Wissenschaft

Aussagen vor Gericht: Kindheitserinnerungen können trügen

Das Speichern und Abrufen von Erinnerungen ist ein komplexer Prozess, der gerade in jungen Jahren noch gewisse Defizite aufweist.Dienstag, 16. Oktober 2018

Von Dan Vergano
Kindheitserinnerungen sind nicht immer zuverlässig, was vor Gericht bedacht werden sollte.

Noch immer ist die Annahme weit verbreitet, dass frühkindliche traumatische Erinnerungen akkurat abgespeichert und abgerufen werden können, was vor allem in der Aufarbeitung von Kriminalfällen zu Problemen führen kann. 

Neuro- und verhaltenswissenschaftliche Erkenntnisse widerlegen das Vertrauen in Augenzeugenaussagen, das viele Polizisten und Richter einer Erhebung zufolge haben, schrieb 2013 der Psychologe Mark L. Hower von der City University London.

„Im Gerichtssaal sind Erinnerungen oft der wichtigste oder einzige Beweis“, schrieb Hower 2013 in „Nature Reviews Neuroscience“. Dennoch sind viele Polizisten, Richter und Geschworene in Nordamerika und Europa „unwissend, wenn es darum geht, wie Erinnerungen entstehen, wie sie im Laufe der Zeit verzerrt werden und wie sie durch Stress und Emotionen beeinflusst werden“. 

Bis zum Alter von acht oder neun Jahren haben die meisten Menschen kein entsprechend ausgeprägtes Gedächtnis, um sich verlässlich an mehr als die groben Abläufe von Ereignissen zu erinnern. Das trifft der Studie zufolge insbesondere auf stressvolle Begebenheiten zu.  

Der wohl berüchtigtste Fall, in dem auch zweifelhafte Zeugenaussagen von Kindern eine Rolle spielten, waren die Missbrauchsvorwürfe an der kalifornischen McMartin-Vorschule in den Achtzigern.  

Alle Angeklagten wurden zum Prozessende im Jahr 1990 jedoch freigesprochen. Eine Psychologin hatte vermutet, dass die Erinnerungen an den Missbrauch von den Ermittlern gewissermaßen in das Gedächtnis der Kinder eingepflanzt worden waren. Diese Ansicht hatte auch die meisten Geschworenen überzeugt. 

Trotzdem würden sich immer noch viele Mitarbeiter der Polizei und der Gerichte zu sehr auf Aussagen über Ereignisse aus der Kindheit verlassen, findet Howe.

Infantile Amnesie 

Während des Wachstums bildet sich das Gedächtnis erst langsam aus, wie verhaltenswissenschaftliche Studien gezeigt haben. Die meisten Erinnerungen an die ersten 18 Lebensmonate gehen später fast vollständig verloren – ein Phänomen, das als infantile Amnesie bezeichnet wird. Auch die Erinnerungen an eine Zeit bis zum neunten Lebensjahr bleiben zumeist spärlich und detailarm. 

Das bedeutet, dass aufrichtige Zeugenaussagen über Erlebnisse der frühen Kindheit ebenfalls recht grob gehalten sein müssten. Detaillierte Erzählungen wurden vermutlich vom Zeugen ausgeschmückt oder erdacht, womöglich sogar unbewusst.

„Obwohl kleine Kinder bei den grundlegenden Fakten oft richtigliegen, enthält ihr Narrativ nicht viele zusätzliche Details“, so Howe. Zeugenaussagen, die viele spezifische Informationen enthalten, zum Beispiel die Farbe bestimmter Kleidungsstücke oder das Wetter an einem bestimmten Tag, sind vermutlich zweifelhafter Natur. Selbst korrekte Erinnerungen können im Laufe der Zeit verzerrt werden. 

Der Irrglaube, dass Erinnerungen an aufwühlende Ereignisse besonders lebhaft im Gedächtnis bleiben, lässt sich ebenfalls nicht mit den Erkenntnissen der Psychologen in Einklang bringen, sagt Howe. „Anhand der Tatsache, dass ein Ereignis stressvoll oder traumatisch war, lässt sich im Allgemeinen nicht gut vorhersagen, wie gut sich ein Kind anschließend daran erinnert.“

Trotzdem gaben bei einer Erhebung im Jahr 2006 mehr als die Hälfte der befragten Richter, Geschworenen und Polizisten an, dass „traumatische Erfahrungen viele Jahre lang unterdrückt und dann wieder abgerufen werden können“. Dieser Vorstellung stimmten nicht mal ein Viertel der Experten für das menschliche Gedächtnis zu. 

Verformbare Erinnerungen

Generell sei unsere Vorstellung von Erinnerungen als feste, unveränderliche Elemente Howe zufolge falsch. Eben diese Vorstellung ist für das Konzept von Augenzeugenaussagen aber von grundlegender Bedeutung. Nicht zuletzt deshalb haben sich Psychologen und Neurologen in den letzten Jahren zunehmend kritisch zu solchen Zeugenaussagen geäußert

National Geographic hat Howe im Rahmen eines schriftlichen Interviews zu der Thematik befragt. 

Welches Ausmaß hat das Problem, dass erwachsene Zeugen im Gerichtssaal von Kindheitserinnerungen berichten, die als Aussagen gelten? Sind viele Fälle, die anhand solcher Aussagen entschieden werden, eher skeptisch zu betrachten? 

In allen Fällen, die sich um sexuellen Missbrauch in der Kindheit drehen, gelten Erinnerungen als Beweismittel. Wenn kein unterstützendes Beweismaterial vorliegt (zum Beispiel Krankenakten), sind sie sogar die einzigen Beweise. Alle Fälle von sexuellem Missbrauch in der Kindheit werden also gänzlich oder zum Teil auf Basis von Erinnerungen entschieden. 

Die Streitpunkte sind, wie im Artikel geschildert, das Alter, in dem die Erinnerungen an den mutmaßlichen Missbrauch entstanden; die Informationen in den Erzählungen des Klägers; wie lange diese Informationen bereits im Gedächtnis abgespeichert sind und die zwischenzeitlichen Erfahrungen, die die Erinnerung in dieser Zeit beeinflusst haben könnten. 

Welche Prozesse im Gehirn machen diese Art der Augenzeugenberichte so unzuverlässig? Ist es das Speichern der Erinnerungen, ihr Abruf oder eine Kombination aus beidem?   

Es ist eine Kombination und hat mit dem Alter [der Person] zu tun, in dem Informationen codiert wurden, wie gut diese Informationen gespeichert werden können und was damit während der Jahrzehnte vor der Zeugenaussage geschah. 

Sehen Sie Abhilfe für das Problem in der Aufklärung der Strafverfolgungsbehörden über die Grenzen solcher Zeugenaussagen?  Oder sollte deren Nutzung durch Richtlinien eingeschränkt werden? 

Ich betrachte das eher als ein Bildungsproblem. Wenn Erinnerungen die hauptsächlichen oder einzigen Beweismittel sind, müssen die Rädchen im Getriebe der Justiz (zum Beispiel die Polizei und die Faktenprüfer) wissen, wie das Gedächtnis funktioniert, da sie davon oft eine falsche Vorstellung haben. 

Was sind Ihrer Meinung nach verräterische Anzeichen für fragwürdige Aussagen? 

Es gibt keinen Lackmustest, um zwischen echten und falschen Erinnerungen zu unterscheiden. Jahrzehntealte Erinnerungen, die während unserer Kindheit codiert wurden, sind oft fragmentiert und entkontextualisiert. Wann immer es also Bedenken über die Detailgenauigkeit (insbesondere nicht zum Thema gehörende Informationen) und den Inhalt (besonders Konzepte, die ein Kind in diesem Alter nicht kennen würde) in der Erzählung eines Klägers gibt, sollte man ernsthaft darüber nachdenken, ob solche Erinnerungen in die Urteilsfindung einbezogen werden sollten.

Sie betonen, dass unbewusst eine Rekonstruktion und Rückverfestigung von Erinnerungen stattfindet, die das Gedächtnis verzerren. Was bedeutet das für unsere schönsten Erinnerungen? Ist auf die noch Verlass, wenn wir sie unablässig polieren? 

Das ist schwer zu sagen, aber ich denke, dass wir viele dieser Erinnerungen mit einer gewissen Vorsicht betrachten sollten. 

Es gibt deutliche Beweise dafür, dass auf unser Gedächtnis nicht immer Verlass ist, wenn wir versuchen, uns ein akkurates, unverändertes Bild der Vergangenheit zu machen. Tatsächlich können wir uns sogar oft falsch an den Kern eines Ereignisses erinnern, das uns widerfahren ist. 

Unser Gedächtnis dient uns am besten, indem es die relevante Bedeutung von unseren Erfahrungen abstrahiert, anstatt die Details jeder Erfahrung abzuspeichern. Das ermöglicht es uns, eine Sicht auf die Welt zu entwickeln, durch die wir unsere Gegenwart interpretieren und unsere Zukunft antizipieren. 

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht. Das Interview wurde zugunsten von Länge und Deutlichkeit redigiert.

Wei­ter­le­sen