München: Bald unabhängig vom Auto?

Heute dominiert der Autoverkehr das Münchner Stadtbild. Damit sich das in den kommenden Jahren ändert, stellt die Stadt München heute bereits die Weichen.

Von Marius Rautenberg
Veröffentlicht am 25. Okt. 2022, 13:22 MESZ
München Garmischer Straße

Besonders zu den Stoßzeiten verstopft der Autoverkehr die Straßen Münchens. Hier der Blick von der Westparkbrücke auf die Garmischer Straße.

Foto von Labant

Jeden morgen schieben sich in München die Autokolonnen zäh über den mittleren Ring. Laut einer Studie von Inrix verbringen Münchner Pendler im Schnitt jährlich 79 Stunden im Stau. Noch immer dominieren Parkplätze und mehrspurige Verkehrsachsen das Stadtbild. In den kommenden zwei bis drei Jahrzehnten dürfte dies aber der Vergangenheit angehören – endlich soll die Stadt wieder den Menschen und nicht den Autos gehören. So sieht es die Mobilitätsstrategie der Stadt München vor.

Ausbau der Öffentlichen Verkehrsmittel

Einer der zentralen Bausteine für das Münchner Verkehrssystem der Zukunft besteht im Ausbau von S- und U-Bahn. Die Zweite Stammstrecke soll parallel zur bestehenden Stammstrecke zwischen Laim und Ostbahnhof den S-Bahn-Verkehr entlasten und aus den Vororten eine schnellere Anbindung mittels Express-Zügen ermöglichen. Wie wichtig der Ausbau ist, zeigt die hohe Zahl der Verspätungen. Ein Rechercheteam der Süddeutschen Zeitung errechnete, dass es im vergangenen Jahr an 88 Tagen zu Verspätungen auf der Stammstrecke kam. Dieser Abschnitt stellt ein Nadelöhr für den gesamten S-Bahn-Verkehr dar; wenn es hier zu Problemen kommt, wirkt sich das mitunter auf das ganze System aus. Jedoch hat sich der Bau der neuen Stammstrecke bereits mehrmals verzögert. Zuletzt stand die Bayerische Landesregierung in der Kritik, sie hätte Informationen zu explodierenden Kosten und längeren Bauzeiten verschwiegen. Mittlerweile ist mit einem Abschluss der Arbeiten nicht vor 2035 zu rechnen.

Die zweite Stammstrecke würde eine Entlastung des bestehenden S-Bahn-Verkehrs erlauben sowie die Nutzung von Express-S-Bahnen. Die Fahrtzeit von den Vororten ins Zentrum könnte sich um zehn bis 15 Minuten reduzieren. Einen möglichen Plan mit S-Bahn-Ring, hat die Initiative "Münchner Ringbahn" entworfen.

Foto von Zeno Heilmaier

Eine Ergänzung zur Stammstrecke könnte eine Ringbahn bieten. Die Trassen dafür existieren bereits, sie müssen für den S-Bahn-Verkehr ausgebaut werden und mit Bahnhöfen erschlossen werden. Der Nordring soll noch dieses Jahrzehnt in Betrieb gehen, dafür sind Haltestellen im Bereich des BMW-Geländes und des Europarks in Planung. Auch der Südring steht noch zur Diskussion. „Meiner fachlichen Einschätzung nach brauchen wir neben der Stammstrecke auch den Ring“, meint Georg Dunkel, Mobilitätsreferent der Landeshauptstadt München.

Neben dem S-Bahn-Ausbau soll auch das U-Bahn-Netz weiterentwickelt werden. Dazu gehören eine Verlängerung der U6 von Großhadern nach Martinsried, der U4 über Engelschalking hinaus in ein neues Entwicklungsgebiet, der U5 nach Pasing und Freiham sowie möglicherweise auch nach Taufkirchen. Zudem ist eine neue Nord-Süd-Linie U9 in Planung, die die Innenstadt entlasten soll. Deren Umsetzung steht jedoch aktuell auf der Kippe und würde sich noch bis Mitte oder Ende der 2030er Jahre hinziehen. Georg Dunkel sieht darin eine Herausforderung: „Es liegen sehr viele kostspielige Projekte vor uns, während zu wenig Bundesmittel zur Verfügung stehen. Natürlich müssen Länder und Kommunen ihren Teil mittragen, aber auch eine nicht ganz arme Kommune wie München wird eine U-Bahn nicht alleine stemmen können.“

Da die zusätzlichen Kapazitäten von U- und S-Bahn schon heute dringend benötigt werden, der Ausbau aber noch einige Jahre bis Jahrzehnte dauern wird, arbeitet die Stadt München zugleich auch daran, das Angebot an Bus- und Tramlinien zu verbessern. Für den Ausbau des Straßenbahnnetzes hat sie für die kommenden Jahre 500 Millionen Euro bewilligt, unter anderem für eine West- und Nordtangente. Auch die Taktung von Bussen soll optimiert werden, indem die „Linien eine eigene Busspur bekommen oder die Signalsteuerung so angepasst wird, dass der Bus nahezu staufrei durch die Straßen fahren kann“, so Dunkel.

Zur Zeit werden auch die Straßenbahnen ausgebaut. Einzelne Linien sollen verlängert werden, hinzu kommen Querverbindungen (Tangenten) im Westen und Norden.

Foto von Digital Cat

Fahrräder, Sharing-Angebote, autonome E-Taxis

Um die Zahl der Autos weiter zu senken, sieht die Mobilitätsstrategie auch einen deutlichen Ausbau der Fahrradwege vor. Gemäß dem Radentscheid von 2019 wird derzeit der Altstadtradelring ausgebaut. „Im Regelfall sollen die Radwege 2,30 bis 2,80 Meter breit werden, bei Radschnellwegen sogar 3 Meter, sodass man gut überholen kann“, berichtet Dunkel. Auch die Infrastruktur beim Abstellen von Rädern soll verbessert werden. Entsprechend werden Spuren für Autos und Parkplätze schrittweise zurückgebaut. Dies sei aber immer mit intensiven Diskussionen verbunden, man müsse die Bürger, Verbände, Gewerbetreibenden bei der Planung mit einbeziehen, so Dunkel.

Dennoch soll auch die Mobilität für diejenigen sichergestellt werden, die weiter auf das Auto angewiesen sind. Für Mobilitätseingeschränkte, Lieferverkehr sowie Ver- und Entsorgung wird es weiter motorisierten Individualverkehr geben, doch alle anderen sollten in Zukunft so weit wie möglich mit den Verkehrsmitteln des Umweltverbundes unterwegs sein, das heißt, mit dem Rad, zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

Dies könnte in Zukunft auch selbstständig fahrende Elektroshuttles oder Kleinbusse beinhalten. Mit dem Pilotprojekt Tempus testet die Stadt München derzeit die Möglichkeiten. In Zukunft könnten solche autonom fahrenden, flexibel einsetzbaren Taxis zu Randzeiten, an den Stadträndern und in den Vororten eine sinnvolle Ergänzung zum festen Linienverkehr darstellen. Seit Kurzem bietet die Stadt München bereits einen solchen On-Demand-Service (noch ohne autonomen Fahren). In eine ähnliche Richtung geht der Ausbau der Sharing-Angebote. In den kommenden Jahren will die Stadt über 200 Mobilpunkte einrichten, in denen Parkplätze für Leihangebote zur Verfügung stehen, darunter E-Autos, Fahrräder und Lastenräder.

Mittels zentral verwalteter Apps soll es möglich sein, die Buchung verschiedenster Verkehrsmittel flexibel miteinander zu kombinieren, vom E-Roller, über das Leihauto bis hin zur U-Bahn. In Zukunft soll kein Stadtbewohner mehr auf ein eigenes Auto angewiesen sein, wodurch sich die Zahl der Parkplätze massiv reduzieren lässt. Der frei werdende Platz lässt sich für Fahrradwege, Erholungsbereiche, Begrünungen oder Gastronomie nutzen. Auch wenn der Autoverkehr nicht vollständig verschwinden wird, so ist Georg Dunkel der Auffassung, dass er bis 2035 nur noch 20 Prozent des Verkehrsaufkommens in der Stadt ausmachen sollte. Für die Münchnerinnen und Münchner wird dies ein ganz neues Lebensgefühl bedeuten. Statt Abgasen und Stau werden sie flexibel durch die Stadt kommen sowie die bessere Luftqualität und mehr Platz genießen können.

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