Hotspot Alpen: Kampf gegen die Folgen des Klimawandels

In den Alpen vollzieht sich der Klimawandel mit besonders drastischer Geschwindigkeit. Hinzu kommt die Zerstörung der Umwelt durch die kommerzielle Nutzung. Besuch bei einem Bergbewohner, der sich dagegen stellt.

Von Michael Ruhland
Veröffentlicht am 23. Juni 2022, 15:44 MESZ
Alpen Gletscher

In den Alpen vollzieht sich der Klimawandel mit besonders drastischer Geschwindigkeit. Hinzu kommt die Zerstörung der Umwelt durch die kommerzielle Nutzung. Besuch bei einem Bergbauern, der sich dagegen stellt.

Foto von pasja1000 / Pixabay.com

Richard Fliris Augen verengen sich, als er über jenen 22. Januar 2018 berichtet, der beinahe in einer Katastrophe geendet wäre. Tagelanger Schneefall und anhaltender Nordwestwind hatten in den Kammlagen riesige Schneewechten aufgebaut. „Ich war am frühen Abend mit der Schneefräse zugange, als mir Schneekristalle wie Messerspitzen ins Gesicht schlugen“, erzählt er und atmet tief durch. „Instinktiv wusste ich, dass eine Lawine kommt, und rettete mich in die Tiefgarage.“ So war es. Fliri hörte Bäume bersten, spürte die orkanartige Druckwelle und sah, wie sich meterhohe Schneemassen in der Einfahrt auftürmten. Sein Strohhaus mit den zwei Ferienwohnungen war getroffen worden, zu dem Zeitpunkt voll besetzt. „Die Sorge, wie heftig der Aufprall war, trieb mich hinaus. Wie aus einer Nebelschicht schälten sich die Konturen des Gebäudes heraus. Niemand war zu Schaden gekommen.“ Ein kleines Wunder, hier hinten im stillen Südtiroler Langtauferer Tal, an dessen Ende sich Dreitausender wie die vergletscherte Weißkugel und die Weißseespitze aufbauen.

​Berchtesgaden: Temperaturanstieg von 3,7 Grad in nur zehn Jahren

Tage nach dem Unglück bekam Fliri Besuch von Wissenschaftlern des Lawinenforschungsinstituts Davos. Deren Simulationen am Computer ergaben eine Fließgeschwindigkeit von 60 bis 80 Stundenkilometern und eine Fließschicht von zwei Metern. Das bedeutete einen Aufpralldruck von 50 Tonnen auf der Breite der Fassade. „Das Stroh hat den Druck abgefedert, ein Ziegelgebäude wäre wohl zusammengestürzt“, sagt Fliri und beruft sich auf die Experten. „Niemand konnte sich das vorstellen.“ Sechs Jahre hatte er für die Genehmigung gekämpft, bis er sein Strohhaus 2008 bauen durfte, nun hatte es Leben gerettet. Boden-, Fassaden- und Dachfläche seines Gästehauses sind mit Stroh gebaut. Die gepressten Ballen – ein Abfallprodukt der Getreideernte – übernehmen die tragende Funktion. Ihr Isolierwert sei mit Styropor vergleichbar. „Dadurch kommen wir fast ohne Heizung aus. Der Energiebedarf liegt knapp unter vier Kilowattstunden jährlich pro Quadratmeter Wohnfläche“, sagt Fliri.

Fliri, 59, ist ein Pionier – und einer von jenen, die die Alpen jetzt brauchen. Denn dieses Gebiet in der Mitte Europas steckt in einer Krise. Nicht die Berge, sondern der Lebensraum, die Heimat für Menschen, Tiere und Pflanzen. Dazu der jahrtausendealte Kulturraum mit seinen von bäuerlicher Wirtschaft geprägten Landschaften. Ein Grund ist der Klimawandel, der in den Bergen extremer ausfällt. Hannes Vogelmann vom Institut für Meteorologie und Klimaforschung des Karlsruher Instituts für Technologie in Garmisch-Partenkirchen geht von einer mindestens doppelt so starken Erwärmung in den Alpen aus wie im globalen Mittel. Im bayerischen Berchtesgaden verzeichnete eine Messstation in den letzten zehn Jahren eine Erwärmung von 3,7 Grad. „Im gleichen Zeitraum ist die Temperatur global im Durchschnitt um 0,39 Grad gestiegen. Wir reden hier von einem Faktor zehn!“, sagt er. Das empfinde er als „ziemlich beunruhigend“, fügt der Wissenschaftler hinzu.

Unwetter mit Starkregen lassen kleine Gebirgsbäche in kürzester Zeit zu reißenden Strömen anwachsen – wie etwa an der berühmten Bob- und Rodelbahn Königssee im Juli 2021, die durch eine Schlammlawine zerstört wurde. Vier Jahre zuvor kamen bei einem Bergsturz und dem dadurch ausgelösten Murgang im Graubündner Bondascatal acht Wanderer ums Leben. Ursachen: tauender Permafrost, schmelzende Gletscher, mit Wasser übersättigte Böden und Sedimente. Andernorts fällt monatelang kein Niederschlag – wie im vergangenen Winter in Norditalien. Flüsse trockneten aus, die Landwirtschaft litt; Speicherteiche in Skigebieten waren leer, sodass Schneekanonen abgeschaltet werden mussten – zum Unmut der Gäste, die sich bestens präparierte Pisten für den Skiurlaub wünschen.

40 Prozent des Süßwassers in Europa stammt aus den Alpen. Eine Störung in den Ökosystemen der Bege hat daher Auswirkungen weit darüber hinaus.

Foto von pasja1000 / Pixabay.com

​Bergbewohner kämpfen um den Erhalt der Natur

Richard Fliri steht in der Küche seines Wohnhauses und bereitet das Frühstück. Mit seinen filigranen Händen, die eher nach Klavierspieler denn Landwirt ausschauen, schneidet er selbst gemachte Butter ab und legt sie sorgfältig auf die Teller. Zwei Milchkühe und vier Rinder hält Fliri, drei Zwergziegen hat er für die Feriengäste angeschafft. Außerdem baut er alle Arten von Gemüse an. „Das lukriert nicht, aber ich fühle mich in der Pflicht, die Tradition aufrechtzuerhalten“, sagt der gelernte Maler und Restaurator. Die Tradition, damit meint er die Klein- und Kleinstbetriebe im Langtauferer Tal mit seinen 20 Weilern und 420 Einwohnern. Nicht „lukrieren“ heißt: Gut 5000 Euro zahlt Fliri nach eigenem Bekunden jährlich drauf, um die Landwirtschaft in Schuss zu halten. Das geht, weil er vier Ferienwohnungen vermietet, zwei im Stammhaus, zwei im Strohhaus. „Wir müssen ökosoziale Wirtschaftswege finden“, sagt er und verweist auf das Statut der Alpgemeinschaft im Langtauferer Tal. Seit 200 Jahren nehme es Rücksicht auf Land und Leute, sichere das Überleben von Generationen.

Dann schimpft er über die Vinschgauer Apfelindustrie. Selbst hier oben auf 1850 Metern seien ihre Pestizide nachweisbar. „Die Apfelbauern spritzen mit Hochdruckfässern 15 Meter hoch in die Luft.“ So trägt der Wind Spuren der Gifte hoch bis an die Gletscher. „Das Prinzip der maximalen Ausbeute auf minimaler Anbaufläche macht die Natur kaputt“, sagt er, und sein Blick beginnt zu flackern. „Die nachfolgenden Generationen werden dafür bezahlen.“ Fliri sieht sich in der Nachfolge von Generationen von Bergbauern, die die oft kargen Böden so bewirtschafteten, dass die Natur sich regenerieren konnte, die mit Demut vor den Bergen aufwuchsen und denen es nicht um Gewinnstreben ging. Sie pflegten heute als Nebenerwerbslandwirte die Kulturlandschaft und hielten dank der Einnahmen aus Ferienwohnungen oder Pensionen die Tradition aufrecht.

Immer wieder in den vergangenen vier Jahrzehnten seien den Bewohnern des Langtauferer Tals Millioneninvestitionen von Seilbahnbetreibern versprochen worden, erzählt Fliri und richtet mit der Hand seinen Seitenscheitel. Diese wollten einen Zusammenschluss mit dem Kaunertal in Österreich, einem großen Gletscherskigebiet in den Ötztaler Alpen. „Wenn wir aber unser Land und unseren Boden hergeben, verlieren wir auch unsere Kultur“, sagt er, und seine Stimme wird lauter. Am Ende würden „vielleicht zwei Geschäftsführer gut verdienen. Aber wegen solcher Jobs kann man nicht eine Talschaft herschenken“, so Fliri. Die Langtauferer haben die Avancen bislang abgewehrt. Sie möchten ihre Identität nicht opfern.

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Foto von National Geographic

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