Unterschätztes Risiko: Wissenschaftler warnen vor massiven Vulkanausbrüchen

Kaum etwas fürchten die Menschen so sehr wie Asteroiden. Doch die Gefahr, die von zukünftigen Eruptionen ausgeht, ist größer als die aus dem All, sagen Experten: Vulkane müssten besser erforscht werden.

Von Marina Weishaupt
Veröffentlicht am 24. Aug. 2022, 09:52 MESZ
Nach dem Vulkanausbruch fließt Lava entlang des Vulkan Fagradalsfjall.

Der Ausbruch des Fagradalsfjall im Jahr 2021 mit einer Magnitude von 5,6 wäre dagegen fast ein kleiner Ausbruch. Denn laut Vulkanforschern steht uns eine Vulkaneruption mit einer Stärke von 7 oder mehr in naher Zukunft bevor.

Foto von Toby Elliott / Unsplash

Der Ausbruch des Hunga Tonga-Hunga Haʻapai im Inselstaat Tonga hätte ein Weckruf sein sollen. Die gewaltige Eruption des Unterwasservulkans im Januar 2022 gilt als lautester jemals nachgewiesener Knall. Nie zuvor war eine derart gigantische Explosion von Instrumenten aufgezeichnet worden. Landwirtschaft, Infrastruktur und Fischbestände der Insel wurden auf unbestimmte Zeit beeinträchtigt, Unterseekabel durchtrennt: Tonga war für eine kurze Zeit von der Außenwelt abgeschnitten. Selbst Hunderte Kilometer vom Vulkan entfernt regnete es noch zentimeterdick Asche. 

War die Explosion mit einer Magnitude von 5,8 ein dramatischer Einzelfall? Wohl kaum. Forschende des Centre for the Study of Existential Risk blicken mit Sorge in die Zukunft. Die Menschheit sei „beklagenswert unzureichend“ auf die unbändige Gefahr eines noch stärkeren Vulkanausbruchs vorbereitet. In einem Kommentar, der in der Wissenschaftszeitung Nature veröffentlicht wurde, erklären die Vulkanologin Lana Mani und ihr Co-Autor Mike Cassidy, wie es um die Vulkanforschung steht. 

Besorgniserregende Ergebnisse

Laut den Forschenden sind die Ergebnisse jüngster Bohrkern-Untersuchungen in Bezug auf Vulkanausbrüche besorgniserregend: Im Jahr 2021 untersuchten Forscher Eisbohrkerne von beiden Polen und identifizierten 1.113 Signaturen von Eruptionen im grönländischen Eis und 737 in der Antarktis, die vor 60.000 bis 9.000 Jahren auftraten. Rund 100 dieser Ereignisse brachten damals klimatische Auswirkungen mit sich, die einer Eruption der Stärke Sieben entsprechen. Die Analyse der vergangenen Naturereignisse lasse so auf eine Wahrscheinlichkeit von eins zu sechs für einen Vulkanausbruch mit einer Stärke Sieben oder mehr in diesem Jahrhundert schließen.

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Nach dieser Schlussfolgerung wird die Erde etwa alle 625 Jahre von einer vulkanischen Naturkatastrophe erschüttert, die laut Mani mit einem Einschlag eines Asteroiden mit einem Durchmesser von einem Kilometer vergleichbar ist. Zu Ausbrüchen von sogenannten Supervulkanen komme es etwa alle 14.300 Jahre. „Eruptionen dieser Größe haben in der Vergangenheit abrupte Klimaveränderungen und den Zusammenbruch von Zivilisationen verursacht“, so die Expertin für globale Krisen.

Der letzte vergleichbare Ausbruch mit einer Stärke von Sieben fand 1815 in Indonesien statt. „Geschätzte 100.000 Menschen starben vor Ort. Die globalen Temperaturen sanken im Durchschnitt um ein Grad, was zu Massenerntenausfällen führte, die Hungersnöte, gewalttätige Aufstände und Epidemien in dem sogenannten Jahr ohne Sommer zur Folge hatten“, sagt Cassidy.

Forschung und Investitionen an falscher Stelle

Laut den Forschenden ist es hundertmal wahrscheinlicher, dass es bis zum Ende dieses Jahrhunderts zu extremen Vulkanaktivitäten kommt, als die Kollisionen der Erde mit größeren Asteroiden oder Kometen. Trotzdem scheinen sich sowohl Forschung als auch Investitionen eher gen Himmel zu richten. So wird die NASA bereits im September einen Testdurchlauf für zukünftige Ablenkungsmanöver von Asteroiden starten, die 300 Millionen US-Dollar kosten soll.

Von vergleichbar hohen Investitionen zur Risikominimierung im Falle einer großen Eruption fehlt hingegen jede Spur. „Hunderte Millionen Dollar werden jedes Jahr in Bedrohungen durch Asteroiden gesteckt, aber es gibt einen ernsthaften Mangel an globaler Finanzierung und Koordination für die Vorbereitung auf Risiken durch Vulkane“, sagt Mani. „Das muss sich dringend ändern. Wir unterschätzen das Risiko, das Vulkane für unsere Gesellschaften darstellen, völlig.“ 

Auch unter Wasser mangelt es laut Cassidy an Messungen – insbesondere im risikobehafteten Südostasien. Zudem müsste sich die Vulkanologie für ihre Auswertungen oftmals auf Bilder privater Satellitenunternehmen verlassen. „Vulkanologen fordern seit über zwanzig Jahren einen dedizierten Vulkanüberwachungssatelliten“, sagte Mani. Ein bedauernswerter Zustand – besonders im Hinblick auf die weitreichenden Forschungen, die für Risiken aus dem All betrieben würden.

Überwachung und Geoengineering

Um die Menschheit in Zukunft rechtzeitig vor einschneidenden Ausbrüchen warnen zu können, schlagen Mani und Cassidy eine Kombination aus verschiedenen Maßnahmen vor. Neben einem Überwachungssatelliten und vermehrten Messungen sei beispielsweise eine genaue Lokalisierung der Gefahrenherde angebracht. Denn nur eine Handvoll der 97 großen Ausbrüche innerhalb der letzten 60.000 Jahre könne man örtlich zuzuordnen – von Dutzenden potenziell gefährlichen Vulkane könnten die Menschen also keine Ahnung haben. Auch die Überwachung aktueller Ausbrüche müsse dringend verbessert werden. „Nur bei 27 Prozent der Eruptionen seit 1950 gab es irgendwo in ihrer Nähe ein Seismometer, und wiederum nur ein Drittel dieser Daten wurde in die globale Datenbank für vulkanische Unruhen eingespeist“, so das Experten-Duo. 

Darüber hinaus wären Forschungen im Bereich des Geoengineering sinnvoll. Dabei stünde zunächst das Entgegenwirken von Luftpartikeln, die bei einem massiven Ausbruch freigesetzt werden, im Fokus – also der Umgang mit den Folgen eines Ausbruchs. Gegen vulkanische Winter mit einhergehenden Ernteausfällen könnte dies Abhilfe schaffen. Doch auch das Eingreifen in eine Eruption könnte vielleicht irgendwann möglich sein, meint Mani: „Eine direkte Beeinflussung des vulkanischen Verhaltens mag unvorstellbar erscheinen, aber das war auch die Ablenkung von Asteroiden – bis zur Gründung des NASA Planetary Defense Coordination Office im Jahr 2016.“

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