Wissenschaft

Wie das Wetter die Geschichte der Menschheit veränderte

Ob Kriegsverläufe, Sachschäden oder ungewöhnliche Todesfälle: Das Wetter schreibt seit dem Anbeginn der Menschheit an unserer Geschichte mit. Mittwoch, 6 Juni

Von Lori Cuthbert

Seit dem Beginn ihrer Geschichte wurde die Menschheit immer wieder vom Wetter beeinflusst und geprägt - manchmal sogar auf globaler Ebene. Wir beginnen jedoch gerade erst zu verstehen, wie und warum das so ist. In ihrem neuen Buch „Weather: An Illustrated History“ (dt. Das Wetter: Eine illustrierte Geschichte) verfolgen Andrew Revkin und Lisa Mechaley die Spuren des Wetters über 4,5 Milliarden Jahre hinweg in 100 Einträgen. Dabei nehmen sie bedeutende Wetterereignisse, den Klimawandel und jene Menschen unter die Lupe, die herausgefunden haben, wie unsere Welt überhaupt funktioniert.

Als National Geographic ihn in seinem Haus im Hudson Valley in New York anrief, erklärte Revkin, wie Benjamin Franklin zum ersten Sturmjäger wurde, wie das Wetter den Ausgang von Kriegen beeinflusste und welcher unerwartete Übertäter einem Ausflug in den Himalaya ein jähes Ende bereitete.

Wie haben Sie entschieden, welche Momente der Geschichte Sie in Ihr Buch aufnehmen würden?

Meine Frau ist eine Umweltpädagogin und sie hat mir dabei geholfen, es zu schreiben. Es wurde zu einer Art ... ich würde nicht Wettbewerb sagen, aber zu einem Spiel. Es wurde richtig faszinierend. Da war ich also, mit 30 Jahren Schreiberfahrung zum Thema Klimawandel und bedeutende Wetterereignisse, und man sollte meinen, ich hätte einfach direkt loslegen können. Aber je mehr ich herumsuchte, auf desto mehr Überraschungen stieß ich. Also erstellen wir ein Google Doc und fügten einfach immer mehr Einträge hinzu. „Oh, hey, schau mal an, was wir da im Jahr 1602 entdeckt haben!“

Im frühen 17. Jahrhundert hat Galileo beispielsweise das Konzept der Temperatur entwickelt. Es ist nicht einfach nur kalt, nicht ganz so kalt, heiter, warm, heiß und richtig heiß. Das war im Grunde die Art, auf die die Griechen und alle westlichen und sogar östlichen Wissenschaftler und Philosophen vor ihnen über Temperatur dachten. Dann entwickelte Galileo das Konzept der messbaren Temperaturveränderung. Für mich wurde das zu jener Art von Ereignis, nach dem ich die ganze Zeit gesucht hatte. Viele der Einträge beschreiben Ideen, die Übergänge und Veränderungen markierten – nicht einfach nur die schlimmsten Stürme oder die wärmsten Tage.

Ein weiteres Beispiel dafür war Shen Kuo, eine Art chinesischer Benjamin Franklin. Er war alles: Er war ein Erfinder, ein Militärstratege, ein Regionalpolitiker, und er hatte ein erstaunliches Maß an Einsichten, was für viele Menschen in diesem Bereich typisch ist: Sie sehen etwas und denken: „Wow, das ist aber spannend. Warum genau ist das so?“

Er sah sich einen Uferbereich an, der in einen Fluss gestürzt war und versteinerten Bambus freigelegt hatte. Das war in einem Teil von China, der sehr trocken war und in dem daher kein Bambus wuchs. In seinen Memoiren machte er sich ein paar Jahre später ein Bild dieser Umstände. Er sagte: „Vielleicht herrschte in diesem Gebiet einmal ein anderes Klima.“ Das scheint heutzutage belanglos, aber damals war das eine grundlegend neue Vorstellung.

Ein anderes Schlüsselelement des Buches ist, dass wir von Anfang an beschlossen, unsere Beziehung zum Wetter und zum Klima zu betrachten, nicht nur Aufzeichnungen. Ich begann also darüber nachzudenken, welche Faktoren unsere Beziehung zum Klima und Wetter verändert haben. An dieser Stelle kamen dann Klimaanlagen und der Regenschirm und Windkraft ins Spiel.

Sie haben Benjamin Franklin in drei Einträgen erwähnt, glaube ich öfter als jede andere Person.

Genau wie Galileo hatte Ben Franklin diese Art von Verstand, der Dinge und Muster sah und darüber grübelte. Er hat eine lange Abhandlung über Wasserhosen verfasst. Dann war er mit einem Freund auf einem Ausritt in Maryland und sah einen Wirbelsturm. Sie ritten also diesem Wirbelsturm hinterher. Er hatte gehört, dass man einen Tornado oder Wirbelsturm auflösen könne, wenn man eine Gewehrkugel hindurchschießt. Also versuchte er das mit seiner Peitsche. Ich fand einfach, dass ihn das zum ersten Sturmjäger machte.

Er war außerdem einer der ersten Menschen, die darauf schlossen, dass es einen Golfstrom geben musste. Weil er so viel Zeit damit verbrachte, auf diplomatischer Mission zwischen Amerika und Europa hin und her zu reisen, bemerkte er, dass die Schiffe nach Osten hin schneller waren als nach Westen. Dann sprach er mit Kapitänen und sammelte ein paar Daten. Das ist der zweite Teil – die eigentliche Arbeit zu machen.

Ich glaube, die meisten von uns haben den Eindruck, dass sie meistens die Kontrolle über Dinge haben. Aber etwas, das wir nicht kontrollieren können, ist das Wetter. Wie sehr hat das Wetter den Lauf der menschlichen Geschichte beeinflusst?

Die Veränderung des Klimas hat die menschliche Geschichte im Laufe sehr langer Zeitabschnitte in jeder Hinsicht ganz entscheidend geprägt. Das kann man im Buch im Abschnitt über den Auszug aus Afrika nachlesen. Leute von der Columbia University und anderen Universitäten haben sich Aufzeichnungen über den Meeresboden des Roten Meeres und der Küste Nordafrikas angesehen und entdeckt, dass das Wetter dort im Laufe der Zeit schwankte. Die Sahara war, wie National Geographic schon mehrfach berichtete, manchmal grün und grasbewachsen. Es gibt dort Felsbildkunst und Malereien von Leuten, die in der Sahara in Seen schwimmen.

Das Wetter prägt unsere Gemeinschaften und unsere Reaktionen auf die Umwelt auf verschiedene Art. Die Dust Bowl erlebte eine ziemlich lange und außergewöhnliche Dürre, wobei menschliche Eingriffe in die Landschaft die Bedingungen noch verschlimmert haben, sodass es zu diesen Staubmengen kam. Infolgedessen kam es zu bedeutenden Veränderungen, die noch lange nachwirkten.

Sprechen wir über den Einfluss des Wetters auf den Ausgang von Konflikten. Können Sie den erläutern?

Das Wetter hat im Laufe der gesamten Geschichte Kriege beeinflusst. Für das Buch haben wir uns den Zweiten Weltkrieg als Beispiel ausgesucht. Russland und der Winter. Der Winter war schon immer Russlands größter Verbündeter. Wer kurz vor Winteranfang in Russland einmarschierte und nicht schnell zum Ziel kam, hatte sehr bald ein ziemlich großes Problem.

Als die spanische Armada England angriff, verschafften Veränderungen in der Windrichtung den Engländern einen Vorteil und trugen zur Niederlage der Spanier bei. Es gibt noch mehr Beispiele in der Geschichte.

Es gibt ein paar wirklich seltsame Beispiele dafür, wie das Wetter uns einen Strich durch die Rechnung machte. Am bizarrsten fand ich die Geschichte mit dem Hagel. Anscheinend ist Hagel zu Massenmord fähig.

Es gibt einen mysteriösen Fall hoch im Himalaya, wo jemand in einen See blickte und dort die Skelette zahlreicher Menschen entdeckte. Man nahm zunächst an, dass es sich um einen Kriegsschauplatz handelte. Aber ein National Geographic-Team aus Wissenschaftlern warf im Rahmen einer forensischen Analyse einen genaueren Blick darauf. Alle Wunden schienen von oben verursacht worden zu sein, von irgendeinem großen Objekt. Man nahm an, dass es Hagel war. Es gab nichts, das auf eine Waffe hingedeutet hätte. Man denkt da eher an Hurrikans und Überschwemmungen, aber in den USA verursacht Hagel jedes Jahr ein paar der größten finanziellen Schäden.

Mitte des 19. Jahrhunderts erkannten Wissenschaftler langsam, dass es eine globale Erwärmung gab. Sie sagten sogar, dass das keine schlechte Sache sei. Erzählen Sie uns etwas über diese Erkenntnis und wann wurde klar, dass die Erderwärmung nichts Gutes ist?

Von den 1820ern bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts hatte man schon die grundlegende Vorstellung davon, dass es in der Atmosphäre Gase gab, die Wärme zurückhielten. Der nächste Schritt geschah in den 1890ern, als Wissenschaftler zu rechnen begannen: „Oh, wir verbrennen eine Menge Kohle. Wir reichern die Luft mit Kohlendioxid an.“

Der schwedische Chemiker Svante Arrhenius hat das grob berechnet. Zur Jahrhundertwende schätzte man, dass jedes Jahr ein paar Milliarden Tonnen Kohle verbrannt wurden. Er war derjenige, der die erste Abhandlung darüber verfasste, dass dieses Verhalten auf lange Sicht zu einer beträchtlichen Erwärmung führen würde.

Was ich daran interessant finde, ist, dass der geschichtliche Zeitpunkt einer Erkenntnis und der Ort, an dem man diese Erkenntnis erlangt, beeinflussen können, wie man diesen Wissenszuwachs bewertet. Zu jener Zeit war seine Schlussfolgerung also, dass kältere Regionen der Welt ein wärmeres Klima genießen und mehr Nutzpflanzen anbauen könnten. So hätten die Leute mehr Nahrung: Die Erwärmung war etwas Gutes.

Eine der Einsichten, die ich nach 30 Jahren des Schreibens über den Klimawandel durch dieses Buch gewann, ist, dass es wichtig ist, auch mal einen Schritt zurück zu machen und die eigene Wahrnehmung und den eigenen kulturellen Standpunkt zu betrachten: Wie viel hängt mit meinen Überzeugungen und Normen zusammen, und wie viel mit den eigentlichen Daten? Ich glaube, dass es insbesondere mit der ganzen Polarisierung heutzutage für jeden wichtig ist, mal inne zu halten und darüber nachzudenken, dass sogar der Typ, der diesem Konzept den Weg bereitete, damals zum Höhepunkt der industriellen Revolution dachte, das wäre etwas Gutes. Erst ab den Siebzigern zeigten sich so langsam die Nachteile des Klimawandels. Zu jener Zeit entstand auch die Umweltbewegung.

Wir machen als Art gerade eine große Veränderung durch. Eine der Grundlagen des Buches ist es, das fast unsere gesamte Erfahrung mit Wetter und Klima im Laufe der Geschichte nur in eine Richtung verlief. Wir gingen ihm entweder aus dem Weg oder erfanden Dinge wie Klimaanlagen und den Regenschirm, um damit klarzukommen.

Jetzt ist es ein wechselseitiges Verhältnis. Wir verändern das System, während es uns verändert. Das ist eine große Sache. Da überrascht es mich nicht, dass es Zeit braucht, bis das alle verstanden haben, oder dass man sich darüber uneins ist, was getan werden soll. Dann kommt natürlich hinzu, dass das Problem in einem Großteil der Welt der Mangel an Energie ist, der Mangel an jenen Dingen, die unser Leben komfortabel machen. All das hat dazu geführt, dass ich ein anderes Verständnis für das habe, was vor sich geht, als noch in den Achtzigern.

Wenn Sie sich den Zeitstrahl der Veränderung in Ihrem Buch ansehen, weckt der in Ihnen dann mehr Hoffnung für unsere Zukunft auf diesem Planeten oder raubt er sie Ihnen?

Ich wache am Morgen optimistisch auf und bin dann für gewöhnlich nach dem Abendessen immer noch etwas ausgelaugt von dem, was ich den Tag über so gelernt habe. Aber dann stolpere ich immer wieder über etwas, das mir ... ich bin nicht sicher, dass Hoffnung das richtige Wort ist. Es fühlt sich eher wie ein Quell der Möglichkeiten für die menschliche Art an.

Was uns manchmal so frustriert, ist die Vielfalt unserer Reaktionen – die Unfähigkeit, jeden dazu zu bringen, über etwas, das uns wichtig ist, genauso zu denken wie wir. Aber ich glaube, dass diese Vielfalt im Grunde etwas Gutes ist. Wenn wir alle in dieselbe Richtung marschieren würden, hätten wir wahrscheinlich ein Problem. Wenn wir alle auf Atomenergie oder erneuerbare Energien setzen würden, wäre es wohl weniger wahrscheinlich, dass wir irgendwas erreichen.

Das Schwerste am Klimawandel ist, dass er in so einem großen zeitlichen und geografischen Rahmen abläuft. Das Gute ist dabei allerdings, dass der Klimawandel so umfangreich ist, dass jeder eine Rolle spielen und seinen Verlauf in eine positive Richtung beeinflussen kann.

Dieses Interview wurde zugunsten von Länge und Deutlichkeit gekürzt.

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