Wissenschaft

Parasitenbefall: Frau zog sich 14 Würmer aus dem Auge

Es ist der erste dokumentierte Fall mit dieser spezifischen Wurmart, die sonst Rinder befällt.Mittwoch, 14. Februar 2018

Von Erika Engelhaupt
Ein ausgewachsener weiblicher Wurm der Art Thelazia gulosa, nachdem er zur Untersuchung aus dem Auge der Patientin gezogen wurde.

Abbey Beckley war in Alaska Lachse angeln, als sie irgendwas in ihrem linken Auge bemerkte.

„Es fühlte sich an, als würde einem eine Wimper ins Auge stechen“, sagt sie. Aber so sehr sie es auch versuchte, die 26-Jährige konnte kein Haar oder einen anderen Fremdkörper in ihrem Auge entdecken. Das Gefühl ging allerdings nicht weg. Nach fünf Tagen war Beckley frustriert.

„Eines Morgens wachte ich auf und dachte mir: Was auch immer ich im Auge habe, ich hole das da raus – und wenn es das Letzte ist, was ich tue.“ Sie nahm ihren Mut zusammen, zog ihr Lid zurück, drückte die entzündete Haut darunter zusammen und zog einmal kräftig.

Sie blickte nach unten: „Ich hatte einen Wurm auf meinem Finger.“

Damit ist Beckley die erste bekannte Person der Welt, die von dieser spezifischen Parasitenart befallen wurde. Die Wurmart namens Thelazia gulosa lebt normalerweise im Auge von Rindern, aber bisher hatte es keine Berichte über den Befall eines menschlichen Auges gegeben.

Überhaupt gibt es in den USA nur elf bekannte Fälle, in denen Menschen Würmer der Gattung Thelazia in sich trugen. Der letzte bekannte Fall liegt über 20 Jahre zurück, wie Forscher im „American Journal of Tropical Medicine and Hygiene“ berichteten.

ZEIGT EUCH!

Von all dem wusste Beckley nichts, als sie im Sommer 2016 den Wurm auf ihrem Finger anstarrte. Das kleine, fast durchsichtige Tierchen wand sich ein paar Sekunden lang und starb dann. Sie hatte schon ähnliche Würmer in Lachsen gesehen und fragte sich, ob sie wohl versehentlich einen davon in ihr Auge übertragen hatte. Aber dann tauchten noch mehr Würmer auf und ihr wurde klar, dass das ein größeres Problem war.

Bis sie schließlich in der Praxis eines Arztes in Ketchikan stand, hatte sie schon fünf Würmer aus ihrem Auge gezogen.

Die Ärzte waren „verständlicherweise ziemlich erschrocken“, sagt Beckley. Aber sie wussten nicht, was für Würmer das waren und ob sie gefährlich waren.

Der Wurm Thelazia gulosa an der Oberfläche der Lidinnenseite der Patientin.

Beckley sorgte sich vor allem um die räumliche Nähe der Parasiten zu ihrem Gehirn und beschloss, nach Portland zurückzukehren. Dort bereitete der Vater ihres Freundes, der Arzt ist, die Angestellten der Oregon Health & Science University auf ihre Ankunft vor.

Im Krankenhaus „haben sie mir quasi den roten Teppich ausgerollt“, sagt Beckley. Ärzte und Assistenzärzte scharten sich um sie und hofften, einen Blick auf die seltenen Würmer erhaschen zu können. Zuerst schienen sie etwas skeptisch, erinnert sich Beckley. Sie fragten sie, ob sie vielleicht einfach nur Schleim gesehen hätte, der wie ein Wurm aussah.

Aber Beckley beharrte darauf, dass sie Würmer im Auge hatte. „Ich dachte die ganze Zeit: Zeigt euch! Ihr müsst euch zeigen!“, sagt sie. Die nächste halbe Stunde saß sie da, während ihr Krankenhausangestellte ins Auge starrten und darauf warteten, dass ein Wurm erschien.

„ Ich werde nie vergessen, wie der Arzt und der Assistenzart reagierten, als er über mein Auge schlängelte“, erinnert sie sich. „[Der Arzt] hat sich erschrocken und einen Satz nach hinten gemacht und sagte: Oh Gott, ich hab ihn gesehen! Ich hab ihn gerade gesehen!“

Beckley selbst „nahm das alles bemerkenswert gelassen und anständig hin und ist sehr stark“, sagt Erin Bonura, die Spezialistin für Infektionskrankheiten am OHSU, die Beckley behandelt hat.

MYSTERIÖSER WURM

Die Augenärzte konnten einen der Würmer aus Beckleys Auge ziehen, auch wenn er in der Mitte riss. Sie schickten die Teile an das CDC, die US-Bundesbehörde des amerikanischen Gesundheitsministeriums.

Der Wurm und ein paar weitere, die aus ihrem Auge gezogen wurden, fanden ihren Weg zu Richard Bradbury, der das Parasitology Reference Diagnostic Laboratory des CDC leitet – der Ort, an dem fast alle seltenen Parasiten in den USA bestimmt werden. Allein im letzten Jahr wurden dort fast 6.700 geheimnisvolle Proben analysiert.

„Wenn man nicht weiß, um was es sich handelt, landet es auf unserem Tisch“, sagt Bradbury.

„Diese Parasiten sind alle selten, und dieser ist ganz besonders selten“, erzählt er in Bezug auf Beckleys Wurm. Er musste einen deutschen Fachartikel aus dem Jahr 1928 ausgraben, um die Art als Thelazia gulosa zu identifizieren. Damit ist das die dritte Art aus der Gattung Thelazia, die bisher in einem menschlichen Auge gefunden wurde.

Die Würmer werden von Fliegen der Art Musca autumnalis übertragen, die sich von den Tränen von Rindern, Pferden und Hunden ernähren – das sind die hartnäckigen kleinen Insekten, die sich oft an den Augen der Tiere niederlassen. Wenn man mal von der beunruhigenden Vorstellung absieht, dass einem Fliegen Würmer ins Auge legen können, sind die Tiere ein faszinierendes Beispiel für die Überlebensstrategien von Parasiten.

Zum einen können die Würmer gar nicht ohne die Fliegen existieren, sagt Bonura. Die Wurmlarve kann nur im Verdauungstrakt und den Organen einer Musca autumnalis heranwachsen. Im Anschluss bahnt sie sich ihren Weg zur Mundpartie der Fliege. Wenn die Fliege dann an einem Auge landet und die Tränenflüssigkeit trinkt, schlängelt sich der Wurm aus der Fliege und ins Auge. Dort wächst er dann aus und produziert weitere Larven, die von einer Fliege aufgenommen werden müssen, da sie sonst sterben.

In Beckleys Augen „gab es für sie keine Möglichkeit, ihren Lebenszyklus fortzusetzen, deshalb starben sie alle“, erklärt Bonura. Trotzdem ist noch ungeklärt, wie genau die Würmer in Beckleys Auge gelangt sind. Bonura vermutet, dass es vielleicht passiert ist, als die junge Frau eine Weide mit Rindern überquerte.

INFEKTIONSGEFAHR?

Die gute Nachricht ist, dass sich die Würmer nicht direkt in den Augapfel graben, sondern sich in dem weichen Gewebe unter dem Augenlid ansiedeln. Sobald sie sich aber einmal eingenistet haben, gibt es nicht viele Behandlungsmöglichkeiten. Manchmal werden Antiparasitika verschrieben, allerdings können diese zu Entzündungen führen.

In Beckleys Fall war es das Beste, die Würmer einfach einen nach dem anderen herauszuziehen. Im Laufe von 20 Tagen zog Beckley sich 14 Würmer aus dem Auge. Die Ärzte, die an dem Fall beteiligt waren, sind sich jedoch einig, dass der Öffentlichkeit keine Gesundheitskrise droht.

„Man sollte jetzt nicht panisch denken, dass wir alle Augenwürmer bekommen“, so Bonura. Es kommt äußerst selten vor, dass eine Fliege der Art Musca autumnalis auf einem menschlichen Gesicht landet. Und noch seltener kommt es vor, dass sie dort lange genug bleibt, um Larven abzusetzen. Die beste Vorbeugung besteht Bonura zufolge einfach darin, die Fliegen wegzuscheuchen. Und wenn eine zu nah an ein Auge krabbelt, sollte man sie sofort entfernen

„Solange man einfach das tut, was man im Normalfall tun würde, sollte alles gut sein“, sagt sie.

Beckley erlitt durch die Würmer keine bleibenden Schäden und auch ihre Sehfähigkeit wurde nicht beeinträchtigt. Nach anderthalb Jahren erinnert sie sich sogar kaum noch daran, in welchem Auge die Würmer waren.

Und falls ihr euch das auch fragt (so wie ich): Sie hat keine Würmer aufgehoben. „Ich wollte nicht mehr Zeit als nötig mit diesen Dingern verbringen.“

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