Tiere

„Der Aal frisst kein Aas.“

Als Kind in Hamburg hatte er Freude daran, in der Elbe nach winzigen Glasaalen zu suchen. Später übernahm Jens Schrader den traditionsreichen Fischhandel seiner Eltern. Seit langem beobachtet der 64-Jährige die Entwicklung des Aals.

Von Interview: Siebo Heinken
Bilder Von Alfred Steffen
In Winsen bei Hamburg hält Jens Schrader die Aale in großen Bassins. Das Frischwasser dafür bezieht er aus diesem ehemaligen Mühlteich.

In Winsen bei Hamburg hält Jens Schrader die Aale in großen Bassins. Das Frischwasser dafür bezieht er aus diesem ehemaligen Mühlteich.

Er hatte als Kind in Hamburg Freude daran, in der Elbe nach winzigen Glasaalen zu suchen. Später stieg Jens Schrader bei Möller & Reichenbach ein, dem traditionsreichen Fischhandel seiner Eltern. Heute ist er dessen Geschäftsführer. Seit langem beobachtet der 64-Jährige die Entwicklung des Aals, der auch bei uns bedroht ist und deshalb „Fisch des Jahres 2009“ war.

Herr Schrader, Sie haben als Kind doch gewiss an der Elbe gesessen und geangelt...
Nein! Ich habe noch nie eine Angel in der Hand gehabt.

Noch nicht mal einen Fisch getötet?
Nur ab und zu für den Hausgebrauch, aber das tue ich ungern. Dafür habe ich Gott sei Dank meine Mitarbeiter.

Sie handeln mit Aal in großen Mengen.
Bis vor einiger Zeit waren es in Spitzenzeiten ungefähr tausend Tonnen pro Jahr. Lebend angeliefert, geschlachtet und dann an Geschäfte und Restaurants weiterverkauft. Im Moment liegen wir bei etwa 400 Tonnen.

Viele Menschen denken beim Aal mit Grausen an den Film „Die Blechtrommel“: Ein Pferdekopf wird aus dem Wasser gezogen, und darin schlängeln sich die Aale. Ist dieser Fisch ein Aasfresser?
Ganz sicher nicht. Das ist eine gestellte Aufnahme.

Was frisst der denn?
Der Aal macht in seinem Leben mehrere Metamorphosen durch. Als Glasaal frisst er Meeresplankton. In den Flüssen wird er zum Raubaal und ernährt sich von kleinen Fischen.

Der Aal ist der große Unbekannte unter den Wanderfischen.
Das kann man wohl sagen. Lachs und Forelle kann man reproduzieren und züchten. Beim Aal ist das nicht möglich. Obwohl wissenschaftliche Institute viel investieren, um seine Fortpflanzung zu erforschen. Besonders in Asien, wo ihm mystische Kräfte zugeschrieben werden.

Kein Wunder, wenn man bedenkt, wie weit er wandert...
6000 Kilometer, das ist eine unglaubliche Entfernung. Wenn der Aal in Europa ankommt, gibt es mehrere Möglichkeiten. Er zieht in die Flüsse und macht dort seine Entwicklung durch. Oder er wird – noch Glasaal – vor der südeuropäischen Atlantikküste gefangen und in sogenannten Aalfarmen gemästet. Viele sind in den Niederlanden. Dann ist dieser Kreislauf, der in der freien Natur ein Jahrzehnt dauert, in zwei bis drei Jahren abgeschlossen. Die dritte Möglichkeit ist die bedauerlichste: Er wird verspeist. Glasaale gelten in Spanien, Portugal und Frankreich als Delikatesse.

Wurmgroße Fische?
Ja. So eine Scheibe Brot mit Glasaal aus der Fritteuse, das ist ein teures Essen. Der Fisch wird da gegessen wie Kaviar.

Vor 20, 30 Jahren war die Verschmutzung unserer Flüsse ein großes Thema. Aale und andere Fische litten unter Geschwüren durch Gifte. Heute geht es eher um den Rückgang des Bestands. Aale sind auf der Liste der bedrohten Tierarten.
Leider, und dafür gibt es auch bei uns mehrere Gründe. Viele Flüsse sind verbaut, gucken Sie sich nur den Rhein an: überall Staustufen. Der Fisch kann gar nicht in den Oberlauf kommen, wo er leben würde, bis er geschlechtsreif ist. Ein zweites Problem ist der Kormoran. Da stehen Fischer und Fischhändler in Opposition zu Naturschützern, die sagen: Der Vogel darf nicht geschossen werden! Für Leute aus der Fischerei ist das eine existenzielle Frage. Nicht nur, weil der Kormoran so viele Fische frisst. Er verletzt viele weitere, die er nicht richtig zu fassen kriegt. Die verpilzen dann und verenden.

In den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts sind jährlich deutlich mehr als 20 Millionen Aale aus dem Atlantik in den Elbgewässern angekommen. Jetzt sind es ungefähr eine Million. Das ist eine dramatische Entwicklung...
Allerdings. Ich habe hier schon lange keine Glasaale mehr gesehen wie zu meiner Kindheit. Viele der mit Aal beschäftigten Firmen in Deutschland haben daher die „Initiative zur Förderung des Europäischen Aals“ gegründet. Wir versehen unsere Fische mit dem Etikett „drei zu eins“. Für einen Räucheraal, den Sie im Laden kaufen, setzen wir drei Glasaale aus. Ähn­liche Initiativen gibt es unter anderem in England.

Sie setzen also Glasaale im Oberlauf der Flüsse aus?
Ja. Glasaale und größere, „vorgestreckte“ Aale. In Schleswig-Holstein nimmt dadurch die Zahl der Aale wieder zu.

Und weshalb fordert dieses Engagement Widerspruch heraus? Umweltverbände zweifeln am Erfolg.
Es gibt zwei konträre Meinungen. Die einen sagen: Diese Drei-zu-eins-Besatzungsmaßnahmen funktionieren gut, damit erholt sich der Fischbestand in relativ kurzer Zeit. Wir reden hier natürlich von einer Periode von zehn, 15 Jahren. Andere fordern, dass überhaupt keine Aale mehr gefangen werden. Nur, die Fischer brauchen den Aal, um zu leben, und wir brauchen die Einnahmen, um die Jungfische aussetzen zu können.

In Irland soll es ein Fangverbot geben, wie es unter anderem der WWF auch bei uns fordert. Die Fischer sollen dann dafür bezahlt werden, Aale zu fangen und im Unterlauf wieder auszusetzen.
Wie auch in Skandinavien. In Deutschland wird man erst in einigen Jahren eine Entscheidung treffen, aufgrund von Zählungen, Untersuchungen, dem Managementplan.

Reicht das aus?
Wir benötigen, auch aus Brüssel, mehr Geld für Besatzmaßnahmen. Vor allem aber müsste der Export von Glasaalen nach Asien verboten werden. Die Asiaten überbieten jeden Preis. Es müsste eine Präferenz für Europa geben. Wir brauchen hier also eine bestimmte Menge an Glasaal, so um die 30 Tonnen. Wenn die da sind...

...um den Bestand zu erhalten...
...ja, um ihn zu erhalten und langfristig wieder aufzubauen, dann kann der Rest auf dem Weltmarkt verkauft werden. Aber es ist der verkehrte Weg, die ersten 30 Tonnen Aal zu einem horrenden Preis nach Asien zu verkaufen.

Sind Glasaale deshalb so teuer geworden?
Natürlich. 700 bis 1000 Euro das Kilo, also für ungefähr 5000 Tiere, das ist ein Wahnsinn. Die südeuropäischen Glasaalfischer verkaufen ihren Fang nach Möglichkeit unter der Hand. Das sind keine seriösen Kaufleute, die sich Gedanken darüber machen, ob es hier weiterhin Aale gibt oder nicht. Die entziehen uns die Aale hier in Europa, weil sie nur das schnelle Geld sehen. Für mich sind das mafiöse Strukturen.

Welche Folgen hat das?
Ich mache mir Sorgen um den Aal. Wir sollten uns verantwortungsvoll verhalten. Aber keine Aale mehr zu fangen, das halte ich für falsch.

(NG, Heft 11 / 2010)

Wei­ter­le­sen