Wissenschaft

Hatte der echte T. rex Ähnlichkeit mit dem aus „Jurassic Park“?

Wissenschaftler wissen heute deutlich mehr über Tyrannosaurus rex als noch vor 24 Jahren.Donnerstag, 9. November 2017

Von Brian Switek
Laut Experten ist das Exemplar in „Jurassic Park“ bis heute immer noch die beste filmische Darstellung des Dinosauriers. Aber war der echte T. rex – hier als versteinertes Skelett zu sehen – noch schrecklicher als gedacht?

Kein anderer Dinosaurier ist so beliebt wie Tyrannosaurus rex. Der Kreidezeit-König der Tyrannen verkörpert die Größe, Grausamkeit und das groteske Wesen der Dinosaurier, die uns noch immer verzaubern. Wir sind so eingenommen von T. rex, dass wir ihn immer wieder durch Kunst und Film zum Leben erwecken.

Vermutlich war keine Rekonstruktion des großen Fleischfressers so einflussreich oder gefeiert wie der gentechnologisch erzeugte Räuber, der den Jurassic Park im gleichnamigen Film terrorisierte. Anfang April 2013 erschien der Film noch einmal in 3D. Der T. rex des Films wurde durch computergenerierte Spezialeffekte und elaboriertes Puppenspiel zum Leben erweckt. Dieser muskulöse und agile Räuber ist deutlich eindrucksvoller als seine torkelnden Filmvorgänger, die träge den Schwanz hinter sich herzogen. In den 24 Jahren, die seit dem Debut von „Jurassic Park“ vergangen sind, hat man mehr über den Dinosaurier gelernt – und er ist sogar noch furchteinflößender geworden.

„Es ist schwer, nur eine der Entdeckungen über den Tyrannosaurus rex der letzten 20 Jahre als die coolste auszusuchen“, sagte Thomas R. Holtz Jr. 2013, ein Tyrannosaurus-Experte von der Universität Maryland. Paläontologen haben zu verstehen begonnen, wie drastisch sich T. rex verändert hat, während er erwachsen wurde. Außerdem haben sie die Bedeutung der neurologischen „CPU und Sensoren der Tötungsmaschine“ herausgefunden, welche den T. rex so tödlich machte, sagt Holtz.

VORSICHT VOR DEM MAUL

Von allen Eigenschaften des Dinosauriers hat der Rachen des T. rex vermutlich die meisten Alpträume inspiriert – und einen großen Teil der modernen Forschung. Der tiefe, verstärkte Schädel des Räubers war mit einer Reihe dicker, gezackter Zähne ausgestattet, die Fleisch und Haut gleichzeitig durchbohren und schneiden konnten.

Der T. rex aus „Jurassic Park“ hat sein eindrucksvolles Zahnbesteck an dem glücklosen Anwalt Donald Gennaro und einem fliehenden Gallimimus demonstriert. Zum Höhepunkt des Films hat er damit außerdem zwei Raptoren erlegt. Allerdings hatte der Räuber noch einen viel eindrucksvolleren Biss, als es der Film darstellt. 2012 haben die Forscher Karl Bates und Peter Falkingham verkündet, dass ein ausgewachsener T. rex eine Beißkraft von etwa 5.800 kg hatte – die stärkste geschätzte Beißkraft, die je ein Landraubtier hatte. Bedenkt man den Schaden, der durch einen T.-rex-Biss mit voller Kraft entstehen würde, geht der Dinosaurier in „Jurassic Park“ geradezu zärtlich mit seiner Beute um.

Der Film hatte versucht sich vorzustellen, wie T. rex seine Waffen einsetzen würde. Aber es gibt durch fossile Überlieferungen wissenschaftliche Hinweise auf seine tatsächlichen Bisstechniken. Nachdem T. rex eine Beute erlegt oder Aas gefunden hatte, konnte er ein geschickter Esser sein. Denver Fowler und seine Kollegen präsentierten Hinweise darauf beim jährlichen Treffen der Gesellschaft für Wirbeltierpaläontologie im Herbst 2012: Die Zahnspuren an Schädeln von Triceratops-Exemplaren deuten darauf hin, dass T. rex eine Schritt-für-Schritt-Methode hatte, um den Kopf eines Triceratops abzutrennen.

Die zerstörerische Kraft von T. rex lag aber nicht allein in seinem Kiefer. Die Nackenmuskulatur des Dinosauriers spielte eine entscheidende Rolle für die Fähigkeit des Fleischfressers, seine Beute zu töten und zu fressen. In einer Studie zu den Fressmechanismen von T. rex aus dem Jahr 2007 fanden Eric Snively und Anthony Russell heraus, wie stark genau seine Nackenmuskulatur eigentlich war: Er hätte ein 50 kg schweres Fleischstück viereinhalb Meter in die Luft werfen und es wieder auffangen können. Diese furchterregende Fähigkeit wird auch als „Intertial Feeding“ (wörtlich: Trägheitsfressen) bezeichnet. Anstatt also im Film den Anwalt von Seite zu Seite zu schleudern, wie ein Hund es tun würde, hätte ein echter T. rex Gennaro in die Luft geworfen. Dann hätte er ihn wieder aufgefangen, als er in Richtung des zahnbewährten Mauls zurückfiel.

TÖDLICHER BISS

T. rex hat seine Zähne aber nicht nur genutzt, um Fleisch zu reißen und die Knochen seiner Beute zu zertrümmern. Tyrannosaurier haben sich auch gegenseitig gebissen. Verheilte Wunden auf Schädeln der Dinosaurier – zum Beispiel dem eines Teenager-Tyrannosaurus mit dem Spitznamen Jane – zeigen, dass die Theropoden miteinander gekämpft haben, indem sie sich gegenseitig ins Gesicht bissen. (Armdrücken war anscheinend keine Alternative, obwohl die kleinen Arme des T. rex für ihre Größe stark und muskelbepackt waren.)

Dieser Aspekt prähistorischen Verhaltens könnte erklären, warum einer der größten Fleischfresser aller Zeiten schlussendlich von deutlich kleineren Organismen getötet wurde. Die Unterkiefer vieler Tyrannosaurier sind von glattrandigen Löchern durchzogen. Einige Forscher dachten, dass dies Bissspuren von tödlichen Angriffen durch Rivalen seien. 2009 lieferten Ewan Wolff und seine Kollegen jedoch die Erklärung, dass diese Verletzungen durch winzige Mikroorganismen verursacht würden. Diese seien auch für dieselbe Art von Verletzungen bei Raubvögeln verantwortlich. Die Urtierchen befallen den oberen Verdauungstrakt der Vögel und verursachen Geschwüre und Läsionen, bevor sie sich schließlich in den Knochen bohren. Die gefiederten Raubvögel fangen sich die kleinen Anhalter ein, wenn sie infizierte Tauben fressen.

Womöglich hat sich T. rex über andere Dinosaurier mit ähnlichen Mikroorganismen infiziert. Bisse ins Gesicht wären eine direkte Möglichkeit für die schädlichen Mikroorganismen, um von einem T. rex auf einen anderen überzugehen. Dank Knochen mit Zahnschäden wissen die Wissenschaftler auch, dass Tyrannosaurier sich gegenseitig gefressen haben. Auch das wäre eine Möglichkeit gewesen, sich mit Parasiten zu infizieren. Unabhängig von der Übertragungsart scheint es also, dass der Biss eines Tyrannosaurus nicht nur für seine Beute tödlich war, sondern auch für andere seiner Art.

FURCHTERREGEND, ABER NICHT SCHNELL ... SONDERN GEFIEDERT?

Selbst wenn Paläontologen die Fähigkeiten von T. rex zurückstufen, wirkt der Dinosaurier noch immer erschreckend. Eine der bekanntesten Szenen aus „Jurassic Park“ ist die Verfolgungsjagd mit dem Jeep, bei der ein wütender T. rex den Chaostheoretiker Malcolm um ein Haar zu seinem Snack macht. Konnte der Tyrannosaurus wirklich schnell genug rennen, um mit einem Auto mithalten zu können? Die Arbeit von John Hutchinson und seinen Kollegen deutet darauf hin, dass dem nicht so war.

Überhaupt war der T. rex aus dem Film auch gar nicht so schnell unterwegs. Der Jeep wirkt so, als würde er etwa 65 km/h oder mehr fahren, erklärt Hutchinson auf der Webseite seines Labors. Aber die Bewegung des Dinosauriers – der immer einen Fuß auf dem Boden hat – scheint sich mehr im Bereich von etwa 15 bis 25 km/h zu bewegen. Das passt zu dem, was das Dinosaurierskelett über seine mögliche Geschwindigkeit verrät. Nach Hutchinsons Berechnungen ging ein T. rex mit einer Geschwindigkeit von etwa 10 km/h und rannte mit einer Geschwindigkeit von 25 bis 40 km/h. Eine Höchstgeschwindigkeit von 40 km/h mag auf den ersten Blick nicht wie viel erscheinen, aber die einzigen Menschen, die sie überschreiten können, sind durchtrainierte Olympia-Athleten. Wenn man also das Pech haben sollte, sich im Freien überraschend einem T. rex gegenüber zu sehen, hätte man keine Chance, ihm zu Fuß zu entkommen.

Sich den Tyrannen mit Federn vorzustellen – eine wahrscheinliche Variante, da zwei andere Tyrannosaurier mit Dinosaurierflaum gefunden wurden –, mag sein Image ein wenig verändern. Als Wissenschaftler die Lücken in der langen Geschichte des Dinosauriers zu füllen begannen, stellten sie fest, dass die frühesten Tyrannosaurier aus dem Jura „kleine, flinke und flaumige“ Gesellen waren, „überhaupt nicht wie der gewaltige T. rex aus ‚Jurassic Park‘“, sagt Holtz.

Bis heute ist der Vertreter aus „Jurassic Park“ aber der beste, der je auf Film gebannt wurde. „Ich glaube, die haben das ziemlich gut getroffen“, sagt Hutchinson. „So gut man das halt treffen kann, wenn man all die Ungewissheiten bedenkt.“ Holtz stimmt dem zu: „Der Film hat dem Tyrannosaurus ein ziemlich hohes, aber angemessenes Maß an Großartigkeit verliehen“, sagt er. Das Verhaltensrepertoire des Dinosauriers, das im Film zu sehen ist, zeigt „Brutpflege, Jagd im Familienverband, Fressen durch Punktierung und Reißen sowie Beutejagd im schnellen Laufschritt.“ Was man auf der Leinwand gesehen hat, „unterscheidet sich nicht allzu sehr von dem Tyrannosaurus-Verhalten, das wir heute interpretieren würden.“ 

Leider werden wir wohl nie erleben, wie ein lebender Tyrannosaurus nach Beute jagt – oder nach uns –, um genau sagen zu können, inwieweit die Spekulationen des Films die Realität abbilden. Die komplexen Puppen und Spezialeffekte des Films bringen uns wahrscheinlich so nah daran, einen Tyrannosaurus über die Erde wandeln zu sehen, wie wir es je sein werden. Wenn ihr euch also „Jurassic Park“ noch mal anseht und den T. rex beobachtet, wie er seinen fürchterlichen Schrei nach Freiheit loslässt, bevor er in die stürmische Nacht verschwindet, dann seht ihr damit eine der besten filmischen Hommagen an einen der großartigsten Fleischfresser, der sich je auf der Erde entwickelt hat.

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