COVID-19 Anxiety Syndrome: Wenn die Rückkehr zur Normalität unmöglich scheint

Rein ins Getümmel oder vorsichtig erste Schritte wagen? Mit den neuen Freiheiten der Post-COVID-Realität geht jeder anders um. Wenn eine Rückkehr ins „new normal“ jedoch undenkbar scheint, könnte es sich um ein neuartiges Angstsyndrom handeln.

Veröffentlicht am 24. Juni 2021, 09:22 MESZ
Mensch mit Mund-Nasenschutz, schaut nachdenklich

Während zu Beginn der Pandemie das Bedürfnis nach sozialen Kontakten besonders ausgeprägt war, können manche Menschen nach längerer Zeit der Isolation eine Form von sozialer Apathie und den fehlenden Wunsch nach sozialer Verbindung erfahren.

Bild Tai's Captures on Unsplash.com

Es ist Anfang 2020, eine Krankheit namens COVID-19 macht sich auf den Weg um die Welt, die Menschen verfolgen Nachrichten, Updates und sich immer wieder ändernde Sicherheitsrichtlinien. Die ersten Ausgangsbeschränkungen sind in Kraft, das Tragen von Masken und der Verzicht aufs Händeschütteln sind noch ungewohnt. In London denken Ana Nikčević, Professorin für Psychologie und psychische Gesundheit an der Kingston University, und Marcantonio Spada, Professor für Suchtverhalten an der South Bank University, schon einen Schritt weiter: Wie wird die erste Zeit nach der akuten Bedrohung durch COVID-19 aussehen? Ihre Hypothese: Wir laufen kollektiv Gefahr, Coping-Strategien im Umgang mit Bedrohungen zu entwickeln, die uns in einem Zustand erhöhter Besorgnis und Angst vor dem Virus festhalten – auch wenn eine Rückkehr zur Normalität in Aussicht steht.

Die Forscher definierten eine Reihe von kognitiven und verhaltensbezogenen Bewältigungsstrategien, die eine Person in einer Angstreaktion bezüglich des Virus‘ gefangen halten könnten. Mittels einer Skala zur Bewertung dieser Bewältigungsstrategien, die als „COVID-19 Anxiety Syndrome Scale“ Ende 2020 im Fachmagazin Psychiatry Research veröffentlicht wurde, und Studien mit Teilnehmern aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen bestätigten Nikčević und Spada die Existenz des „COVID-19 Anxiety Syndrome“: Jeder fünfte der in Großbritannien ansässigen Umfrageteilnehmer ist demnach von dem Angstsyndrom betroffen, das sich durch Verhaltensweisen wie Vermeidung öffentlicher Verkehrsmittel (54 Prozent der Befragten) und öffentlicher Plätze (38 Prozent), Angst vor dem Berühren von Gegenständen im öffentlichen Raum (49 Prozent), verstärkter Aufmerksamkeit bezüglich möglicher Symptome bei anderen (14 Prozent) bis hin zur Verfolgung pandemiebezogener Nachrichten auch auf Kosten des Arbeitsengagements (9 Prozent) auszeichnen kann. Wer ist anfällig für das besondere Phänomen, welche Aussichten haben Betroffene auf Besserung? Prof. Ana Nikčević gab uns die wichtigsten Antworten zum COVID-19 Anxiety Syndrome.

Was sind – psychologisch gesehen – die großen Herausforderungen der Pandemie?

Seit Beginn der Pandemie haben in vielen Ländern der Welt Stress, Angstzustände und depressive Symptome zugenommen. Innerhalb von 15 Monaten mussten wir uns auf das Leben im Lockdown einstellen, uns an die Gefahr einer Coronavirus-Infektion gewöhnen, mit sich immer wieder ändernden Situationen wie dem Auftreten von Varianten oder unsicheren Infektions- und Todesraten zu Beginn der Pandemie umgehen. Darüber hinaus haben Isolation, Unterbrechung der sozialen Verbindungen, Einkommensverlust, Trauerfälle, Verschlimmerung vorbestehender psychischer Erkrankungen und Traumata – in vorderster Front etwa bei medizinischem Personal – zur Verschlimmerung der allgemeinen psychischen Belastung beigetragen. Ganz davon abgesehen mussten wir uns neue Lebens- und Verhaltensweisen aneignen – zum Beispiel Masken tragen, Abstand voneinander halten und Geselligkeit vermeiden.  

Welche Folgen kann das konkret im Alltag haben?

Die Pandemie und die damit verbundenen Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus‘ haben tiefgreifende Auswirkungen auf das tägliche Handeln. Unsere Studienergebnisse vom Februar dieses Jahres zeigen, dass 30 bis 50 Prozent der befragten Menschen aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Virus auf die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel sowie auf Besuche öffentlicher Orte verzichten und sehr ungern Dinge an öffentlichen Orten berühren. Dies deutet darauf hin, dass sich die Beziehung zu normalen Aktivitäten für viele erheblich verändert hat.

Für wen dürfte es besonders schwer sein, sich im spezifischen Post-COVID-Kontext an eine „neue Normalität“ zu gewöhnen?

Unsere Erkenntnisse aus verschiedenen Stadien der Pandemie zeigen, dass es deutliche Unterschiede im Umgang mit der Bedrohung durch die COVID-19-Infektion gibt. Einige Menschen – diejenigen, die auf der COVID-19 Anxiety Syndrome Skala hoch abschneiden – haben sehr ängstliches Verhaltensmuster angenommen, die durch übermäßige Sorge gekennzeichnet ist. Unbeabsichtigt halten ihre Verhaltensweisen sie in der Angst vor einer COVID-Infektion fest. Für diese Menschen kann die Rückkehr zur Normalität sehr schwierig sein – zum Beispiel keine Masken zu tragen – da solche Gewohnheiten inzwischen in ihrem Alltag verankert sind und als wichtig für den eigenen Schutz angesehen werden.

Die lange Dauer der Pandemie könnte also ein entscheidender Faktor sein.

In einer kürzlich durchgeführten Studie wurde berichtet, dass eine kurzfristige akute soziale Isolation zu einer erhöhten Motivation führt, sich mit anderen zu verbinden. Längerfristige Isolation und chronische Einsamkeit könnten jedoch zu einer geringeren Motivation führen, sich sozial mit anderen zu engagieren. Mit anderen Worten: Während zu Beginn der Pandemie unser Bedürfnis nach Wiederherstellung sozialer Verbindungen möglicherweise besonders „lebendig“ war, können manche Menschen nach längerer Zeit der Isolation und der Unfähigkeit, sich aufgrund der Einschränkungen einzubringen, eine Form von sozialer Apathie und den fehlenden Wunsch nach sozialer Verbindung erfahren. Das ist ein großes Problem, weil Einsamkeit und soziale Isolation sowohl kurz- als auch langfristig wichtige Einflusswerte für Sterblichkeit, Krankheit und psychische Probleme sind.

Wer ist am stärksten vom COVID-19 Anxiety Syndrome betroffen?

Bisherige Daten aus unserer Forschung zeigen, dass diejenigen, die ein höheres Ausmaß an Merkmalen des COVID-19 Anxiety Syndrome aufweisen, in der Regel jünger sind, ein hohes Risiko für nachteilige Folgen einer Ansteckung mit COVID-19 haben, Angehörige aufgrund von COVID verloren haben und bei denen bereits eine Neigung zu Angstzuständen und insbesondere Hypochondrie besteht.

Wie lässt sich das erklären?

Es gibt verschiedene mögliche Gründe, warum jüngere Menschen stärker betroffen sein können. Mehrere Studien belegen, dass jüngere Personen während der Pandemie ein erhöhtes Maß an psychischer Belastung zeigen. Die Kombination von der intensiven Beschäftigung junger Menschen mit Social-Media-Plattformen und dem Zusammenbruch des sozialen Engagements im „echten Leben“ könnte einen fruchtbaren Boden für einen erhöhten Fokus auf die Virus-Bedrohung geschaffen haben.

Prof. Ana Nikčević studierte Psychologie an der Universität Belgrad, absolvierte anschließend ihr postgraduales Masterstudium an der City University und ihre Doktorarbeit am King’s College der University of London. Derzeit ist sie Professorin für Psychologie und psychische Gesundheit an der Kingston University London. Sie ist spezialisiert auf die Behandlung psychischer Probleme mit Hilfe kognitiver Verhaltens- und metakognitiver Therapien.

Bild privat

Viele Menschen empfinden die Idee einer Rückkehr zur Normalität als Herausforderung. Was entscheidet, ob ich lediglich ein bisschen besorgt vor der Zukunft bin oder übermäßig Angst habe?

Es ist unwahrscheinlich, dass eine Person, die „ein wenig besorgt“ ist, es vermeiden wird, auszugehen und Dinge zu genießen, an denen sie zuvor Freude hatte. Die Rückkehr zur Normalität, etwa die Rückkehr in geschlossene Räume, in Kinos und zu Partys kann sich ein wenig unangenehm anfühlen, aber wir können uns versichern, dass es in Ordnung ist, ein wenig ängstlich zu sein, und mit der geplanten Aktivität fortfahren. Diejenigen, die unter erheblichen und einschränkenden Angstzuständen leiden, werden Schwierigkeiten haben, zu Aktivitäten zurückzukehren, die sie zuvor genossen haben. Sie werden Einladungen zum Ausgehen ablehnen und sich übermäßig Sorgen über die Möglichkeit einer Infektion machen.

Welche Behandlungsmöglichkeiten und Aussichten gibt es für Betroffene?

Das COVID-19 Anxiety Syndrome ist ein pandemiebedingtes Phänomen. Es ist keine klinische Diagnose wie PTSD, Phobie und Depression. Mit der Ausweitung des Impfprogramms und einer Verringerung der Virusausbreitung gehen wir davon aus, dass die Mehrheit der Menschen im Laufe der Zeit zur Normalität zurückkehren wird. Für diejenigen, die mit Aspekten des Syndroms zu kämpfen haben, empfehlen wir jedoch, kognitive und Verhaltensinterventionen in Betracht zu ziehen, die das Loslassen von nicht hilfreichen Bewältigungsstrategien erleichtern sollen. Das kann darin bestehen, die Person zu ermutigen, nach draußen oder in enge Räume zu gehen und Dinge zu berühren, zu lernen, sorgenvolle Gedanken zu unterbrechen und Verhaltensweisen zu überprüfen. Die Akzeptanz der wissenschaftlich etablierten Annahme, dass eine Corona-Virus-freie Welt unwahrscheinlich ist, und der Tatsache, dass in allen Aspekten des täglichen Lebens ein gewisses Risiko besteht, könnte auch die Wiedereingliederung von Personen unterstützen, die übermäßig ängstlich und ängstlich sind.

Die Daten Ihrer Studie beziehen sich zunächst auf Großbritannien und die USA. Wie sieht es mit dem Rest der Welt aus?

Derzeit analysieren wir Daten zum COVID-19-Angstsyndrom auf drei Kontinenten. Diese Daten ermöglichen es uns, das Konstrukt in verschiedenen Ländern in Europa – Großbritannien, Deutschland, Schweden und Italien – sowie in China und den USA zu untersuchen.

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