Wissenschaft

23. September 2017: Mal wieder die Apokalypse

Wie man die jüngsten kosmischen Zeichen auch interpretieren mag – die Geschichte lehrt uns, dass Weltuntergangsvorhersagen bislang eher erfolglos waren.Donnerstag, 9. November 2017

Von Michael Greshko
Ein Objekt von der Größe unseres Mondes schlägt in dieser Illustration der NASA in einen Planeten von der Größe des Merkur ein. Vermutlich wird der Erde am kommenden Samstag kein solches Schicksal wiederfahren.

Virale Videos und Boulevardblätter auf der ganzen Welt verkünden es schon: Am 23. September 2017 endet die Welt, wie wir sie kennen. Je nach Geschmack kann man zwischen einer Kollision der Erde und eines Einzelgängerplaneten oder einer weltverändernden Sternenkonstellation wählen, die das Ende aller Tage einläutet.

Unser historischer und wissenschaftlicher Rat dazu lautet jedoch, die Pläne für den Rest des Jahres nicht gleich abzusagen.

Die beiden Weltuntergangsprophezeiungen gehen auf zwei Gruppen evangelikaler Christen zurück, die beide keine breite Unterstützung von den restlichen Christen der Welt erfahren.

Eine der Behauptungen stammt von dem Autor David Meade aus Wisconsin. Ihm zufolge wird die Erde am 23. September auf einen angeblichen freifliegenden Planeten namens Nibiru treffen. Seine Vermutung beruht auf einer umstrittenen Arbeit zu biblischer Zahlenmystik.

Meades Vorhersage ist nur die jüngste Inkarnation der Nibiru-Verschwörungstheorie, die auf die 1970er zurückgeht. Ursprünglich sollte der Planet, der auch als „Planet X“ bezeichnet wird, 2003 mit der Erde zusammenstoßen. Der unkooperative Kosmos nötigte die Verschwörungstheoretiker jedoch dazu, den Weltuntergang auf 2012 zu vertagen.


„Nibiru und andere Geschichten über freifliegende Planeten sind ein Internet-Hoax“, gab die NASA 2012 in einer Pressemitteilung zu verstehen. „Wenn es Nibiru oder Planet X wirklich gäbe und er auf einem Kollisionskurs mit der Erde wäre, [...] hätten Astronomen ihn mindestens seit einem Jahrzehnt verfolgt und man könnte ihn nun schon mit bloßem Auge erkennen.“Fünf Jahre später stellt der Planet noch immer keine Bedrohung dar, weil er gar nicht existiert.

Gleichzeitig behauptet eine Veröffentlichung evangelikaler Christen mit dem Titel „Unsealed“, dass die Offenbarung des Johannes eine Konstellation aus mehreren Planeten, der Sonne, dem Mond und den Sternbildern Jungfrau und Löwe am 23. September vorhersagt. Sie sagen, dass diese Konstellation ein Vorbote jener Ära ist, die zur sogenannten Entrückung führen wird – dem Moment, an dem laut christlichem Glauben Jesus die Gläubigen mit sich ins Paradies nehmen wird.

Die besagte Konstellation wird tatsächlich auftreten. Aber die Bedeutung dieser astronomischen Vorhersage ist fragwürdig. Das biblische Vorzeichen hängt von einer bestimmten Anzahl beteiligter Sterne ab, und selbst Astronomen sind sich nicht darüber einig, aus wie vielen Sternen das Sternbild Löwe eigentlich besteht. Einige Sternenkarten verzeichnen nur neun Sterne, während es bei anderen zehn sind.

Wie einzigartig ist diese Konstellation überhaupt? Auch hier sind die Details schwammig. Jedes Jahr zieht der Mond im September und Oktober für ein paar Tage nahe an seiner vorhergesagten Position vorbei.

Die diesjährige Konstellation wirkt nicht besonders ungewöhnlich, sagt der emeritierte Professor Anthony Aveni, ehemals von der Colgate Universität. Er hat sich auf die Studien zu astronomischen Praktiken des Altertums spezialisiert. Außerdem fügt er an, dass das Sternzeichen Jungfrau erst nach der Entstehung des neuen Testaments Einzug in die hebräische Astronomie hielt.

Aveni betont aber, dass er nicht so sehr daran interessiert ist, apokalyptische Behauptungen zu widerlegen. Ihm geht es eher darum, ihre kulturellen Wurzeln zu verstehen. Die religiösen und kulturellen Traditionen der USA sind beispielsweise vom Millenarismus geprägt, der sich stark an Prophezeiungen zur Wiederkunft Jesu und der Apokalypse orientiert.

Laut Aveni erwachsen solche Behauptungen anscheinend aus der Langeweile oder aktiven Ablehnung gegenüber der Zufälligkeit der natürlichen Welt. Stattdessen sehnen sich einige Menschen nach einer klar strukturierten Erzählung.

„Alle wollen etwas über die chemische Zusammensetzung des brennenden Dornbuschs wissen oder darüber, wo genau sich die Bundeslade befindet ... Wir wollen die endgültige Geschichte, das Fazit“, sagt er.Letztendlich lassen sich alle Bemühungen, das Universum nach Zeichen des vorhergesagten Untergangs abzusuchen, auf Interpretation herunterbrechen. Seit Jahrtausenden versuchen sich die Menschen allerdings unermüdlich daran.

- Im Jahr 65 warnte der römische Philosoph Seneca, dass der Planet in einem weltumfassenden Feuer verbrennen würde. Auch wenn der Vesuv die Stadt Pompeji 14 Jahre später unter Lava und Asche begrub, war das Ende nicht gerade für den ganzen Planeten nah.

- Im Europa des 17. Jahrhunderts glaubten viele Christen, dass die Welt im Jahr 1666 enden würde, welches die unheilvolle Zahl des Tieres enthielt, die in der Offenbarung des Johannes erwähnt wurde.

- 1910 versetzte die Ankunft des Halleyschen Kometen einige Bewohner Roms in solche Aufregung, dass sie Sauerstofftanks lagerten, weil sie befürchteten, dass der Schweif des Kometen die Erdatmosphäre vergiften würde.

- Am 5. Mai 2000 standen die Planeten Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn in Konjunktion. Manche Autoren behaupteten, dass dadurch Erdbeben, Vulkanausbrüche und eine plötzliche, gewaltige Eisschmelze ausgelöst würden. Nichts davon passierte.

- Seit 2008 sind Verschwörungstheoretiker vom Large Hadron Collider gefesselt, weil sie befürchten, dass der Teilchenbeschleuniger ein schwarzes Loch erzeugen könnte, welches die Erde verschlingt. Milliarden von Teilchenkollisionen später dreht die Welt noch immer ihre Runden um die Sonne.

- Viel Aufregung gab es auch um den 21. Dezember 2012 – jenen Tag, an dem der Maya-Kalender endete. Aber wieder passierte nichts. Wissenschaftler lehnten sogar die bloße Idee ab, dass das Ende des Kalenders überhaupt irgendeine Art der Apokalypse signalisieren sollte.

Zusammengefasst lässt sich also sagen: Nibiru gibt es nicht, die Interpretation der Himmelskörper steht jedem frei und die Apokalypse lässt seit jeher auf sich warten. Aller Wahrscheinlichkeit nach sehen wir uns am 24. September einfach wieder.

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