Blackout: Was passiert, wenn nichts mehr geht?

Das Katastrophenszenario „Blackout“ ist in aller Munde. Wie wahrscheinlich ist es, dass es in absehbarer Zeit wirklich zu einem Totalausfall von Strom, Heizung und Co. kommt? Was wären die Auswirkungen und wie gut sind wir auf den Worst Case vorbereitet?

Von Markus Röck
Veröffentlicht am 13. Dez. 2021, 10:57 MEZ
Strommasten und Lichter im Dunkeln

Was passiert, wenn europaweit der Strom ausfällt?

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Und plötzlich ist es dunkel. Das Telefon funktioniert nicht mehr. Ebenso wenig die Heizung. Draußen auf der Straße steht die Bahn still. Die Ampeln fallen aus und auch Tankstellen müssen ihren Betrieb einstellen. In Deutschland und in ganz Europa. Seit Jahren beschäftigt das Katastrophenszenario des „Blackouts“ – eines großflächigen, langanhaltenden Stromausfalls Energie- und Sicherheitsexperten gleichermaßen. 2021 gewann das Thema erneut an Brisanz, nachdem es gleich zu zwei größeren Störungen in der europäischen Stromversorgung gekommen war. Am 8. Januar mussten mehrere Länder in Südosteuropa vom Stromnetz abgetrennt werden. Am 24. Juli gab es eine weitere Störung in Spanien, Portugal und Frankreich. In beiden Fällen sprach man von einem Beinahe-Blackout. Schlimmeres konnte nur durch das rasche Einsetzen von Sicherheitsmechanismen verhindert werden.

Wie es zu einem Blackout kommen kann

Viele Experten betrachten die jüngsten Störungen im europäischen Stromnetz mit Sorge. So auch Herbert Saurugg. Der Österreicher beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit dem Thema. Als Präsident der österreichischen Gesellschaft für Krisenvorsorge steht er mehreren Institutionen in beratender Funktion zur Seite. Für Saurugg hat die Wahrscheinlichkeit, dass es in absehbarer Zeit zu einem Blackout kommen könnte, in den letzten Jahren stark zugenommen. „Es gibt eine zunehmend angespannte Situation im Netzbetrieb“, sagt Saurugg. Gründe dafür gibt es demnach mehrere – unter anderem, dass die Steuerung vom Stromsystem Jahr für Jahr komplexer werde.

Auch die Energiewende ist ein großes Thema. Nach und nach soll in Deutschland der aus Kern- und Kohlekraftwerken gewonnene Strom durch Strom aus erneuerbaren Energien, insbesondere aus Wind und Photovoltaik ersetzt werden. Für das Stromnetz, das darauf ausgelegt ist, dass immer nur so viel Strom produziert wird, wie auch verbraucht wird, ist das eine zusätzliche Belastung. „Wind und Sonne haben den Nachteil, dass sie nicht immer verfügbar sind“, so Saurugg. Kern- und Kohlekraftwerke könnten solche Lücken durch die sogenannte Momentanreserve ausgleichen – das sind große Generatoren, die durch Bewegung Energie speichern. Bei Wind- und Photovoltaikanlagen sei das derzeit allerdings noch nicht möglich. Zwar könne man in Deutschland Energieschwankungen auch mit Gaskraftwerken entgegenwirken. „In einem kalten Winter kann das sehr teuer werden oder es gibt nicht genug Gas, um den Betrieb aufrecht zu erhalten“, so Saurugg.

Im Zuge der Energiewende sollen Kern- und Kohlekraftwerke nach und nach abgelöst werden.  

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Darüber hinaus sieht der Blackout-Experte vor allem in veralteten Infrastrukturen bei Transformatoren, dem steigenden Stromverbrauch durch die Digitalisierung, aber auch in Einzelereignissen – von Extremwettersituationen bis hin zu Terroranschlägen und Cyberangriffen – Risiken, die die Gefahr eines Blackouts erheblich steigern. Insbesondere, wenn mehrere Ereignisse gleichzeitig auftreten würden, könne es laut Saurugg zu einem „Systemversagen durch Komplexitätsüberlastung“ kommen. „Das sind Dinge, die an und für sich beherrscht werden können. Ist aber eines zu viel dabei, kann das eine Kettenreaktion auslösen“, sagt Saurugg. Der Österreicher geht davon aus, dass sich aufgrund der Entwicklungen der letzten Jahre, aber auch wegen der aktuellen Rahmenbedingungen bereits in den nächsten Monaten, spätestens aber in wenigen Jahren ein erster Blackout ereignen könnte.  

Auf Worst-Case-Szenarien vorbereitet

Nicht überall teilt man diese Ansicht. Fiete Wulff, Pressesprecher bei der deutschen Bundesnetzagentur, sieht Deutschland keiner nahenden Blackout-Gefahr ausgesetzt. „Ein flächendeckender, langanhaltender Blackout ist ein sehr unwahrscheinliches Szenario“, sagt Wulff. Zu viele Sicherungsmechanismen würden ein solches Ereignis verhindern. Von Kraftwerken, die kurzfristig zugeschaltet werden können, über die Abschaltung großer Stromverbraucher bis hin zum Bezug von Energiemengen aus dem Ausland – all das sind Wulff zufolge Möglichkeiten, einem Ungleichgewicht in der Energieversorgung entgegenzuwirken. Zudem sei das ganze Stromnetz redundant nach dem sogenannten „n-1-Kriterium“ aufgebaut, das zusätzliche Ausfallsicherheit garantiere. Und selbst wenn Teile des Netzes ausfallen würden, gibt es – so Wulff – immer noch die Möglichkeit, diese zu isolieren, um Kettenreaktionen zu vermeiden. „Wir sind auf Worst-Case-Szenarien vorbereitet“, so Wulff.

In der Energiewende sieht Wulff ebenfalls keine Gefahr für die Systemsicherheit: „Die Stromversorgung in Deutschland ist historisch gut. Durch den Ausbau der erneuerbaren Energien ist bislang kein Einfluss darauf erkennbar.“ Wie der Kohleausstieg die Systemsicherheit in den nächsten Jahren beeinflussen könnte, haben Forscher der Universität Duisburg-Essen 2020 in einer Studie ermittelt. Die Forscher kommen ebenfalls zu dem Schluss, dass die Systemsicherheit nach dem Kohleausstieg gewährleistet werden kann, da es bereits Alternativen zu Kohlekraftwerken und der von ihnen zur Verfügung gestellten Momentanreserve gibt. Man müsse diese aber bereitstellen und gegebenenfalls auch Netzanschlussregeln und Betriebskonzepte anpassen. In Wulffs Augen befindet man sich hier bereits auf einem guten Weg. „Wir kommen gut voran und sind weitgehend im Zeitplan. Das Thema ist aber so wichtig, dass jede Beschleunigung des Ganzen zu begrüßen ist“, so Wulff.

Grundsätzlich stellt der Umstieg auf erneuerbare Energien keine Gefahr für die Systemsicherheit dar

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Das Stromnetz ist nicht unverwundbar

Trotz allem kann auch Wulff nicht vollkommen ausschließen, dass es irgendwann zu einem Blackout kommt. „Eine Garantie, dass so etwas nicht passiert, gibt es nicht. Wie alle technischen Systeme ist auch unser Stromnetz nicht unverwundbar“, sagt Wulff. Was wären die Folgen eines solchen Ereignisses, wenn es nun doch eintritt? Der Blackout-Experte Herbert Saurugg beschäftigt sich auch mit diesem Thema. „Dort, wo es eine Stromabhängigkeit gibt, kommt unser Leben zum Stillstand“, sagt Saurugg. Zwar könne man davon ausgehen, dass in Europa der Strom binnen weniger Tage wiederhergestellt ist. Viel schlimmer sind in Sauruggs Augen aber mögliche langfristige Folgen des Stromausfalls: „Es geht auch um einen Infrastruktur- und Versorgungsausfall, den viel zu wenige auf dem Schirm haben.“

Zu diesem Schluss kam auch das Büro für Technikfolgenabschätzung beim deutschen Bundestag (TAB). In einer bereits 2011 veröffentlichten Studie wurden die Auswirkungen eines großflächigen Stromausfalles näher betrachtet. Telekommunikation, elektrisch betriebene Verkehrsmittel, Wasserversorgung- und Abwasserentsorgung – aber auch die Lebensmittelversorgung oder das Gesundheitswesen könnten bei einem Blackout für eine längere Zeit ausfallen oder erheblich beeinträchtigt sein. „Träte dieser Fall (…) ein, kämen die dadurch ausgelösten Folgen einer nationalen Katastrophe gleich“, heißt es in der Studie. Die Experten vom TAB fordern, dass das Thema auf der Agenda von Politik und Gesellschaft hohe Priorität haben sollte.

Herbert Saurugg sieht hier auch Privatpersonen in der Pflicht. „Wir haben die Illusion, dass immer alles da ist und da sein wird. Das ist eine falsche Erwartung“, so Saurugg. Wie also vorsorgen? „Die Basis ist, dass man 14 Tage autark überleben kann“, sagt Saurugg. Auch das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) empfiehlt, unter anderem einen ausreichenden Vorrat an Wasser, Lebensmitteln und wichtigen Medikamenten anzulegen, um in Notfällen vorbereitet zu sein. „Wenn möglichst viele Menschen es schaffen, sich zwei Wochen über Wasser zu halten, schaffen wir es auch, die Systeme wieder hochzufahren“, sagt Saurugg. Für Fiete Wulff ist eine solche Vorbereitung ebenfalls ratsam. Dafür müsse es nicht erst zu einem flächendeckenden Blackout kommen: „Es hat auch schon lokale Stromausfälle gegeben, bei denen man ein, zwei Tage ohne Strom war. Insofern ist es durchaus sinnvoll, sich Gedanken darüber zu machen.“

 

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