Tiere

Warane: Es war einmal ein Drache

Die größte Echse der Welt geht einer unsicheren Zukunft entgegen.

Von Jennifer S. Holland
Bilder Von Stefano Unterthiner
Warane: Es war einmal ein Drache

Wie fängt man einen Drachen? Du schlachtest eine Ziege. Dann holst du ein paar starke Freunde und besorgst drei jeweils drei Meter lange Stahlkäfige sowie einige Beutel für das Ziegenfleisch. Du wanderst damit ein paar Kilometer durch die Berge und ignorierst die tropische Hitze, die dich dampfen lässt wie einen Kartoffelknödel. Dann baust du die erste Falle auf, bestückst sie mit Köderfleisch und hängst noch ein paar Beutel in die Bäume, um die Luft zu „parfümieren“. Ein paar Kilometer entfernt, wiederholst du das Ganze noch zweimal. Dann kehrst du ins Lager zurück und gießt dir einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf und gehst schlafen.


An den folgenden Tagen überprüfst du die Fallen. Wahrscheinlich sind sie leer, aber mit etwas Glück hast du doch eine erwischt: die größte Echse der Welt, einen fies blickenden Riesen – einen Komodowaran.

Der Mann, der diese Fangmethode entwickelt hat, entspricht eigentlich so ganz und gar nicht dem Klischee eines Drachentöters. Claudio Ciofi ist Ende 40, ein sanftmütiger Biologe mit freundlichen Augen, Dozent an der Universität Florenz. Ein Typ, der seine dreckige Forschermontur sorgfältig zusammenlegt, wenn er den Koffer für die Heimreise packt.

Ciofi kam 1994 nach Indonesien, um seine Doktorarbeit über die Genetik der Komodowarane abzuschließen. Hier sah er die lebenden Fossile erstmals aus der Nähe und war sofort bezaubert. Andere Wissenschaftler schenkten ihnen keine große Beachtung. «Ich hatte damit gerechnet, dass es eine Organisation zur Erforschung der Warane gibt», erzählt er. «Sie sind so charismatisch und so interessant wie Tiger und Orang­Utans. Aber es gab keine Organisation. Niemand kümmerte sich um Warane.»

Video: Sie töten mit einem Biss

https://www.youtube.com/embed/q7CQInAXoqY

So fing es an, und der Genetiker Ciofi wurde zum Ökologen und Verhaltensforscher. Er wollte alle Aspekte im Leben der Warane verstehen. Hartnäckig und mithilfe motivierter Mitarbeiter aus Indonesien und Australien hat er viele neue Kenntnisse über diese Tiere gewonnen. Außer­ dem setzt er sich dafür ein, ihnen das Überleben im 21. Jahrhundert zu erleichtern. Komodowarane können zwar drei Meter lang, 50 Jahre alt und fast 90 Kilo schwer werden, doch wie so viele andere Arten sind sie gefährdet. Weil ihr Lebensraum zerstört wird. Weil der Mensch die Echsen be­ und verdrängt.

Sicher, die Familie der Warane, zu denen auch die Drachen von Komodo gehören, hat schon viele Wandlungen überlebt. Immerhin lässt sich die Gattung Varanus in der Evolution rund 40 Millionen Jahre zurückverfolgen. Ihre Vorfahren unter den Dinosauriern lebten gar schon vor 200 Millionen Jahren.

Varanus komodoensis pflegt die Lebensweise der Echsen: Er liegt in der Sonne, geht auf Jagd oder frisst Aas, legt Eier und bewacht sie, kümmert sich aber nicht mehr um die Jungen, sobald sie geschlüpft sind. Komodowarane leben die meiste Zeit allein, mittlerweile nur noch auf wenigen südostasiatischen Inseln, die alle zum indonesischen Archipel gehören. Auf zerklüfteten Vulkaneilanden mit Savannen und Gras­ ebenen, in größerer Höhe auch in bewaldeten Gebieten. Die älteste Erwähnung dieser Echsen sind vermutlich die warnenden Worte «Hier sind Drachen» auf alten, nicht genau datierten Landkarten der Region.

Der Komodowaran ist ein guter Jäger, auf kurzen Strecken kann er knapp 20 Stundenkilometer schnell sprinten, schneller als die meisten Menschen. Er überfällt seine Beute aus dem Hinterhalt und reißt ihr – meist am Bauch – zunächst das weiche Fleisch ab. Oder ein Bein. Feuer speien diese Drachen zwar nicht, aber Gift. Der Speichel, der aus ihrem Maul tropft, verhindert die Blutgerinnung. Eine Beute, die nicht unmittelbar getötet wird, verblutet nach einem Biss sehr schnell. Kann ein verwundetes Tier sich aber noch davonmachen, infiziert es sich in der Regel mit Krankheitserregern. So oder so ist ihm der Tod nahezu sicher. Der Komodowaran braucht nur zu warten.

Wenn er ein Aas fressen kann, verschwendet er keine Energie auf die Jagd, verwesende Kadaver nehmen Warane aus mehreren Kilometern Entfernung wahr. Kaum etwas bleibt übrig, die Echsen sind nicht wählerisch.

Vor zwei Jahren kam ein zwei Meter langer Waran
in das Büro des Nationalparks und verletzte zwei Ranger durch Bisse.

Die menschlichen Bewohner der Waraninseln begegnen ihnen dennoch nicht unbedingt mit Angst und Ekel. Ein indonesisches Volksmärchen zum Beispiel erzählt von einem Prinzen, der einen Drachen töten wollte. Da erscheint seine Mutter, die Drachenprinzessin, und ruft: «Töte dieses Tier nicht! Es ist deine Schwester. Ich habe euch gleichzeitig geboren. Betrachte sie als deinesgleichen, denn ihr seid sebai – Zwillinge.»

Etwas von dieser Einstellung hat überdauert. Im Dorf Komodo besuche ich einen Ältesten. Er heißt Caco und schätzt sein Alter auf 85 Jahre. Dieser schmächtige Mann mit Brille sei ein Drachenguru, erklärt mein Fremdenführer. Der Alte hat nichts dagegen einzuwenden. Ich frage, wie die Dorfbewohner über die Warane und über die von ihnen ausgehende Gefahr denken. «Die Leute halten diese Tiere für unsere Ahnen», sagt er. «Sie sind ihnen heilig.» Früher ließen sie, wenn sie einen Hirsch erlegt hatten, die Hälfte des Fleisches als Opfergabe für ihre geschuppten Verwandten zurück.

Das konnte allerdings nicht verhindern, dass der Bestand der Echsen in den vergangenen 50 Jahren geschrumpft ist. Gesicherte Zahlen gibt es zwar nicht, trotzdem stellte die Regierung auf Druck der Naturschützer – aber auch, weil man den wirtschaftlichen Wert des „Drachentourismus“ erkannte – die Tiere unter Schutz. 1980 wurde ein großer Teil ihres Lebensraums zum Komodo­Nationalpark erklärt. Er umfasst ganz Komodo und Rinca sowie weitere kleine Inseln. Drei Naturschutzgebiete kamen später hinzu, zwei davon auf der Insel Flores (Karte rechts).

Innerhalb des Nationalparks dürfen Menschen den Drachen nichts tun. Das Verbot bezieht sich auch auf ihre Beute: Hirsche zu töten ist ebenfalls verboten. Deshalb können die Dorfbewohner kein Fleisch mehr für die Warane liegen lassen. Das, sagen manche, habe die Drachen ganz schön verärgert.

Angriffe auf Menschen sind selten, einige Fälle in jüngerer Zeit haben aber Schlagzeilen gemacht. Vor zwei Jahren kam ein zwei Meter langer Waran in das Nationalparkbüro und verletzte zwei Ranger durch Bisse. Um eine Infektion zu verhindern, wurden die Männer zur Behandlung nach Bali geflogen, beide erlitten keinen dauerhaften Schaden. Ein anderes Mal vertrieb eine mutige 83­Jährige eine zwei Meter lange Echse mit einem Besen und ein paar Fußtritten. Der Waran biss sie in die Hand – die Wunde musste mit 35 Stichen genäht werden.

Doch nicht immer geht so eine Begegnung glimpflich aus. Im Jahr 2007 war ein Junge aus dem Dorf während eines Fußballspiels einen Moment lang hinter ein paar Bäume gegangen, um zu pinkeln. Dort griff ihn ein Komodowaran an. Der Junge verblutete.

Heute werden Echsen, die Menschen angegriffen haben, von Wildhütern gefangen und weit entfernt wieder ausgesetzt, aber meistens dauert es nicht lange, und die Tiere kommen wieder.

Einer von Claudio Ciofis Vorgängern als Waranforscher war Walter Auffenberg, ein Kurator der staatlichen Museen von Florida. Auffenberg schlug 1969/70 mit seiner Familie für 13 Monate ein Lager auf der Insel Komodo auf und notierte akribisch das Verhalten der Tiere. Dann schrieb er darüber ein Buch.

Darin berichtet er unter anderem, wie neugierige Drachen ihm während seiner Freilandarbeit einmal auf die Pelle rückten. Einer inspizierte mit der Zunge sein Tonbandgerät, sein Messer und seinen Fuß. Um das Tier zu vertreiben, tippte er ihm mit seinem Bleistift an die Stirn. Mit Erfolg. Ein anderer Waran «streckte sich im Schatten aus, (...) im Halbschlaf hatte er ein Vorderbein über meines gelegt». Auch dieses Tier konnte er zum Gehen bewegen, ohne Schaden zu nehmen.

Das ist gut 40 Jahre her. Damals machte sich Auffenberg um die Zukunft der Komodowarane keine Sorgen. Heute fragen Wissenschaftler: Können diese Echsen überleben?

Das hängt hauptsächlich von einem Faktor ab: von der Landwirtschaft. Auf Flores legen die Einheimischen auch in Naturschutzgebieten Feuer, um Land für Gärten und Weiden zu roden. Der Lebensraum der Echsen wird in immer kleinere Abschnitte zerstückelt. Andere Menschen jagen Schweine und Hirsche, allerdings ohne den Waranen einen Anteil zu lassen. Auch verwilderte Hunde reißen Wild, das den Echsen dann als Beute fehlt. Vermutlich jagen und töten die Hunde auch junge Warane.

Auf eine rasche Veränderung der Umwelt sind die Komodowarane nicht gut vorbereitet. Ciofi und Tim Jessop, ein Ökologe von der Universität Melbourne, der sich seit Jahren mit den Echsen beschäftigt, erklären es so: Wenn weniger als 5000 Tiere auf mehreren Inseln verteilt leben, ist ihre genetische Vielfalt und somit ihre Anpassungsfähigkeit gering. Ein Austausch des Erbguts kommt kaum zustande, weil die Echsen, obwohl sie es könnten, zur Partnersuche nicht von einer Insel zur anderen schwimmen.

Ciofi, Jessop und ihre indonesischen Kollegen haben rund tausend Exemplare eingefangen und markiert, von 800 Echsen DNA-Proben entnommen. Die Forscher gewannen dadurch viele neue Erkenntnisse über Geschlechterverhältnis, Überlebensquoten und Fortpflanzungserfolg – und über den Grad der Inzucht in den Beständen. Diese Daten sollen ihnen helfen herauszufinden, welche Tiere man von einer Gruppe zur anderen umsiedeln kann, ohne dass nahe Verwandte sich paaren.

Falls die Anzahl der Warane dennoch weiter zurückgeht, könnte man auch Zootiere ins Land holen und mit ihnen den Genpool anreichern. Komodowarane werden in Indonesien seit 1965 auch in Gefangenschaft gezüchtet. Weltweit leben heute rund 400 dieser Echsen in Zoos.

Aber wäre es richtig, auf diese Weise Evolution zu spielen? Jessop gibt zu bedenken: «Wir würden in die natürliche Entwicklung der Tiere eingreifen. Das gefällt nicht jedem.»

Zudem gelingen nur die Hälfte der Umsiedlungsprojekte. Der Wechsel vom Zoo zum Leben in der Wildnis ist ebenfalls nicht einfach. Und es ist nicht garantiert, dass auf diese Weise zusammengebrachte Warane sich fortpflanzen – oder dass die Tiere außerhalb der Schutzgebiete langfristig überleben werden.

Aus Sorge um die Echsen sichern sich Ciofi und seine Kollegen die Unterstützung der indonesischen Behörden. Sie erklären den Bewohnern von Flores, welche Folgen es für die Warane hat, wenn sie deren Lebensraum brandroden und deren Beute wegschießen. Sie wollen die Schutzgebiete schärfer überwachen und die Ranger besser schulen. Diese könnten dann den Forschern berichten, wie es den Tieren geht.

Touristen, die Drachen sehen wollen – und zwar nicht nur die bei der Rangerstation –, müssen Geduld mitbringen. Die wilden Warane zu finden ist nicht leicht. Zwei Wochen lang hetze ich auf den Inseln vor allem hinter Biologen her, die vergebens auf Drachenjagd gehen. Das Tempo geben Deni Purwandana und Achmad Ariefiandi vor, zwei junge, sportliche Indonesier, die das Komodo Survival Program leiten. Bei Jessop, dem hünenhaften Biologen aus Australien, ist ein Schritt so groß ist wie drei Schritte bei mir. Vervollständigt wird das Team durch Mitarbeiter des Naturschutzgebiets und Dorfbewohner, denen Hitze und Hügel nichts ausmachen.

Auf Flores sind bei meinem Besuch nur vier Warane in die 26 Fallen des Teams gegangen. Ein Jahr zuvor waren es zur gleichen Zeit 14. Ein Beweis für das Schrumpfen der Population ist das freilich nicht. Kamerabilder zeigen, dass die Drachen oft an den Fallen schnuppern und sich dann abwenden. Weil sie den Geruch von Menschen aufgenommen haben?

Erst an meinem vorletzten Tag, auf der zweiten Patrouille des Tages, haben wir Glück. In Falle Nummer drei steckt ein kleiner Waran. Er misst von der Nase bis zur Schwanzspitze ungefähr einen Meter, das heißt, er ist vielleicht drei Jahre alt. Dunkelgraue, gelbe und orangefarbene Schuppen bedecken seinen Körper. Ich knie mich vor die Falle, um ihn durch eine Öffnung im Metall besser anschauen zu können. Ein gelb umrandetes Auge starrt zurück. Dann holen ihn die Drachenfänger mit Haken und Lasso heraus, verschließen ihm das Maul mit Klebeband und fesseln Vorder­ und Hinterbeine sanft, aber fest am Körper, um ihn ruhig zu stellen.

Dann geht alles sehr schnell. Das Team vermisst den Gefangenen, wiegt ihn und sucht mit einem Lesegerät unter der Haut nach einem Chip, der eine frühere Gefangennahme anzeigen würde. Nichts. Aus dem Schwanz wird Blut für genetische Analysen entnommen. Es sind noch nicht einmal 20 Minuten vergangen, dann entfernen die Biologen das Klebeband vom Maul des Warans und lassen ihn frei. Blitzartig verschwindet er im Wald, mit wirbelnden Klauen Staub und Steine um sich werfend – ein ziemlich prosaischer Rückzug für einen Drachen.

Mehr Informationen finden Sie zudem auf unserer Themenseite Reptilien.

(NG, Heft 1 / 2014, Seite(n) 116 bis 129)

Galerie ansehen
Wei­ter­le­sen