Hypochondrie: Woher kommt die krankhafte Angst vor Krankheiten?

Für Menschen mit Hypochondrie bestimmt die Angst, krank zu sein oder zu werden, den Alltag. Doch woher kommt die zwanghafte Suche nach Sicherheit? Wie Betroffene damit leben und was Experten zufolge hilft.

Veröffentlicht am 11. Nov. 2021, 14:57 MEZ
Hypochondrie ist die Angst vor Krankheiten

Wenn die Angst vor Krankheiten Gedanken, Verhalten und das Leben bestimmt, kann es sich dabei um Hypochondrie handeln.

Bild Jon Anders Wiken-stock.adobe.com

Etwa jeder dritte Deutsche hatte im Jahr 2021 Angst vor einer schweren Erkrankung. Das besagt die Studie "Die Ängste der Deutschen", die die Versicherungsgesellschaft R+V seit 1992 jährlich durchführt. Für viele Deutsche mag im Pandemiejahr die Furcht vor einer Corona-Infektion relativ konkret gewesen sein. Doch für etwa ein Prozent der Bevölkerung bestimmt eine generelle Angst vor Krankheiten nachhaltig das Leben: Sie leiden an Hypochondrie.

„Es ist keinem Menschen fremd, dass man mal Angst vor einer Erkrankung hat“, sagt Prof. Dr. Ulrich Voderholzer. Er ist Chefarzt in den Bereichen Psychosomatik und Psychotherapie in der Schönklinik Roseneck in Prien am Chiemsee. Seit vielen Jahren behandelt er Menschen, die an schwerer Hypochondrie leiden. „Wenn der Alltag durch diese Angst beeinträchtigt ist, spricht man von einer krankhaften hypochondrischen Störung.“ Zwischen 0,5 und ein Prozent der Bevölkerung sind ihm zufolge von einer schweren Form der Hypochondrie betroffen, wobei leichtere Formen deutlich häufiger vorkommen. Frauen und Männern sind etwa gleich betroffen. „Es tritt in allen Altersklassen auf, auch schon bei jungen Leuten“, erklärt Dr. Voderholzer.

Hypochondrie ist eine ernstzunehmende psychische Erkrankung

Aktuell zählt Hypochondrie zu den somatoformen Störungen. Demnach leiden die Betroffenen häufig unter Beschwerden, für die es keine organische Ursache gibt. In der Gesellschaft ist Hypochondrie durchaus bekannt, doch wird sie in ihrer Ernsthaftigkeit oft unterschätzt. Weil es keine Diagnose für ihre Beschwerden gibt, gelten Betroffene oft „als wehleidige, eingebildete Kranke“, heißt es im ams-Ratgeber der AOK Gesundheitskasse. Hypochonder erleben die Beschwerden allerdings real, interpretieren sie aufgrund ihrer Angst jedoch falsch: als Symptom einer schweren Krankheit wie Krebs, AIDS oder Multiple Sklerose (MS). Wie Prof. Dr. Ulrich Voderholzer erklärt, nimmt diese Angst die Betroffenen ein: In schweren Fällen gebe es „nicht mal mehr wenige Stunden, in denen man frei von den Ängsten sein kann.“ Das könne so weit führen, dass Depressionen entstehen oder Betroffene nicht mehr arbeiten und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können.

Menschen, die an Hypochondrie leiden, überschätzen explizite Gesundheitsbedrohungen, während sie ihre Fähigkeit, mit einer Erkrankung umgehen zu können, gleichzeitig unterschätzen. Das zeigt eine Studie, die 2015 im Journal Clinical Psychological Science erschien. Außerdem hat Hypochondrie eine weitere Dimension, weshalb sie – vermutlich ab dem kommenden Jahr – nicht mehr den somatoformen Störungen, sondern den Zwangsstörungen zugeordnet wird, erklärt Prof. Dr. Voderholzer. Diese Klassifizierung nach ICD-11 treffe Hypochondrie besser. Denn Betroffene schenken möglichen Krankheitssymptomen aufgrund ihrer Angst überdurchschnittlich viel Aufmerksamkeit und suchen sogar danach, indem sie ihren Körper andauernd auf Veränderungen kontrollieren. „Das hat etwas sehr Zwanghaftes“, sagt Voderholzer, der Leiter des wissenschaftlichen Beirates der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V. ist. „Ein Patient, an den ich mich sehr gut erinnere, hat bis zu 20 Mal am Tag seinen Blutdruck gemessen, weil er Angst hatte, er könnte einen Schlaganfall bekommen.“

Die Angst vor Krankheiten bedeutet die Suche nach Sicherheit

Sebastian Kraemer kennt diese Ängste nur zu gut. Er litt in seinen Zwanzigern selbst an Hypochondrie. Innerhalb von drei Jahren unterzog er sich etwa vier MRTs, zwei CTs, mehreren EKGs und Schluckultraschallen – „alles was man sich vorstellen kann, wo man untersucht wird“, erzählt der heute 41-Jährige. Bei einem Stechen in der Brust befürchtete er eine Herzerkrankung, hinter Taubheitsgefühlen oder Augenflimmern vermutete er eine neurologische Erkrankung wie MS. Auch wenn ihm die geringe Wahrscheinlichkeit einer solchen Erkrankung durchaus bewusst war, bestimmte die Angst davor seine Gedanken. „Dieser kleine Zweifel hat eben ausgereicht“, sagt Sebastian Kraemer.

Zur Beruhigung suchen Menschen mit Hypochondrie zwanghaft nach Sicherheit: bei der Familie, beim Arzt oder im Internet. „Ich habe mir 100-prozentige Sicherheit gewünscht, dass alles in Ordnung ist, aber die hat mir keiner geben können“, erzählt Kraemer. Die Ärzte fanden meist keine Ursache für seine Beschwerden. Einige Wochen nach dem Arztbesuch kamen die Zweifel zurück, Kraemer musste erneut nach Sicherheit suchen, immer wieder. „Die Rückversicherung ist kurzfristig beruhigend, verstärkt die Angst aber langfristig“, erklärt Prof. Dr. Voderholzer. Besonders das Googeln von Symptomen sei kontraproduktiv. In einer Untersuchung aus dem Jahr 2014 stellten Forscher fest, dass als hypochondrisch eingestufte Probanden signifikant häufiger im Internet nach Krankheitssymptomen suchen als andere. Doch „Doktor Google“ trägt nicht zur Beruhigung bei, im Gegenteil: Wenn man danach sucht, kann jede noch so kleine Beschwerde auf eine schwere Erkrankung zurückzuführen sein. „Das Googlen hat mich nie beruhigt“, so Kraemer. Einer ausgiebigen Internetrecherche folgte immer ein Arztbesuch oder der Gang zur Notaufnahme.

Menschen mit hypochondrischer Störung sind andauernd auf der Suche nach Sicherheit. Doch ständige Rückversicherung führt auf Dauer zu noch stärkerer Angst. Vor allem das Googeln von Symptomen ist kontraproduktiv.

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Vermeidungsverhalten: Wie Hypochondrie den Alltag einschränkt

Die kreisenden Gedanken um eine mögliche Krankheit, die zwanghafte Kontrolle des eigenen Körpers sowie die ständige Suche nach Sicherheit nehmen sehr viel Zeit in Anspruch und beeinträchtigen die Lebensqualität Betroffener massiv. „Es ist ein langer, innerer Kampf, immer wieder“, erzählt Sebastian Kraemer. „Ich war müde, gestresst, angespannt.“ Viele Menschen mit Hypochondrie schränken sich aufgrund ihrer Ängste außerdem stark ein und vermeiden Situationen, „die ihre Ängste triggern“, sagt Prof. Dr. Voderholzer. Sie machen zum Beispiel keinen Sport, weil dabei Symptome auftreten oder der Blutdruck steigen könnte. Oder sie gehen nicht mehr aus, weil sie sich anstecken könnten. Individuell kann dieses Vermeidungsverhalten auch ganz anders aussehen, erklärt der Facharzt für Psychotherapie und erzählt von einer Patientin, die große Angst davor hatte, Blut zu spucken: „Sie hat ständig beobachtet, ob beim Zähneputzen ein minimaler Blutrest zu sehen ist. Das wurde so schlimm, dass sie am Ende keine roten Kleider mehr tragen konnte, weil sie dachte, dass sie Blutflecken darauf übersieht. Sie war extrem beeinträchtigt. Jedes Zähneputzen war unglaublich angstbesetzt bei ihr.“

Traumata, Erziehung, Unsicherheit: Woraus entsteht Hypochondrie?

Wie Dr. Voderholzer erzählt, entwickelte seine Patientin die Angst vor dem Blutspucken, nachdem ihr krebskranker Vater starb. „Die meisten Menschen mit einer hypochondrischen Störung, die ich persönlich kennengelernt habe, hatten traumatische Erlebnisse“, erklärt der Chefarzt für Psychosomatik und Psychotherapie. Häufig sei der Verlust einer Bezugsperson – auch in der Kindheit – ein Auslöser für Hypochondrie. Aber auch die Persönlichkeitseigenschaften Unsicherheitsintoleranz und Angstsensitivität spielen Voderholzer zufolge eine Rolle: Personen, die Unsicherheit nur schwer aushalten oder allgemein schnell mit Angst reagieren, haben eher die Veranlagung dazu, Hypochondrie zu entwickeln. Der Erziehungsstil kann ebenfalls eine „falsche“ Einstellung gegenüber Krankheiten erzeugen, wenn in der Kindheit körperlichen Symptomen viel Aufmerksamkeit und Besorgnis entgegengebracht wird, heißt es in einer Veröffentlichung der Hochschulambulanz für Psychotherapie der Universität zu Köln (HAPUK).

Doch der Auslöser für Hypochondrie muss nicht immer mit Traumata oder der Erziehung zu tun haben. Bei Sebastian Kraemer entwickelte sich die Krankheitsangst beispielsweise in einer sehr unsicheren Phase seines Lebens. Als er sein BWL-Studium abgeschlossen hatte, „ging es das erste Mal richtig ins Erwachsenenleben, es ging darum zu arbeiten, Ziele zu erreichen“, erinnert er sich. Doch über seine Zukunft war er sich nicht klar. „Ich glaube, dass die Angst vor Krankheiten eine Ablenkung war, um sich mit den anstehenden Veränderungen nicht wirklich auseinandersetzen zu müssen“, sagt Kraemer heute. „Denn wenn man davon ausgeht, schwer krank zu sein, muss man sich ja darum kümmern, wieder gesund zu werden. Und dann sind die anderen Veränderungen nicht mehr so präsent.“

Hypochondrie heilen: Verhaltenstherapie und Exposition

Drei Jahre lang lebte Kraemer mit Ängsten und Panikattacken. Als ihm schließlich alle Haare ausfielen, beschloss er, dass sich etwas ändern muss. Doch die Gedanken und Sorgen lassen sich nicht einfach abstellen. Um Hypochondrie loszuwerden, ist eine therapeutische Behandlung nötig.

Eine stationäre Behandlung dauert Dr. Voderholzer zufolge etwa acht bis zehn Wochen. Doch vor allem in leichteren Fällen ist auch eine ambulante Therapie eine Option. Ziel ist, dass Betroffene durch eine kognitive Verhaltenstherapie körperliche Beschwerden nicht mehr fehlinterpretieren und nichts mehr aus Angst vermeiden müssen. Dafür werden gemeinsam die Ursachen für die Hypochondrie erarbeitet und die Betroffenen werden durch Exposition mit ihren Ängsten konfrontiert. Individuell wirken auch andere Ansätze wie Entspannungsübungen und sporttherapeutische Verfahren: „Ein Patient konnte zum Beispiel mit Klettern seine Hypochondrie überwinden“, sagt Voderholzer. Kraemer half es besonders, sich während eines Aufenthalts in einer Reha-Klinik mit seinen Lebenszielen auseinanderzusetzen. Ein Schlüsselelement dabei: Sporttreiben ohne Angst. „Ich habe wieder Vertrauen in die Belastungsfähigkeit meines Körpers gewonnen“, sagt er. Heute unterstützt Kraemer Menschen, die Ähnliches durchmachen. Mit seinem Blog, durch Coaching und sein Buch „Exfreundin Angst“ will er den Menschen helfen, ihre Ängste zu überwinden.

Nicht nur Kraemer half ein Aufenthalt in der psychosomatischen Reha-Klinik. Der HAPUK zufolge führt eine Therapie bei etwa 70 Prozent der Behandelten zu deutlichen Besserungen. Nicht immer sind die Ängste ganz verschwunden, erklärt Voderholzer, die Angstsensitivität bleibe. Aber auch schwer beeinträchtigte Menschen schaffen es, wieder einen normalen Alltag führen zu können, ohne ständig nach Sicherheit suchen zu müssen. Der Arzt möchte daher alle Betroffenen von Hypochondrie dazu ermutigen, sich Hilfe zu suchen – für ein angstfreies Leben.

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