Warum wir Clowns tatsächlich unheimlich finden

Einer Theorie zufolge ist das Uncanny Valley schuld am unheimlichen Image der Clowns. Den eigentlichen Grund offenbarte eine psychologische Studie. Donnerstag, 20. Februar 2020

Ob es wohl noch irgendjemanden gibt, der Clowns nicht mindestens ein bisschen unheimlich findet?

Nach der wiederholten Verfilmung von Stephen Kings Horrorroman „Es“ und der Welle von Horrorclowns, die 2016 weltweit in zahlreichen Städten immer wieder gesichtet wurden, würde es zumindest nicht verwundern, wenn dem nicht so wäre.

Aber was genau macht Clowns, deren ursprünglicher Zweck doch ein ganz anderer war, zu solchen Gruselfaktoren? Und woher kamen die ganzen unheimlichen Clowns, die 2016 überall aus dem Nichts aufzutauchen schienen? Diese Frage stellten sich auch Wissenschaftler – und nutzten die Gruselclown-Epidemie als Fallstudie.

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„Clowns kombinieren auf vielerlei Art die perfekte Mischung aus verrückten Dingen“, sagt Frank McAndrew. Der Sozialpsychologe veröffentlichte 2016 die erste große Studie zum Thema Grusel.

Sie sind nicht nur schelmisch und sehen seltsam aus, erklärt McAndrew, der Betrachter könne durch das Make-up auch nicht erkennen, wer in dem Kostüm steckt und was diese Person fühlt.

Daher kam zwischendurch auch die Theorie auf, dass Clowns so unheimlich sind, weil sie in das sogenannte Uncanny Valley fallen. Dieses „Phänomen des unheimlichen Tals“ beschreibt die mangelnde Akzeptanz, die ein Betrachter einem menschenähnlichen Objekt entgegenbringt. Mit anderen Worten: Sieht etwas gleichzeitig zu menschenähnlich, aber noch nicht menschenähnlich genug aus (z. B. Roboter mit einer humanoiden Erscheinung, die aber noch etwas steif und unnatürlich wirkt), weckt es Argwohn beim Betrachter. Ist die Diskrepanz aber groß genug (beispielsweise bei der Figur C-3PO aus „Star Wars“), wird die Figur mindestens neutral, eher aber mit Sympathie betrachtet.

Man könnte also vermuten, dass wir uns vor Clowns gruseln, weil ihr Make-up menschliche Gesichtszüge verzerrt darstellt und auch ihre großen Schuhe und bizarren Frisuren einen Verfremdungseffekt erzeugen.

Allerdings kann das Uncanny Valley bestenfalls Teil einer Erklärung für die Unheimlichkeit von Clowns sein. Zum einen tritt das Phänomen eigentlich nur bei unbelebten Objekten auf, die Menschen ähneln: Roboter, Puppen, Dummys und animierten Figuren. Clowns sind hingegen echte Menschen.

Zum anderen lösten sie nicht immer Angst und Schrecken beim Betrachter aus. Es gab viele beliebte Clowns wie Clarabell und Bozo, und noch immer findet man von Tapete über Spielfiguren zahlreiche Kinderzimmeraccessoires zum Thema Clowns.

Was den Clown laut McAndrew tatsächlich unheimlich macht, ist seine vielseitige Ambiguität. „Wenn eine Person gewillt ist, sich über gesellschaftliche Konventionen hinwegzusetzen, indem sie sich auf diese Weise kleidet und benimmt, welche anderen Regeln wäre sie dann noch zu brechen bereit?“, erklärt er.

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Das passt auch zu den Ergebnissen von McAndrews Studie. Er befragte 1.300 Menschen, um herauszufinden, welche Verhaltensweisen und körperlichen Merkmale Menschen unheimlich finden. Der gemeinsame Faktor, der immer wieder auftauchte, war Unberechenbarkeit.

„Erst, wenn wir mit einer ungewissen Bedrohung konfrontiert werden, wird es uns unheimlich“, schrieb er in einem Artikel über Psychologie. „Es würde als unhöflich und seltsam gelten, wenn wir mitten in einer Unterhaltung vor jemandem, der eigentlich harmlos ist, wegrennen würden, nur weil er etwas gruselig wirkt. Gleichzeitig könnte es gefährlich sein, unsere Intuition zu ignorieren, wenn diese Person tatsächlich eine Bedrohung darstellt. Diese Ambivalenz lässt uns gewissermaßen in unserem Unwohlsein erstarren.“

Als Schelme wanderten Clowns seit jeher auf dem schmalen Grat zwischen Unterhaltung und Missetaten. Daher ist es einfach, das traditionelle Bild des fröhlichen Clowns umzukehren, wie es in Literatur und Film so oft geschieht. Im Jahr 1892 wurde die Oper „Pagliacci“ mit einem mordlustigen Clown uraufgeführt. Aber erst in den 1970ern und 80ern verewigte sich der böse Clown richtig in der Popkultur – zum einen durch den Serienmörder John Wayne Gacy, der in seiner Freizeit als Clown Kinder bespaßte, und zum anderen durch Stephen Kings Roman „Es“. Mittlerweile scheint man Clowns öfter im gruseligen denn im lustigen Kontext zu begegnen.

Das bringt uns wieder zum Hype um die Gruselclown-Sichtungen von 2016. Warum wurde YouTube plötzlich mit Videos dieser Clowns überschwemmt? Der Harvard-Computerwissenschaftler Michele Coscia erforscht, wann genau eine Idee im Netz viral geht – oder eben nicht. Ihm zufolge war es überraschend, dass das Gruselclown-Meme so erfolgreich war.

Seine Forschung hat gezeigt, dass die meisten Memes – ob nun Bilder, Sätze oder Ideen wie die Gruselclowns – im Sande verlaufen, weil sie sich nicht von der Konkurrenz abheben. Und unheimliche Clowns gab in den letzten Jahrzehnten genügend in der Popkultur.

„Meiner Theorie zufolge wäre dieses Meme nicht neuartig und sollte deshalb auch nicht viral gehen“, sagte Coscia 2016 in einem Interview mit National Geographic. „Das tat es aber. In diesem Fall könnte man also sagen, dass meine Theorie versagt hat.“

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Allerdings hat Coscia eine Hypothese. Wenn er sich auf sozialen Netzwerken und Websites wie Reddit Memes ansieht, kann er für jedes davon eine Maßeinheit bestimmen, die er als „Kanonizität“ bezeichnet. Eine niedrige Kanonizität bedeutet, dass eine Idee ungewöhnlich ist und deshalb mit größerer Wahrscheinlichkeit viral geht. Im Falle der Gruselclown-Sichtungen „gab es vorher schon Prank-Memes und Gruselclowns – aber nicht beides in Kombination“, so Coscia.

Und so wurde eine Idee mit niedriger Kanonizität geboren, die viral ging.

Den Rest erledigte die Sozialpsychologie. „Die sozialen Medien heizen dem Ganzen noch mal ein, weil sie verzerren, wie weit verbreitet ein Phänomen tatsächlich ist und wie bedroht wir uns deshalb fühlen sollten“, sagt McAndrew. „Man geht lieber auf Nummer Sicher und beschützt seine Kinder vor Gruselclowns, als fatalerweise zu unvorsichtig zu sein. Wir haben mittlerweile die Möglichkeit, quasi mit einem Megafon Gerüchte zu verbreiten und die Alarmglocken zu läuten – und wir lassen uns nie eine Gelegenheit entgehen, genau das zu tun.“

Bei einer anderen Vorhersage lag Coscia 2016 ebenfalls richtig:

„Je größer die Beliebtheit eines Memes ist, desto kürzer ist für gewöhnlich der Hype darum“, sagte er. „Wenn die Gruselclowns enorm beliebt werden, werden die Leute auch schnell genug von ihnen haben.“ Und so kam es dann auch – zumindest im Falle der Gruselclown-Sichtungen.

McAndrews Studie zeigte aber, dass sich die Meinung der Leute dadurch kaum änderte. Er bat seine Teilnehmer, verschiedene Berufe danach zu bewerten, wie unheimlich sie sie fanden. Der einsame Sieger? Clowns.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

 

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