Klimaflucht innerhalb Deutschlands: Manche Flächen sind nicht mehr besiedelbar

Auch in Deutschland gibt es laut dem Präsidenten des Amts für Bevölkerungsschutz einige Orte, die aufgrund extremer Wetterlagen nicht mehr besiedelt werden sollten. Sind Umsiedlungen zum Schutz der Menschen bald unvermeidbar?

Von Insa Germerott
Veröffentlicht am 21. Juli 2022, 08:55 MESZ
Das Ahrtal nach der Flutkatastrophe von 2021. 134 Menschen verloren damals ihr Leben – und viele ...

Das Ahrtal nach der Flutkatastrophe von 2021. 134 Menschen verloren damals ihr Leben – und viele Anwohnende ihre Existenzgrundlage. Um solche Szenarien in Zukunft bestmöglich zu verhindern, empfiehlt BKK-Präsident Ralph Tiesler, bestimmte Gebiete in Deutschland nicht mehr zu besiedeln.

Foto von Christian / Adobe Stock

Juli 2021: Im Ahrtal verwandelt tagelanger Starkregen kleine Flüsse und Bäche in reißende Ströme. Sie zerstören Infrastruktur, Gebäude und die Natur ganzer Dörfer. 134 Menschen sterben bei der Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz, viele Anwohnende verlieren ihre Existenzgrundlage. 

Die Auswirkungen des Klimawandels sind auch in Deutschland in den letzten 20 Jahren immer stärker zu spüren. Bereits im Jahr 2007 warnte Germanwatch in einem Bericht über den Klimawandel davor, dass dieser hierzulande unter anderem zu mehr Extremwettersituationen und Hochwasser an Flüssen führen wird. Die Experten erklärten damals: „Oft ist eine Anpassung an die absehbaren Veränderungen [durch den Klimawandel] möglich und notwendig.“ 

“Als Bevölkerungsschützer sage ich, dass manche Flächen aufgrund des Klimawandels und der akuten Bedrohung durch Unwetterkatastrophen und Flutkatastrophen nicht wiederbesiedelt werden sollten.”

von Ralph Tiesler

Neues Krisenbewusstsein beim Klimawandel

In Folge der Flutkatastrophe im Ahrtal im Juli 2021 schließen sich nun immer mehr Menschen dieser Forderung nach Anpassungen an. Darunter auch Ralph Tiesler, Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BKK). Er warnt eindringlich vor den auf uns zukommenden Folgen des Klimawandels und plädiert für ein neues Krisenbewusstsein.

„Als Bevölkerungsschützer sage ich, dass manche Flächen aufgrund des Klimawandels und der akuten Bedrohung durch Unwetterkatastrophen und Flutkatastrophen nicht wiederbesiedelt werden sollten“,  sagt er gegenüber der Funke Mediengruppe. Auch an den Küsten stelle sich diese Frage.

Man könne zwar noch nicht mit Sicherheit sagen, ob es in Zukunft Klimaflüchtlinge in Deutschland geben wird. Auszuschließen sei das Szenario jedoch nicht. „Es gibt keinen Ort oder Landstrich in Deutschland, bei dem wir nicht genau hingucken müssen“, sagt Tiesler. Außerdem findet der BKK-Präsident klare Worte für die Bevölkerung: „Der Krisenmodus muss jetzt zum allgemeinen Bewusstsein dazugehören, wir müssen lernen, dass die Krise zum Alltag gehört.“ 

Zukünftige Klima-Hotspots in Deutschland

Zu den Aufgaben des Bevölkerungsschutzes gehört unter anderem die bestmögliche Vorbereitung auf zukünftige Schadensereignisse. Diese könnten zukünftig vermehrt durch klimabedingte Wetterextreme und Naturkatastrophen ausgelöst werden. Welche Flächen dann von Tieslers Ankündigung besonders betroffen sein könnten, kann in einem Bericht des Umweltbundesamtes von 2021 nachvollzogen werden. Dort heißt es: „Zur Mitte des Jahrhunderts befinden sich klimatische Hotspots insbesondere im Süden, Südwesten und Osten Deutschlands.“

In einem Bericht des Umweltbundesamts wurden mögliche zukünftige Klima-Hotspots auf Grundlage verschiedener Klimaindikatoren in Deutschland analysiert. Ausgangslage für die Annahmen der Experten war stets der pessimistische Fall und das Klima-Szenario RCP8.5. 

Foto von Umweltbundesamt

Konkrete Umsiedlungspläne gibt es bisher zwar nicht, doch der Wasserverband Eifel-Rur in Nordrhein-Westfalen stellt erste Überlegungen an: Bestimmte Gebiete in Zweifall und Vicht seien durch ihre ungünstige Lage auch bei kommenden Hochwassern nicht zu schützen. Der Wasserverband schließt Umsiedlungen zum Schutz der Anwohnenden deshalb nicht mehr aus.

Erste Schritte: Anpassungen des Risikomanagements 

Über Maßnahmen, die in Zukunft ergriffen werden müssen, um besonders betroffene Gebiete vor Umweltkatastrophen wie den Überflutung im Ahrtal zu schützen, beraten sich nun Politik und Wissenschaft. Über Umsiedlungen wird noch nicht gesprochen, eher geht es um Anpassungen bestehender Risikomanagementpläne. „Konkret können Austausche von Feuerwehren und Rettungsdiensten unter anderem mit kommunalen Behörden und Infrastrukturbetreibern eine wichtige Anpassungsunterstützung darstellen“, erklären die Experten des Umweltbundesamtes.

Im Juni 2022 befasste sich die Bundesregierung mit einer sogenannten „Resilienzstrategie“ – mit dem Ziel, die Bevölkerung und ihre Existenzgrundlage abzusichern und die Maßnahmen des Katastrophenrisikomanagements zu erneuern und zu verbessern. Auch sie will dabei auf Zusammenarbeit setzen – zum Beispiel mit nicht-staatlichen Akteuren wie Hilfsorganisationen. Ob kommende Umweltkatastrophen dadurch besser gehändelt werden können, wird sich zeigen. Langfristig scheint es in bestimmten Fällen jedoch keine Alternative zu Umsiedlungsmaßnahmen zu geben.

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