Wissenschaft

„Manchmal hilft schon eine andere Matratze“

Wie sich gesunder Schlaf messen lässt und ab wann kurze Nächte krank machen, erklärt der Schlafmediziner Ingo Fietze im Interview.Wednesday, August 1, 2018

Von Kathrin Fromm
Um die sieben Stunden Schlaf sollten es pro Nacht sein, sind es weniger, sinkt die kognitive Leistungsfähigkeit – und auf lange Sicht leidet die Gesundheit.

Wie würden Sie als Schlafmediziner guten Schlaf definieren?
Guter Schlaf heißt zunächst einmal ausreichender Schlaf. Um die sieben Stunden sollten es pro Nacht sein. Der zweite Indikator ist die Schlafeffizienz, die sollte bei mehr als 85 Prozent liegen. In dieser Zeit sollte man wirklich schlafen. Die übrigen 15 Prozent der Bettzeit kann man sich auch hin- und her wälzen oder das Licht an- und ausknipsen. Das ist in Ordnung.

Was passiert, wenn jemand nicht genug schläft?
Schon nach einer Nacht mit weniger als sechs Stunden Schlaf kann die kognitive Leistungsfähigkeit am nächsten Tag eingeschränkt sein, sprich: Konzentration, Genauigkeit, Geschicklichkeit, Reaktionsschnelligkeit und Merkfähigkeit. Diese Parameter leiden. Man darf mal kurz schlafen, auch mal ein paar Nächte hintereinander, aber nicht dauerhaft. Gefährlich wird es nach dem aktuellen Stand der medizinischen Forschung nach fünf Jahren: Wenn jemand so lange kurz oder schlecht oder kurz und schlecht schläft, dann geht es an die Gesundheit. Die Wahrscheinlichkeit für Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen, Diabetes und Krebs steigt – und die Lebenserwartung sinkt.

Viele legen sich zwar ins Bett, können dann aber nicht einschlafen oder werden in der Nacht ständig wach. Wie lässt sich daran etwas ändern?
Es gibt verschiedene Faktoren, die die Schlafhygiene beeinflussen: Es sollte möglichst ruhig, dunkel und kühl im Schlafzimmer sein. Man sollte abends keinen Kaffee mehr trinken und zur richtigen Zeit ins Bett gehen, nämlich zwischen 22 und 0 Uhr. Dann schläft man qualitativ am besten, das ist wissenschaftlich erwiesen. Manchmal hilft schon eine andere Matratze, die weicher oder härter ist.

Was ist mit den modernen Medien? Können Smartphones ein Grund für Schlafstörungen sein?
Das Problem ist die ständige Erreichbarkeit. Ich vergleiche das gerne mit einem Feuerwehrmann im Bereitschaftsdienst. Der kann sich zwar hinlegen, aber er weiß, dass er jederzeit wieder aufgeweckt werden könnte. So ähnlich ist es damit, ständig online zu sein. Wenn jemand die ganze Nacht über erreichbar ist und auch sein möchte und nicht abschaltet, dann ist der Schlaf automatisch qualitativ schlechter. Auch wenn man davon am nächsten Morgen nicht unbedingt etwas merken muss.

Aber die Geräte selbst sind nicht das Problem?
Nein. Es ist bisher nicht erwiesen, dass Smartphone-Strahlung den Schlaf stört. Manche lassen sich zum Einschlafen vom Handy ein Hörbuch vorlesen oder sie legen das Gerät auf die Matratze, um eine Schlaf-App zu nutzen. Kann man machen, nur eben den Flugmodus einstellen, damit es nicht doch nachts klingelt.

Sind solche Schlaf-Apps denn sinnvoll?
Um die Dauer des Schlafs durch die Bewegungssensoren zu ermitteln: ja. Viele Apps versprechen aber eine Analyse der Schlafqualität. Da geht es um die Verteilung von Tiefschlaf- und Traumschlafphasen. Das ist nicht messbar. Ich halte das für Marketing. Tatsächlich kommen aber immer mehr Schlafgestörte mit solchen Aufzeichnungen zu uns und sagen: „Doktor, schauen Sie mal, wie schlecht ich schlafe!“

Ingo Fietze ist Professor an der Charité in Berlin und leitet dort das Interdisziplinäre Schlafmedizinische Zentrum.

Was sagen Sie diesen Patienten?
„Erst einmal ist es gut, dass das Sie zu uns geführt hat. Und jetzt machen wir mal eine richtige Messung.“ Ein Problem meiner Patienten mit Schlafstörungen ist, dass sie zu spät kommen. Viele quälen ihre Probleme schon seit Jahren. Das hat auch einen strukturellen Hintergrund. Eigentlich bräuchten wir flächendeckende Schlafambulanzen. Bei Schmerz wissen die Leute, wo sie hingehen müssen. Bei Schlafstörungen ist es schwieriger, qualifizierte Tipps zu bekommen. Es gibt zwar mehr als 300 Schlaflabore, aber da geht es meistens nur ums Schnarchen und Messen und nicht um ausführliche Beratung. Daher ist es schwer einen ersten Ansprechpartner zu finden. Dabei könnte es gerade am Anfang sogar ausreichen, auf die Schlafhygiene zu achten und vielleicht eine Verhaltenstherapie zu machen. Später bei der chronischen Insomnie helfen meistens nur noch Medikamente.

Warum ist Schlaf eigentlich so wichtig?
An allererster Stelle braucht das Gehirn den Schlaf. Salopp gesagt ist nach 16 Stunden einfach Schicht im Schacht, da passt nichts mehr rein. Das Gehirn muss sich erholen, Informationen speichern, verwerfen, verschieben. Das ist das eine. Wir brauchen den Schlaf aber zum Beispiel auch fürs Immunsystem, das sich nachts regeneriert, genauso wie fürs Herz-Kreislauf-System, das während dieser Zeit runterschaltet. Kurz gesagt: Ohne Schlaf gibt es keine geistige und körperliche Erholung.

Eine Titelgeschichte über Schlaf steht in der Ausgabe 8/2018 des National Geographic Magazins. Jetzt ein Magazin-Abo abschließen!

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