Eine Supererde könnte unseren Nachbarstern umkreisen

Kleine Schwankungen in der Bewegung des Sterns könnten darauf hindeuten, dass Proxima Centauri nicht nur einen, sondern zwei Exoplaneten hat.Montag, 15. April 2019

Nicht nur einer, sondern zwei Planeten könnten jenen Stern umkreisen, der unserer Sonne am nächsten ist: ein kleiner Roter Zwergstern namens Proxima Centauri in etwa 4,24 Lichtjahren Entfernung.

„Wir freuen uns, Ihnen den ersten Blick auf das zu gewähren, was wir für einen neuen Planetenkandidaten im Orbit von Proxima halten, den wir Proxima c getauft haben“, verkündete Mario Damasso vom astronomischen Observatorium in Turin am 12. April auf der Konferenz Breakthrough Discuss.

„Es ist nur ein Kandidat“, sagt er. „Es ist sehr wichtig, das zu betonen.“

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Sofern der vermutete Planet tatsächlich existiert, ist er sechsmal so massereich wie die Erde – und gilt damit als Supererde – und benötigt für eine Umrundung seines Sterns 1.936 Tage. Das bedeutet auch, dass die durchschnittliche Oberflächentemperatur auf dem Planeten deutlich zu kalt für das Vorhandensein von flüssigem Wasser wäre.

„Ist der Planet bewohnbar? Nun ja, nicht wirklich – er ist ziemlich kalt“, fasst es Fabio Del Sordo von der Universität Kreta zusammen.

Erst 2016 entdeckten Wissenschaftler vom Pale Red Dot Project den ersten Planeten im Proxima-System. Dieser ist mindestens 1,3 Mal so massereich wie die Erde und womöglich sogar warm genug, damit auf seiner Oberfläche Leben, wie wir es kennen, bestehen kann. Die Forscher spürten den Planeten, Proxima Centauri b, über die Radialgeschwindigkeitsmethode auf.

Vor Kurzem beschlossen Damasso und Del Sordo, sich noch einmal die Daten anzusehen, die zur Entdeckung von Proxima b geführt hatten. Dieses Mal verarbeiteten sie die Daten aber auf etwas andere Weise und entfernten die Signale von Proxima b und der Aktivität des Sterns. Danach fügten sie dem Datensatz 61 zusätzliche Messungen hinzu, die sie im Laufe von 549 Tagen mit dem HARPS-Spektrografen des La-Silla-Observatoriums gemacht hatten.

Insgesamt deckten ihre Daten über die gravitationsbedingten Taumelbewegungen des Sterns also ungefähr einen Zeitraum von 17 Jahren ab. Sie offenbarten ein Signal, das auf einen weiteren Planeten im Orbit um Proxima Centauri hindeuten könnte. Falls der Planet existiert – und das ist immerhin noch ein recht großes „falls“ –, könnte Proxima c etwa anderthalb Astronomische Einheiten von seinem Stern entfernt sein (also anderthalbmal so weit wie die Erde von der Sonne) und für einen kompletten Umlauf etwas mehr als fünf Erdenjahre benötigen.

„Der Nachweis ist sehr schwierig“, erklärt Del Sordo. „Wir haben uns oft selbst gefragt, ob das ein echter Planet ist. Aber eines ist sicher: Selbst, wenn dieser Planet nur ein Luftschloss ist, sollten wir weiter daran arbeiten, ihm ein festes Fundament zu verschaffen.“

Eine wissenschaftliche Arbeit, die den Entdeckungsprozess beschreibt, wurde bereits zur Prüfung durch Experten bei einem Fachmagazin eingereicht.

Die Wissenschaftler werden weiterhin Daten über den Stern sammeln. Außerdem planen sie, Informationen von der ESA-Sonde Gaia zu nutzen, um die Taumelbewegungen von Proxima Centauri genauer zu untersuchen, welche durch die Anziehungskraft der Planeten entstehen, die ihren Heimatstern umkreisen. Außerdem vermuten die Forscher, dass künftige Teleskope den potenziellen Planeten sogar direkt ausfindig machen könnten.

Bisherige Beobachtungen des Sterns, die mit dem Radioteleskop-Observatorium ALMA gemacht wurden, könnten die These sogar stützen, dass sich mehrere Planeten im Proxima-System befinden. Auf entsprechenden Aufnahmen sieht man, dass Proxima Centauri von Bahnen aus Staub umgeben ist, die womöglich durch Objekte in seinem Orbit geformt werden. Außerdem hat ALMA eine weitere helle Lichtquelle im Proxima-System entdeckt, die sich ungefähr auf der Umlaufbahn von Proxima c befindet.

„Dort gibt es eine unbekannte Quelle – das ist ja schon mal was. Es könnte eine Hintergrundquelle sein oder Rauschen, das wissen wir nicht“, so Del Sordo.

„Das ist eine wirklich, wirklich großartige Entdeckung – ich hoffe, dass sie im Laufe der kommenden Monate und Jahre der wissenschaftlichen Prüfung standhält“, findet René Heller vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung in Göttingen.

Lauren Weiss von der University of Hawaii vermutet hingegen, dass das Signal, welches das Team sieht, von einer Kombination aus mehreren Planeten des Systems und dem Hintergrundrauschen des Sterns erzeugt wird.

„Vielleicht gibt es da noch zusätzlich Planeten, aber nicht an der Stelle, an der Sie den Planetenkandidaten vermuten“, adressierte sie Damasso und Del Sordo während der Konferenz. „Ich weiß auch nicht wirklich, was wir da tun können, außer das, was Sie richtigerweise schon vorgeschlagen haben: die Beobachtung fortsetzen. [...] Das wird noch ein langer Weg.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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