Tiere

Wölfe - Der mit dem Lachs tanzt

Sie fangen Fische, knacken Krebse und fressen sich an gestrandeten Walen satt. Die Wölfe an Kanadas Westküste haben den Ozean als Nahrungsquelle entdeckt.

Von Susan McGrath
Bilder Von Ian McAllister/Pacific Wild, Paul Nicklen

Die Wölfe an der Küste British Columbias sind einzigartig. Die Tiere leben dort auf winzigen Inseln und ernähren sich von dem, was der Ozean hergibt. Sie stöbern Krabben, Muscheln und Wal-Kadaver auf und schwimmen bei der Futtersuche viele Kilometer. Unsere Autorin Susan McGrath beobachtete zusammen mit einem Wolfsflüsterer die Tiere aus nur wenigen Metern Entfernung. Doch der Lebensraum der seltenen Küstenwölfe ist in Gefahr.

Und? Haben wir heute Glück?“, ruft Ian McAllister. Wir sind auf einer winzigen Insel in British Columbia, 13 Kilometer vom Festland entfernt. Es ist eines von Tausenden Eilanden vor der windgepeitschten Westküste Kanadas. Meine skeptische Antwort verliert sich im Aprilwind, aber McAllister – Umweltaktivist, Fotograf, Wolfsflüsterer – hat ohnehin längst beschlossen, was zu tun ist. Wir machen es uns im Treibholz bequem, das der Pazifik angeschwemmt hat, und warten ab. Vor uns liegt eine mehrere Hundert Meter lange Buhne aus Geröll, die unsere Insel mit einer anderen verbindet. Gespannt beobachten wir das gegenüberliegende Ufer: grün- goldene Sitka-Fichten, Zedern, Blasentang.

Und plötzlich entdecken wir, was wir suchen. Ein Wolf kommt aus dem Gebüsch. Mit blassem Fell und dünnen Beinen trottet er schnüffelnd über den Strand, stupst mit der Schnauze gegen Seegras, legt die Pfote auf irgendetwas am Boden und reißt mit den Zähnen daran. Ist es ein toter Lachs? Dann erscheint ein zweiter Wolf. Sie berühren sich mit den Schnauzen, laufen zur Buhne und kommen in unsere Richtung.

Wenn wir uns Wölfe vorstellen, dann sehen wir sie auf der Suche nach Karibus durch die Tundra streifen oder in den Weiten des Westens durch die Wälder wandern. Immer auf der Jagd nach Fleisch: Hirsche, Elche, Schneeziegen und was sonst noch auf Hufen herumläuft. Aber hier draußen, an der äußeren Küste von British Columbia, haben Generationen von Wölfen noch nie eine Schneeziege oder einen Elch gesehen.

Im Westen Kanadas machen die Wölfe seit Jahrzehnten Schlagzeilen: Rückkehr, Rückzug, Wolfsmanagement. Sie werden beobachtet, beschrieben, geschmäht und glorifiziert. Müssten wir nicht bald alles über sie wissen? Das könnte man meinen, doch abgesehen vom Menschen gibt es nur wenige Säugetiere, die anpassungsfähiger als der Canis lupus sind. Und darum lebt auch kaum ein Tier in derart vielen unterschiedlichen Lebensräumen. Die Wölfe an der Küste British Columbias jedenfalls scheinen tatsächlich einzigartig zu sein.

Unsere beiden Strandbesucher sind jetzt etwa auf der Hälfte der Landbrücke angelangt und deutlicher zu erkennen. Der Wolf auf der rechten Seite ist alt, fast weiß. „Ein Alphaweibchen“, sagt McAllister. Im Gesicht ist ihr Fell nur noch ein fusseliger Flaum, wie bei einem zerrupften Plüschtier, die Augen sehen aus wie harte, runde Knöpfe. Der andere Wolf, ein Alphamännchen, ist ein Adonis – sein rotbrauner, locker fallender Pelz hat schwarze Spitzen.

Die Wölfe haben nun unseren Strand erreicht. Sie kommen näher, werden immer größer. Plötzlich bleibt die Wölfin stehen und blickt auf. Sie stößt ein feindseliges Knurren aus und trollt sich. Adonis jedoch hebt den Kopf, fixiert mich mit seinen bernsteinfarbenen Augen – und läuft weiter. Bedächtig, unerschrocken und ohne McAllister eines Blickes zu würdigen kommt er direkt auf mich zu.

Die meisten Kanadier wissen nicht viel über den menschenleeren äußersten Westen British Columbias, die 400 Kilometer lange, zerklüftete Küstenlinie zwischen Vancouver Island im Süden und Südost-Alaska im Norden. Der Great Bear Rainforest, ein dunstiger, gemäßigter Regenwald aus Koniferen, säumt die Küste von der Wasserlinie bis zu den Coast Mountains. Es ist eines der größten noch erhaltenen Ökosysteme seiner Art, mit einer Fläche von 65000 Quadratkilometern eineinhalb Mal so groß wie die Schweiz. Auf dem Festland leben Grizzly- und Schwarzbären, wer Glück hat, sieht sogar Kermodebären, eine Unterart des Amerikanischen Schwarzbären. Vom Meer schieben sich Fjorde tief ins Land, durchspült von eiskalten Ozeanströmungen, die viel Plankton mitbringen. Eine gute Nahrungsgrundlage für Wale, Seevögel, Lachse und Robben.

Ian McAllister und der kanadische Wolfsforscher Paul Paquet waren fasziniert, als sie hier vor gut zehn Jahren erstmals Küstenwölfe beobachteten, die Lachs fraßen. Mit der Erlaubnis der Ureinwohner, denen das Land gehört, beauftragten sie den Doktoranden Chris Darimont, dieses Phänomen zu untersuchen. Darimont beschränkte sich bei seinen Forschungen auf das Territorium der Heiltsuk an der Zentralküste – ein dicht mit hohen Fichten und Zedern bewachsenes, oft extrem steiles Gebiet, in dem es fast keine Straßen gibt.

Statt die Tiere zu fangen und ihnen Blut zu entnehmen, widmeten sich Paquet und Darimont deren Hinterlassenschaften. „Wir sammelten Kacke“, sagt Darimont. Genauer: Wolfskot. Und Wolfshaare. Beides enthält eine Fülle von Informationen über Aktionsraum, Geschlecht, Nahrung, Genetik. Forscher lesen daraus wie aus einem Buch. „Wölfe koten sehr überlegt, nicht aufs Geratewohl wie Rehe oder Hirsche“, erklärt Darimont. Zusammen mit ihrem Kot sondern sie aus den Analdrüsen ölige Sekrete ab und hinterlassen auf diese Art Duftbotschaften an andere Wölfe. Diese sogenannte Wolfslosung setzen sie gern an markante Stellen wie Wegkreuzungen, an denen jede Nachricht gleich doppelt so viele „Leser“ erreicht.

Zehn Jahre und unzählige Kackewitze später hatten die beiden 7 000 Kotproben gesammelt, dampfsterilisiert, gewaschen, eingetütet, etiket- tiert und bei Darimonts Mutter im Keller ein- gelagert. Die Daten über die Küstenwölfe auf dem Festland belegten, was die meisten Einheimischen ohnehin schon wussten: Wölfe fressen Lachse. In der Laichzeit machen die Fische 25 Prozent der Nahrung von Küstenwölfen aus.

Überrascht waren die Forscher aber von den übrigen Ergebnissen. Sie zeigten, dass manche Wölfe nicht weiterziehen, sondern ihr ganzes Leben auf den äußeren Inseln verbringen, wo es keine Lachswanderung und auch nur wenig bis gar kein Wild gibt. Höchstwahrscheinlich paaren sich diese Wölfe nur untereinander und nicht mit den Lachsfressern vom Festland. Und sie sammeln Strandgut. Sie zermalmen Krebse, sie schlecken den klebrigen Heringslaich vom Seetang und fressen sich an angeschwemmten Wal-Kadavern satt. Sie schwimmen hinaus in den Ozean, und sie sind geschickte Kletterer. Denn oben auf den Felsen im Wasser liegen Robben in der Sonne – eine leichte Beute. „In manchen Fällen stammen 90 Prozent der Wolfsnahrung aus dem Meer“, sagt Darimont. Mittlerweile arbeitet er schon seit mehr als zehn Jahren mit diesen Tieren. Er nennt sie gern augenzwinkernd „Kanadas neueste Meeressäuger“.

Aber neu sind sie nur für die Wissenschaftler. Die Ureinwohner kennen die Wölfe schon lange, und schon lange versetzen deren Schwimmkünste sie ins Staunen. Manchmal legen die Tiere zwischen den Inseln viele Kilometer zurück. 1996 wurden erstmals in der langen Geschichte des Tsimshian-Volkes Wölfe auf Dundas Island gesichtet – 13 Kilometer vom Festland entfernt. Laut Paquet sind diese Art Küstenwölfe keine Anomalie, sie sind ein Relikt. „Es besteht kaum ein Zweifel, dass sie auch an der Küste des Staates Washington gelebt haben. Der Mensch hat sie ausgerottet. Auch auf den Inseln in Südost-Alaska leben noch Wölfe, sie werden aber systematisch gejagt.“

In British Columbia dürfen Wölfe fast uneingeschränkt gejagt werden, doch die riesigen, kaum zugänglichen Waldgebiete sind dünn besiedelt, und die Ureinwohner an der Küste sind den Wölfen freundlich gesinnt. Trotz dieser günstigen Bedingungen und der Anpassungsfähigkeit der Wölfe ist ihr ungestörtes Leben im Great Bear Rainforest in Gefahr. Denn für das umstrittene Energieprojekt Northern Gateway Pipeline soll eine Doppelrohrleitung gelegt werden, die sich von den Ölsandfeldern der Provinz Alberta über die Coast Mountains bis zu einem neuen Schiffsterminal im Norden British Columbias erstrecken soll.

Bei voller Leistung der Pipelines würde vermutlich fast täglich ein Tanker die gefährliche Fahrt durch die Fjorde unternehmen. Außerdem sind mehrere Verschiffungshäfen für Flüssig-Erdgas von Kanadas Frackingfeldern geplant. Dabei haben viele hier noch das „Exxon Valdez“-Unglück von 1989 im Prinz-William- Sund in Erinnerung, als ein leckgeschlagener Tanker eine Ölkatastrophe verursachte. In seltener Einigkeit sprachen sich vergangenes Jahr Dutzende indigene Volksgruppen gegen die Pipeline aus. „Unsere Völker schützen dieses Land seit mehr als zehntausend Jahren“, sagt Jessie Housty, ein junges Ratsmitglied der Heiltsuk. „Das kann durch das Northern- Gateway-Projekt nicht einfach ausgelöscht werden.“

Der Wolfsrüde kommt immer näher. Ich schaue zu McAllister hinüber, seine Miene ist regungslos. In Gedanken gehe ich durch, was ich über Wölfe weiß. Noch sechs Meter, fünf ... Und plötzlich, als würde er aus den Wellen aufsteigen, bricht aus dem Treibholz direkt vor mir ein Wolf hervor – eine Kopie von Adonis, nur jünger, und das Rot seines Fells leuchtet kräftiger. Aufgeregt winselnd drückt sich der Heißsporn mit der Schnauze an den Hals des Rüden.

Adonis wendet sich dem Jungwolf zu, der nun zum Wasser läuft und sich in den Sand legt. Während ich ihm hinterherschaue, ist das Alphamännchen verschwunden. Und taucht unvermittelt links von mir wieder auf, in meinem Windschatten, auf einem Stück Treibholz. Ich halte den Atem an. Er durchbohrt mich mit seinem Blick. Dann verliert er das Interesse. Er läuft zum Strand, legt sich neben seinen Sprössling, und nun schauen die beiden hinaus auf den wilden, grauen Pazifik – dorthin, wo ihr Fressen wartet.

(NG Heft 10 / 2015)

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