Umwelt

Die Raubtiere kehren zurück – und die Alligatoren an den Strand

Große Raubtiere dringen wieder in Gebiete vor, die Menschen für sich beanspruchen. So könnten einige Lösungsansätze für aufkommende Konflikte aussehen.Freitag, 11. Mai 2018

Von Elaina Zachos
Alligatoren sind eine von vielen Tierarten, die wieder in von Menschen bewohnte Gebiete zurückkehren.

Manchmal tauchen Dinge an Orten auf, wo man sie am Wenigsten erwartet. Brian Silliman beobachtete gerade Krabben und Schnecken, als sich ein großes Raubtier durch die Salzmarsch anpirschte. Und das schockierte ihn sehr.

„Ich wurde von Alligatoren verfolgt“, sagt Silliman, ein Professor für marine Erhaltungsbiologie an der Nicholas School of the Environment der Duke University. „Alligatoren sind eigentlich ans Süßwasser angepasst. Einen von ihnen in einer Salzmarsch zu sehen, stellte alles auf den Kopf, was ich über Alligatoren gelernt hatte.“

Die Begegnung brachte Silliman zum Nachdenken. Auch andere große Tiere tauchen plötzlichen in ungewöhnlichen Umgebungen auf. Er durchforstete Daten aus wissenschaftlichen Studien und Regierungsberichten und fand heraus, dass große Raubtiere in anderen Ökosystemen als ihren ursprünglichen gesichtet worden waren.

„Ich war überrascht, dass sich das nicht auf eine Spezies beschränkte“, meint Silliman. „Wir Ökologen haben erst begonnen, diese Organismen zu studieren, nachdem ihr Lebensraum schon lange Zeit beschränkt war.“

Er fand heraus, dass der Grund für diese ungewöhnlichen Sichtungen nicht darin liegt, dass diese Raubtiere ihre Jagdgebiete auf der Suche nach Nahrung ausweiten. Das war bisher die einhellige Meinung. Die Tiere besiedeln nur Gebiete neu, die sie bewohnten, bevor der Mensch auf die Bildfläche trat und sie ihrer Lebensgrundlage beraubte. Silliman veröffentlichte seine Ergebnisse zusammen mit einigen Co-Autoren am Montag im Wissenschaftsmagazin Current Biology.

FREILAUFENDE TIERE ...

Zusätzlich zu den Alligatoren fanden Silliman und sein Team Berichte über Seeotter, Fischotter, Grauwale, Wölfe, Pumas, Orang-Utans, Weißkopfseeadler und andere Raubtiere, die immer wieder in Habitaten außerhalb ihres gewöhnlichen gesichtet wurden. Archäologische Funde zeugen davon, dass Alligatoren und Seeotter an Orte zurückkehren, die nun von Menschen besiedelt sind. Ursprünglich gehörten sie jedoch zu den typischen Habitaten der Tiere.

Größere Räuber stehen am oberen Ende der Nahrungskette und können sich leichter an Umweltveränderungen anpassen. Sie sind oft die intelligentesten Tiere, fügt Silliman hinzu, und ihre größeren Körper können stärkere Temperaturumschwünge leichter ausgleichen. Durch diese Belastbarkeit können die Tiere sich auch in anderen Lebensräumen bewegen, als die, in denen sie heute normalerweise beheimatet sind.

„Ich denke, dass viele von uns natürliche Systeme von außen betrachten und glauben, dass wir wissen, wie diese funktionieren sollten. Viele sind aber vielleicht seit 10.000 Jahre gar nicht mehr in ihrem natürlichen Stadium“, meint Mark Hay, Biologieprofessor an der Georgia Tech, der nicht an der Studie beteiligt war. „Es überrascht mich nicht, dass die Tiere in Gebiete vordringen, in denen wir sie normalerweise nicht vermuten würden.“

Raubtiere stabilisieren und verbessern Ökosysteme, das ist eine Tatsache. Ein Beispiel dafür ist die Monterey Bay in Kalifornien. Seeotter leben normalerweise in den Kelp-Wäldern des Pazifiks. Als sie sich in den Mündungsarmen ansiedelten, fraßen sie dort Cancer magister, eine Krabbenart, die andernfalls algenfressende Seeschnecken dezimieren würde. Diese Seeschnecken können Seegraswiesen vor gefährlichen Algen bewahren, die sich von den Abwässern der inländischen Farmen und Städte ernähren. Kurz gesagt: Mehr Otter führen zu einem gesünderen Ökosystem.

Auch Pumas weiten ihre Habitate aus.

Silliman geht davon aus, dass die Raubtiere, auf die seine Arbeit Bezug nimmt, immer noch in ihren angestammten Lebensräumen zu finden sind. Einige von ihnen breiten sich jedoch in von Menschen besiedelte Gebiete aus.

„Die Mitglieder und Teile der Netzwerke werden neu gemischt. Das bedeutet, dass große Räuber in Ökosystemen in der Nähe von Menschen auftauchen werden“, sagt Silliman. „Das ist nicht unbedingt etwas, vor dem wir Angst haben müssen.“

… UND WIE MAN MIT IHNEN UMGEHT

Heutzutage wird es immer wahrscheinlicher, Tieren in Gebieten zu begegnen, wo man sie eigentlich nicht vermutet, erläutert Silliman. Das heißt nicht, dass einem das Haus von einem Puma verwüstet wird. Allerdings könnte man – abhängig vom Wohnort – durchaus einem Alligator am Strand begegnen.

Koexistenz ist der Schlüssel, fügt Silliman hinzu. Er ist der Überzeugung, dass man sich ein Beispiel Orten nehmen sollte, wo Menschen erfolgreich Seite an Seite mit wilden Tieren leben. Silliman verweist auf Regionen in Australien, Florida und North Carolina, wo Menschen friedlich neben Krokodilen, Alligatoren beziehungsweise Schwarzbären leben.

„Die Lösung liegt im Hinterfragen und lernen aus Situationen, wo Menschen bereits mit wilden Tieren koexistieren“, sagt Silliman. „Das ist kein wissenschaftliches Gedankenspiel, es passiert bereits vielerorts.“

Er gibt jedoch auch zu bedenken, dass Koexistenz mehr Regulation erfordert. Menschen und Tiere müssen ihr Verhalten anpassen, um dem jeweils anderen nicht zu schaden. So kann man beispielsweise Wolfsrudeln nicht erlauben, ungestraft Vieh zu reißen, wütenden Dorfbewohnern aber auch nicht das Töten von gefährdeten Orang-Utans.

Es gibt jedoch einige Beispiele, wo Menschen und wilde Tiere friedlichen nebeneinander leben. So fressen zum Beispiel in Mumbai in Indien Leoparden verwilderte Hunde, die andernfalls die Bevölkerung mit der tödlichen Tollwut anstecken würden.

Hay stimmt Silliman zu. Er studiert zwar marine Ökosysteme, doch auf seinem Schreibtisch liegt der Schädel eines Säbelzahntigers. Er ist eine Erinnerung daran, dass „alles, was ich heute studiere, auf Dinge zurückgeht, die es heute vielleicht nicht mehr gibt.“

„Wir müssen uns noch viel bewusster darüber werden, was diese großen Räuber früher vielleicht getan haben. Auch in Regionen, wo wir sie nicht vermuten würden“, sagt Hay. „Ich finde es unglaublich wichtig, dass wir nicht nur das studieren, was hier ist, sondern auch das, was hier sein könnte.“

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