Umwelt

Könnten invasive Arten auch Ökosysteme erhalten?

Mustangs und Dromedare „gehören“ vielleicht nicht an die Orte, an denen sie gelandet sind – aber einer neuen Studie zufolge haben sie Vorteile für ihre Umwelt und ihre Art. Mittwoch, 24 Januar

Von Emma Marris

Mustangs grasen auf den Prärien der USA, Dromedare streifen durch das australische Outback und Flusspferde entspannen sich in kolumbianischen Seen. Sie alle haben zwei Dinge gemeinsam: Sie sind sehr große Pflanzenfresser und sie sind auf dem „falschen“ Kontinent. Sie wurden von Menschen aus ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet importiert – im Fall der Flusspferde vom verstorbenen Drogenhändler Pablo Escobar, aus dessen Privatzoo die Tiere entkamen.

Unter Biologen gelten diese und andere nicht-heimische Arten generell als ökologisches Problem. Eine neue Studie verfolgt nun einen anderen Ansatz und schlägt vor, die „fremden“ Arten in ihrem neuen Lebensraum willkommen zu heißen. Laut den Autoren sind die deplatzierten Tiere oft ein Ersatz für jene grasenden Arten, die vom Menschen ausgerottet wurden, oder bewahren ihre eigene Art vor dem Aussterben – in manchen Fällen trifft auch beides zu. (Lesenswert: „Halbe Erde“ schützen, um die Artenvielfalt zu retten)

Von den weltweit 76 Arten von Pflanzenfressern, die mehr als 100 Kilogramm wiegen, haben 22 umfangreiche Populationen außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebietes, wie Erick Lundgren und seine Kollegen von der Arizona State Universität berichten. Von diesen 22 gelten die Hälfte als bedroht oder in ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet ausgestorben.

Einige der neuen Populationen stammen von Wildformen mittlerweile ausgerotteter Arten ab. Der Auerochse, der auch in Höhlenmalereien auftaucht, wurde domestiziert und ist der Vorfahre der heutigen Rinder. Mittlerweile ist er ausgestorben, aber von Hawaii bis Hongkong gibt es an vielen Orten der Welt verwilderte Rinderbestände.

Obwohl jede Population ihre ganz eigene Geschichte hat, gibt es doch ein paar Gemeinsamkeiten. „Entweder sind es Lasttiere, die vom Auto ersetzt wurden, oder sie wurden zur Jagd eingeführt, als Fleischlieferant oder zum Sport“, sagt Lundgren.

Die Frage ist, wie man sie nun betrachten und handhaben sollte. Lundgren und seine Co-Autorin Arian Wallach, eine Ökologin von der University of Technology Sydney, argumentieren, dass diese Tiere nun wieder Landschaften abgrasen, deren ursprünglich dort grasenden Arten ausgerottet wurden. Indem die großen Pflanzenfresser Baumsprösslinge fressen, verhindern sie, dass die Graslandschaften zu Wäldern werden. Das vermindert auch die Waldbrandgefahr. Da sie an einem Ort grasen und ihre Ausscheidungen an einem anderen Ort hinterlassen, sorgen sie für eine Verteilung von Nährstoffen.

Lundgren hat in Arizona sogar verwilderte Hausesel – deren Vorfahren aus Nordafrika stammen – dabei beobachtet, wie sie Wasserlöcher graben, von denen auch Kojoten, Nabelschweine, Dickhornschafe und Pflanzen profitieren. Aber vielen Einwohnern Arizonas sind die herumstreunenden Esel lästig, nicht zuletzt, weil sie oft Straßen überqueren und angefahren werden. (Lesenswert: Streitfrage Wolf: Warum der Schutz der Raubtiere die Gesellschaft spaltet)

HEIMKEHR NICHT MÖGLICH

Viele Naturschützer sind der Meinung, dass diese Tiere in ihren ursprünglichen Lebensraum zurückgebracht werden sollten. Oft ist das aber gar nicht möglich, wie Wallach erklärt. Das Dromedar, das zur Familie der Kamele gehört, ist dafür ein gutes Beispiel.

„Es gibt einen Grund dafür, dass diese Tiere im Mittleren Osten überhaupt ausgestorben sind“, sagt sie. Die wilden Dromedare wurden wahrscheinlich domestiziert und bejagt, bis ihre wilden Populationen ausgelöscht waren. Heutzutage gibt es im Mittleren Osten und Nordafrika keinen sicheren Ort mehr, der sich für eine groß angelegte Wiedereinführung der Art anbieten würde. Außerdem verweist Wallach darauf, dass wir zwar denken, das Dromedar „gehöre“ in den Mittleren Osten – denn dort trafen Menschen zuerst auf die Art und domestizierten sie –, dass es sich tatsächlich aber Millionen von Jahren früher in Nordamerika entwickelt hat.

Heutzutage „passen Kamele am besten nach Australien“, sagt Wallach. Dort wurden sie im 19. Jahrhundert eingeführt. Mittlerweile streifen um die 300.000 Dromedare durch die australischen Wüsten. Eine Motivation für die Studie war Wallach und ihren Kollegen zufolge, dass sie den Leuten begreiflich machen wollten, dass auch nicht-heimische Populationen oft einen großen ökologischen Einfluss haben.

Die Idee dazu kam Wallach, als sie sich eine Karte des Co-Autors William Ripple ansah, einem Ökologen der Oregon State Universität in Corvallis. Die Karte zeigte die Verbreitungsgebiete großer Pflanzenfresser, aber Australien war völlig leer – trotz der Tatsache, dass dort neben der weltweit einzigen wilden Dromedarpopulation aktuell sieben weitere eingeführte Arten großer Pflanzenfresser leben. Unter ihnen befinden sich Esel, Wasserbüffel, Pferde, der stark gefährdete Banteng aus Südostasien und der gefährdete indische Sambar.

Da sie alle dort nicht heimisch sind, waren sie auf Ripples ursprünglicher Karte nicht verzeichnet. Diese selektive Betrachtungsweise ist auf dem Gebiet der Ökologie sehr verbreitet, was in der Praxis bedeutet, dass über diese Populationen nur wenig bekannt ist. Selbst nach dem Abschluss der Studie erfährt Lundgren noch immer regelmäßig von neuen Populationen. „Ich habe gerade eine neue Art entdeckt, die wir übersehen haben“, sagt er. „Riesen-Elenantilopen in Kuba. Es gibt ungefähr 1.000.“ Diese außergewöhnlich schönen Antilopen sind in ihrer afrikanischen Heimat vom Aussterben bedroht.

„Die Tiere sind jetzt da“, sagt Lundgren. „Für viele von ihnen ist die neue Heimat das Zuhause, das sie besser als jeden anderen Ort kennen. Wir würden eine Menge Energie und Zeit darin investieren, sie zu töten, wenn wir wieder zu einem sauberen historischen Ausgangswert zurückkehren wollen würden.“ Stattdessen findet er, es wäre besser, „wir würden unsere Augen für ein Wunder öffnen, das wir so oft ignorieren, und diese Tiere feiern.“

GEFEIERTE DROMEDARE? WOHL KAUM

Andere Ökologen sind noch nicht so weit, die Sektkorken knallen zu lassen. Daniel Simberloff von der Universität von Tennessee untersucht den Einfluss nicht-heimischer Arten auf Ökosysteme. Ihm zufolge berichten Lundgren und seine Kollegen nur über die positiven Auswirkungen der invasiven Pflanzenfresser und ignorieren die Probleme, die sie verursachen. (Lesenswert: 46 umweltpolitische Siege seit dem ersten Tag der Erde)

„Kamele, um Himmels willen“, sagt Simberloff. „Es gibt ein ganzes Buch und zahlreiche Abhandlungen über die schädlichen Auswirkungen – sowohl ökologische als auch wirtschaftliche und soziale – von verwilderten Kamelen.“ Tatsächlich lassen Studien darauf schließen, dass die Wüstenbewohner Wasserlöcher und Quellen schädigen und verschmutzen – darunter auch solche, die für die Aborigines von kultureller Bedeutung sind. Zudem haben die Tiere bereits einige für Menschen essbare Pflanzen lokal ausgerottet, darunter auch das Sandelholzgewächs Santalum acuminatum.

Da sie in Arabien ausgerottet sind, könnte man in Australien Simberloff zufolge eine sorgsam verwaltete Herde zum Arterhalt pflegen. Aber „sie müssen nicht durch halb Australien streifen.“

Anderen Forschern gefällt der Ansatz, invasive Arten auch mal aus einer anderen Perspektive zu betrachten – zumindest in der Theorie. Wie immer bei der Ökologie steckt der Teufel im Detail. Laut Eric Beever, einem Ökologen des Geologischen Dienstes der USA, kann ein gewisses Maß an grasenden Tieren für eine Landschaft zwar gut sein, aber ein Übermaß kann die Artenvielfalt der Tiere und Pflanzen verringern. Ohne Raubtiere, die die Populationen der Pflanzenfresser in Schach halten, können Arten wie die Wildpferde im amerikanischen Westen zu einem echten Problem werden.

„Ich reite sehr gern“, sagt Beever. „Im romantischen Sinne ist es wundervoll, [die Pferde] zu sehen. Aber aus einem ökologischen Blickwinkel ...“ Er lässt den Satz unvollendet und zitiert dann den Ökologen Aldo Leopold. „Einer der Nachteile einer ökologischen Ausbildung ist es“, schrieb Leopold einst, „dass man allein in einer Welt voller Wunden lebt. Ein Großteil des Schadens an der Landschaft ist für den Laien unsichtbar.“ Für Beever ist das intensive Grasen der Mustangs – obwohl die Auswirkungen der Hausrinder beträchtlich überwiegen – eine solche Wunde.

Wallach, die kein Laie ist, sieht das nicht so. Die Landschaft im Westen Nordamerikas, die so viele Ökologen als gesund und natürlich betrachten, ist gar nicht natürlich, sagt sie. Sie entstand durch das Aussterben zahlreicher großer Tierarten vor 10.000 Jahren, die während des eiszeitlichen Pleistozäns in Nordamerika heimisch waren. Die Hauptschuld daran tragen menschliche Jäger. Das Ergebnis dieser Veränderungen war eine grünere Welt mit mehr Wäldern und weniger grasenden Arten.

„Das Konzept des ‚Kahlweidens‘ erzählt uns eher etwas über uns“, sagt Wallach. „Wenn wir sagen, dass Tiere etwas kahlweiden, sagen wir eigentlich: ‚Das Grasen wirkt sich auf diese Landschaft auf eine Art und Weise aus, die mir nicht gefällt.‘“

NÄCHSTER SCHRITT: INVASIVE ELEFANTEN?

Der Ökologe Harry Greene von der Cornell Universität ist zumindest der Meinung, dass wir weit mehr tun sollten, als nur jene Pflanzenfresser willkommen zu heißen, die bereits von Menschen eingeführt wurden. Er denkt, dass wir noch weitere Arten einführen sollten, und zwar als Ersatz für die ausgestorbenen Tiere des Pleistozäns.

In Nordamerika gab es einst zahlreiche Mammuts, und wilde Esel, Pferde und Rinder können diese massigen Riesen nicht wirklich ersetzen. Elefanten hingegen könnten das vielleicht. Greene schlägt ein Experiment vor, um zu testen, wie die Tiere mit einem modernen amerikanischen Ökosystem interagieren würden. „In unserem Land gibt es aktuell mehr als 100 Asiatische Elefanten, und die Leute sind zunehmend der Ansicht, dass man sie aus unseren Zoos rausholen sollte“, sagt er. Warum also keine kontrollierte, eingezäunte Herde bilden und sie studieren?

Die Elefanten aus Asien und Afrika, die durch Wilderei und Verlust von Lebensraum bedroht sind, könnten seiner Ansicht nach eines Tages eine Zuflucht in Amerika finden. „Wenn die einzigen verbliebenen Elefanten der Welt in einer nordamerikanischen Herde zu finden sind, die mit Zootieren begann, wäre das immer noch besser, als wenn es auf der Welt gar keine Elefanten mehr gäbe“, sagt Greene. (Lesenswert: China beendet seinen legalen Elfenbeinhandel)

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