestforscher sind das die verrücktesten Vogelnester, die ich je gesehen habe.“

    Es ist aber nicht nur das Elsterpaar aus Belgien, das sich an Baustoff aus Stahl gewagt hat. In einem Fachartikel beschreibt das Forschungsteam um Hiemstra weitere kuriose Vogelnester in den Niederlanden und Schottland. Dort hatten Elstern und Krähen auch andere scharfe Materialien wie Stacheldraht und Stricknadeln zum Nestbau verwendet. 

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