Wissenschaft

Zecke in Bernstein trank Saurierblut

Zu den winzigen Fossilien aus dem kreidezeitlichen Bernstein zählt auch eine Zecke, die mit Blut vollgesaugt war, als sie vom Harz eingeschlossen wurde. Donnerstag, 14 Dezember

Von John Pickrell

Mit Blut gefüllte Parasiten, die in Bernstein eingeschlossen wurden – sie beflügeln unsere Fantasie seit den Neunzigern, als wiederauferstandene Dinosaurier in „Jurassic Park“ aus den Romanen von Michael Chrichton auf die große Leinwand stampften. Jetzt haben Wissenschaftler exakt so etwas entdeckt. In einigen Birmitstücken sind Zecken eingeschlossen, die vor etwa 99 Millionen Jahren das Blut gefiederter Saurier tranken.

Einer dieser Parasiten hatte sich an eine mögliche Saurierfeder geklammert, die ebenfalls in dem Bernstein eingeschlossen wurde. Ein anderes dieser Tierchen befindet sich in einem anderen Bernstein aus derselben Region und war bereits auf das Achtfache seiner normalen Größe angeschwollen. Das lässt darauf schließen, dass es zum Todeszeitpunkt bereits einiges an Blut gesaugt hatte.

Die erhaltene Feder gehörte entweder einem gefiederten Dinosaurier oder einer frühen Vogelart aus der Gruppe der Enantiornithes. Diese prähistorischen und verbreiteten Vögel hatten noch kleine Zähne in ihren Schnäbeln und starben zusammen mit den nicht flugfähigen Dinosauriern vor 66 Millionen Jahren aus. (Lesenswert: Dinosaurier legte blaue Eier)

„Wir können den Wirt nicht genau bestimmen“, sagt der Co-Autor der Studie Ricardo Pérez-de la Fuente, ein Paläoentomologe des Naturkundemuseums der Universität Oxford. „Aber wir können moderne Vögel ausschließen, da sie erst 25 Millionen Jahre nach der Entstehung dieses Birmits auftraten.“

Die Entdeckung wurde in der Fachzeitschrift „Nature Communications“ veröffentlicht und bietet den ersten direkten Beweis dafür, dass Tiere auch in der fernen Vergangenheit schon von Parasiten wie Zecken und Läusen befallen wurden. Die kleinen Tierchen haben wahrscheinlich alle gefiederten Tiere der kreidezeitlichen Wälder Myanmars heimgesucht, aus denen das versteinerte Baumharz stammt.

„Die meisten wilden Tiere sind von Parasiten übersät, und es scheint so, als wäre die Nische der Blutsauger schon früh in der Geschichte der Landwirbeltiere besetzt worden“, sagt Jingmai O‘Connor. Sie ist eine Professorin am Institut für Wirbeltierpaläontologie und Paläoanthropologie in Peking. Sie und ihre Kollegen hatten zahlreiche Fossilien gefiederter Saurier und Vögel aus dem Nordosten Chinas nach Parasiten abgesucht, aber bisher noch nichts gefunden.

„Trotz der ausgezeichneten Konservierung der Federn kann der Detailgrad im Vergleich zu den jüngsten Entdeckungen in Burma nicht mithalten“, fügt sie hinzu.

Ryan McKellar, ein Experte für Bernsteinfossilien am Royal Saskatchewan Museum in Kanada, ist ebenfalls der Meinung, dass die Zecken einen überzeugenden Beweis für diese ökologische Beziehung in der Kreidezeit liefern. „Eine Zecke, die im selben Harzfluss wie eine Feder eingeschlossen ist, ist ein konkretes Beispiel für eine ökologische Beziehung, auf die es bisher nur spekulative Hinweise gab.“

FRAGILE MOLEKÜLE

Im Hukawng-Tal im Norden von Myanmar hat man in den letzten Jahren eine Reihe ausgezeichneter Bernsteinfossilien entdeckt, darunter Echsen, Blumen, Insekten und Flügel von Vögeln. Zu den aufregendsten Entdeckungen zählten dabei vermutlich der gefiederte Schwanz eines kleinen Dinosauriers und die Überreste eines vollständigen jungen Enantiornithes-Vertreters.

Vor der aktuellen Entdeckung stammten die ältesten bekannten Zecken ebenfalls aus Birmit derselben Zeit. Aber die Computerstudien der DNA moderner Zecken, die sequenziert und auf ihre sogenannte molekulare Uhr untersucht wurde, lässt darauf schließen, dass diese Tiergruppe erstmals vor 200 bis 300 Millionen Jahren auftauchte.

Die fünf versteinerten Zecken, die für diese Studie untersucht wurden, befanden sich in insgesamt vier Bernsteinstücken. Diese wurden von privaten Sammlern an das American Museum of Natural History in New York und das Carnegie Museum of Natural History in Pittsburgh gespendet.

Eine der Zecken wurde als eine neue Art namens Deinocroton draculi beschrieben. Sie war mit einer großen Menge Blut vollgesaugt, als sie starb. Fans von „Jurassic Park“ werden wohl aber enttäuscht sein: Es gibt kaum eine Chance darauf, daraus brauchbare Dinosaurier-DNA zu gewinnen. Die Zecke wurde am Rande der Bernsteinoberfläche eingeschlossen und wurde von dem Baumharz nicht komplett umflossen. Daher ist sie unvollständig. (Lesenswert: Hatte der echte T. rex Ähnlichkeit mit dem aus „Jurassic Park“?)

Die Forscher haben nach den chemischen Signaturen von Eisen in möglicherweise eingeschlossenen Spuren von Blut gesucht. Damit hatten sie jedoch keinen Erfolg, da Eisen als mineralische Verunreinigung häufig in Bernstein vorkommt.

DNA ist ein extrem brüchiges Molekül. Laut Pérez-de la Fuente ist es sehr unwahrscheinlich, dass es in solch alten Fossilien erhalten bleibt. Er fügt außerdem hinzu, dass die Bedingungen für eine Versteinerung von Bernstein – extreme Austrocknung und große Temperaturänderungen – furchtbar für den Erhalt von DNA sind.

Stattdessen haben die Forscher noch einen anderen Grund, sich über diese Proben zu freuen. Zusammen mit den Zecken fand das Team mikroskopisch kleine Härchen der Larven eines Wollkrautblütenkäfers. Diese Schädlinge finden sich heutzutage oft in Vogelnestern.

„Eine besondere Eigenschaft von Bernstein ist die Fähigkeit, kleine Teile der Umwelt fast unverändert einzuschließen“, sagt Pérez-de la Fuente. Basierend auf dem Inhalt des Bernsteins argumentiert das Team, dass die Fossilien eindeutige Beweise für ein Nistverhalten der Wirte sind.

„Unsere Zecken, an denen die Haare von Käferlarven zu finden sind, hatten die Nester gefiederter Wirte aufgesucht, bevor sie im Harz eingeschlossen wurden.“

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