Umwelt

Was unsere Meere bedroht

Verschmutzung, Überfischung, Erwärmung und Versauerung sind nur einige der Aspekte, die dem Lebensraum Ozean zu schaffen machen. Die Folgen gefährden nicht nur das Leben im Wasser, sondern verändern auch das Klima an Land.

Von Sybille Fischer

Unsere Meere sind in Gefahr. Verschmutzung, Überfischung, Erwärmung und Versauerung sind nur einige der Aspekte, die dem Lebensraum Ozean zu schaffen machen. Die Folgen gefährden nicht nur das Leben im Wasser, sondern verändern auch das Klima an Land. Wir haben uns mit den essentiellen Bedrohungen auseinander gesetzt.

Pro Quadratkilometer treiben etwa 18.000 Plastikteile im Meer.

Vorsätzliche Meerwasserverschmutzung

Riesige Müllteppiche wirbeln im Karussell der Meeresströmungen durch die Ozeane. Vögel verkleben zu schwarzen Ölklumpen. Meerestiere knabbern sich an buntem Spielzeug in den Tod und reihen sich als giftiges Glied in die Nahrungskette.

Pestizide, Herbizide, Kunstdünger, Reinigungsmittel, Abwasser, Öl und Unmengen an Plastikteilchen und anderen Festkörpern machen unsere Ozeane zur Sondermülldeponie. Pro Stunde landen schätzungsweise rund 675 Tonnen Müll im Meer, die Hälfte davon ist Plastik.

Auf einen Quadratkilometer Meeresfläche kommen mittlerweile bis zu 18.000 Plastikteile. Im Nordpazifikwirbel zwischen Nordamerika und Asien treibt ein Müllteppich von der Größe Texas, der „Great Pacific Garbage Patch“. Erst 2010 wurde eine weitere riesige Müllinsel im Atlantischen Ozean entdeckt. Sie sind Mahnmale jahrhundertelanger Ignoranz.

Vielfach gelangen Müll und Abwässer über Umwege ins Meer. Nitrogenreicher Dünger aus der Landwirtschaft etwa sickert ins Grundwasser oder in Flüsse und fließt so in Richtung Meer. Dort kurbelt es das Algenwachstum an und diese entziehen dem Wasser wiederum jeglichen Sauerstoff. Was bleibt, sind so genannte Todeszonen: 400 dieser sauerstoffarmen oder gar sauerstofflosen und damit leblosen Gebiete sind bereits bekannt.

Zur physischen kommt die „akustische Verschmutzung“ der Meere: Das Brummen der Schiffe, das Bohren nach Öl und der Schall der Sonargeräte beeinträchtigen Kommunikation, Orientierung und Fortpflanzung großer Meeressäuger. Wale, so beobachten Forscher, versuchen mit lauterem Rufen gegen den Lärmpegel anzukommen. Doch der Schalldruck der Sonartechnik kann Gehirn und Kreislauf der Meeressäuger so stark schädigen, dass sie die Orientierung verlieren und stranden.

Rotbarsche gehören zu den bedrohten Fischarten. Sie wachsen langsam und werden erst mit zehn bis 13 Jahren geschlechtsreif.

Überfischung

Wenn wir so weiter fischen, wird das weltweite Geschäft mit dem Fisch bis 2048 zusammenbrechen. Das besagt eine Studie des Wissenschaftsmagazin „Science“ aus dem Jahr 2006. Eine weitere Studie von 2003 schätzt, dass sich die Population großer Ozeanfische seit Beginn der industriellen Fischerei auf zehn Prozent reduziert hat. Über besonders beliebten Fischen, wie dem Rotbarsch, dem Chilenischen Wolfsbarsch oder dem Blauflossen-Thunfisch, schwebt seit Jahren das Damoklesschwert des Aussterbens.

Mit einer weltweiten Rekordanzahl von 90 Millionen Tonnen gefangenen Fisch gilt das Jahr 1989 als Höhepunkt der Fischerei - und als Tiefpunkt für die Fischpopulation in unseren Meeren. Die Folgen sind bis heute spürbar: Kommerzielle Fischereien verzeichnen seitdem stagnierende oder sinkende Ausbeuten. Um einen lohnenden Fang zu machen, dringen die Fischerboote immer weiter und immer tiefer in die marinen Ökosysteme. Dieses sogenannte „fishing down“ bringt die heikle Balance der Meere zusätzlich ins Schwanken.

Wie kam es zu dieser massiven Überfischung? Eigentlich ist es doch ganz einfach: Es dürfen nur so viele Fische einer Population entnommen werden, dass diese sich durch natürliche Vermehrung oder Zuwanderung problemlos erholen kann.

Aber der Fischhunger der wachsenden Bevölkerung steigt weiter und trotz der seit Jahrzehnten anhaltenden Überfischung ist die politische Durchsetzung adäquater Reformen unzureichend. Nach wie vor übersteigen etwa die von der EU-Fischereipolitik festgelegten Fangquoten der wichtigsten Fischarten (TAC, total allowable catches) die Empfehlungen des International Council for the Eploration of the Sea (ICES) um 50 Prozent. In der Europäischen Union gelten 75 Prozent der Fischbestände als überfischt, im weltweiten Durchschnitt sind es 25 Prozent.

Mit strengeren Regeln, hartnäckiger Durchsetzung der Fangquoten und einer Verstärkung nachhaltiger Aquakulturen könnten sich die meisten Fischpopulationen wieder erholen, glauben Experten. Solange die Nachfrage nach Fisch aber anhaltend steigt, lassen sich geringere Fangquoten schwer gegen Lobbyismus, illegale Fischerei und rücksichtslose Verstöße durchsetzen.

Je wärmer das Meerwasser, desto schneller schmilzt das Polareis.

Erhöhung der Wassertemperatur

Innerhalb eines Jahrhunderts hat sich die globale Temperatur um etwa 0,6 Grad Celcius erhöht. In den Ozeanen betrug der Anstieg nur etwa 0,1 Grad Celsius. Unsere Meere reagieren also langsamer auf den Klimawandel. Wissenschaftler warnen jedoch: Für die Ozeane können minimale Temperaturveränderungen weitaus dramatischere Folgen haben.

Die gestiegene Wassertemperatur führt zur schnelleren Verbreitung von Krankheiten. Zudem erobern fremde Arten einst in sich intakte Ökosysteme, während angestammte Arten verdrängt werden oder sich nicht an die veränderten Lebensbedingungen gewöhnen können. Forscher wissen zum Beispiel, dass die Fortpflanzung von Krill mit wärmer werdenden Wasser sinkt. Weniger Krill bedeutet weniger Nahrung für Pinguine und Robben und so weiter - es droht eine Kettenreaktion entlang der Nahrungskette.

Die Auswirkungen wärmer werdender Ozeane machen jedoch nicht an der Wasseroberfläche Halt. Wärmeres Wasser bedeutet mehr Wasserdampf. Das Resultat - die Verschärfung tropischer Stürme - ist bereits zu beobachten. Außerdem kann die Erwärmung des Wassers Meeresströmungen, wie den Golfstrom, umlenken. Das kann unser Klima auf den Kopf stellen.

Eine weitere Folge der Wassererwärmung ist der steigende Meeresspiegel. Warmes Wasser dehnt sich aus - und es unterspült und schmilzt das Polareis. Im Laufe des vergangenen Jahrhunderts lag der Anstieg des mittleren Meeresspiegels bei etwa 17 Zentimetern. In den letzten 20 Jahren stieg er jährlich um etwa 3,2 Millimeter und damit doppelt so schnell wie in den 80 Jahren zuvor. Aktuelle Studien prognostizieren einen Anstieg zwischen 80 Zentimetern und 2 Metern bis 2100. Genug, um ganze Städte entlang der amerikanischen Ostküste zu fluten.

Der einzige Weg, den Kreislauf auf lange Frist zu stoppen, ist die Reduzierung der Emission von Treibhausgasen. Doch wie gesagt, das Meer reagiert langsamer auf die bereits in der Luft schwirrende Gefahr. Die Folgen unseres Tuns im Jetzt werden sich noch jahrzehntelang auf die Ozeane auswirken.

Die Übersäuerung der Meere lässt Korallenriffe sterben.

Versauerung der Meere

Die Biologin Jane Lubchenco, Leiterin der amerikanischen Forschungsbehörde NOAA (National Oceanic and Atmospheric Administration), bezeichnet die Versauerung der Ozeane als den „nicht minder bösen Zwilling der globalen Erwärmung“. Tag für Tag absorbieren unsere Meere etwa 22 Millionen Tonnen CO2 und damit ein Drittel des vom Menschen künstlich erzeugten Kohlendioxids. Dies entlastet zwar die Atmosphäre an Land, belastet aber das Leben unter Wasser.

Über Millionen von Jahre erwies sich der Säuregehalt in den Ozeanen relativ stabil, doch Studien jüngerer Zeit zeigen, dass der pH-Wert des Meerwassers sinkt. Auf der Skala zwischen 0 bis 14 gilt ein pH-Wert von 7 als neutral, alles darüber als basisch, alles darunter als sauer. Im Durchschnitt ist der pH-Wert unserer Ozeane innerhalb der letzten zwei Jahrhunderte von 8,2 auf 8,1 gesunken. Der Grund: In Kombination mit dem Meerwasser entwickelt sich das aufgenommene CO2 zu Kohlensäure. Das saurer werdende Wasser hemmt die Kalkbildung von Lebewesen - wie Korallen, Austern, Shrimp, Hummer oder Plankton - und zerstört damit unmittelbar die Basis der ozeanischen Nahrungskette.

Auf Dauer werden die Kapazitäten des Meeres als Kohlendioxidspeicher sinken. Damit verbleibt mehr CO2 in der Atmosphäre – neues Futter für den Klimawandel.

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