Umwelt

Terra Preta: Das Geheimis liegt im Boden

Caroline Pfützner stellt Erde nach dem Modell der Terra Preta her: die hilft Pflanzen beim Wachsen – und dem Klima.Mittwoch, 24. Juli 2019

Von Alexandra Polič
Caroline Pfützner macht sich gern die Hände schmutzig: Ihre fruchtbare schwarze Erde stellt sie selbst her. Die Terra Preta bringt Nährstoffe zurück in den Boden.

Wer im Tiroler Örtchen Schwendt einer engen Waldstraße folgt, den fesselt die Natur. Der Blick schweift endlos über Felder, auf die Berge – und bleibt schließlich in einem kleinen Garten hängen, den kein Zaun von der Landschaft trennt. Unter einer Eiche steht Caroline Pfützner, eine Frau in grüner Latzhose und mit einer Mission: „Wir wollen den Menschen das Konzept der Terra Preta näherbringen“, sagt sie.

Die Terra preta de índio ist eine Bodenart. Forscher entdeckten die „schwarze Indianererde“ Ende des 19. Jahrhunderts am Amazonas. Die fruchtbare Mischung aus Kohle, Kompost, Dung, Tonscherben und Exkrementen entstand vor allem um präkolumbische Siedlungen herum; ihre Bewohner stellten sie wohl auch bewusst her. Heute bedient sich Pfützner fast desselben alten Rezepts wie die frühen Siedler.

Als Pfützner 2008 auf die Methode stößt, will sie gerade ihren eigenen Garten retten: Der Boden ist so unfruchtbar, dass kaum Gemüse darin wächst. Also besorgt sie Mikroorganismen, Gesteinsmehle und Pflanzenkohle, sammelt Küchen- und Gartenabfälle und schichtet alles zusammen. Das Kompostieren dauert einige Monate – dann kann Pfützner eine fünf Millimeter dicke Schicht Terra Preta über ihr Gemüsebeet streuen. „Das Ergebnis war phänomenal!“, erinnert sie sich. Plötzlich gab es mehr Ertrag und weniger Schnecken in ihrem Garten. Bei dem Selbstversuch blieb es nicht: Pfützner gründet ein Familienunternehmen, die TerraTirol KG. Die Geschäfte führt Pfützners Mann, die Produktion nimmt sie in ihrem Garten selbst in die Hand.

Das Wunderwerk passiert im Boden selbst: „Die Terra Preta bringt Nährstoffe zurück in die Erde“, sagt Pfützner. Die Vorarbeit leisten die Mikroorganismen. Sie unterstützen die Fermentation: einen Gärungsprozess, der Vitamine und Enzyme entstehen lässt und Fäulnis verhindert. Die Gesteinsmehle dienen den Kleinstlebewesen als Lebensraum – so wie bei den Amazonasbewohnern die Tonscherben.

Caroline Pfützner hat das Familienunternehmen TerraTirol KG gegründet.

Pfützner greift in einen fertigen Kompost und holt eine Handvoll tiefschwarzer Erde hervor. Sie fühlt sich warm an, riecht leicht säuerlich nach Waldboden und lässt sich mit den Händen formen. Pfützner zeigt auf kleine schwarze Splitterstücke darin, die metallisch glänzen: die Pflanzenkohle. „Sie ist die wichtigste Komponente der Terra Preta“, sagt sie. Pflanzen enthalten Kohlenstoff: Während des Wachsens haben sie es in Form von CO2 aus der Atmosphäre gezogen. Bei der Herstellung der Kohle bleibt der Kohlenstoff, das C, weitgehend erhalten: In der Atmosphäre würde er den Klimawandel antreiben, aber im Boden hilft er den Pflanzen. Außerdem wirkt die Pflanzenkohle wie ein Schwamm: Im Kompost saugt sie Nährstoffe auf und speichert sie.

In Testbeeten bringt die Terra Preta im Vergleich mit herkömmlicher Erde zwischen 30 und 80 Prozent mehr Ertrag. Pfützner hat ein Praxisbuch geschrieben, hält Vorträge und Seminare: Sie möchte anderen zeigen, wie einfach die Erde herzustellen ist. Alles, was man dafür braucht, verkauft TerraTirol außerdem im Onlineshop – genauso wie die fertige schwarze Erde.

2016 erhält Pfützner mit der Terra Preta den Tiroler Regionalitätspreis für Nachhaltigkeit. Seit Kurzem untersucht sie mit der Innsbrucker Universität MCI, wie ein Großbauer sein unverkäufliches Gemüse als Terra Preta wiederverwerten kann. Pfützner ist also nicht allein: Experten auf der ganzen Welt beschäftigen sich heute mit der schwarzen Erde. „Wir leisten Pionierarbeit“, sagt Pfützner. „Immerhin bauen wir damit den Boden für die nächste Generation.“

Dieser Artikel stammt aus Heft 8/2019 des National Geographic-Magazins!

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