Wissenschaft

Eine unsterbliche Leiche

Susan Potter vermachte ihren Leichnam der Medizin. Er wurde in Scheiben geschnitten und fotografiert. Nun dient er als digitale Wiedergeburt der Ausbildung von Ärzten.

Von Cathy Newman
Bilder Von Lynn Johnson

Susan Potter kannte alle grausigen Details darüber, was nach ihrem Tod mit ihrem Körper geschehen würde. In ihren letzten 15 Lebensjahren trug sie stets eine Karte bei sich. Darauf stand: „Es ist mein Wunsch, meinen Körper für den Zweck zur Verfügung zu stellen, der dem Visible Human Project entspricht, und zwar, dass Fotos davon im Internet zur medizinischen Ausbildung verwendet werden dürfen. Im Fall meines Ablebens soll Dr. Victor M. Spitzer benachrichtigt werden. Meine sterblichen Überreste müssen innerhalb von vier Stunden nach meinem Tod übergeben werden.“

Potter wusste alles über ihr Leben nach dem Tod. Sie hatte sich den Ablauf von Spitzer, dem Leiter des Zentrums für Humansimulation an der Medizinischen Hochschule Anschutz der University of Colorado, ganz genau erklären lassen.

Als Potter am 16. Februar 2015 um 5.15 Uhr im Alter von 87 Jahren an einer Lungenentzündung stirbt, wird ihr Leichnam aus der Sterbeklinik Denver abgeholt. Dort ist sie eine Woche zuvor eingeliefert worden. Die Leiche wird vermessen, in einen Gefrierschrank gelegt und bei minus 26 Grad tiefgefroren.

Etwa zwei Jahre später machen sich Spitzer und eine Assistentin mit einer Zweimannsäge daran, die gefrorene Leiche in vier Blöcke zu zerteilen – der erste Schritt auf einem Weg, der Jahre dauern wird. Das Ziel: Potters Körper als eine Art virtuelle Figur wiederzuerwecken, die Medizinstudenten erklärt, wie sie zu Lebzeiten funktioniert hat.

Im Jahr 1987 hatte Michael J. Ackerman die Idee, die das Visible Human Project an der Nationalbibliothek für Medizin auf den Weg brachte. Was, wenn man einen virtuellen Leichnam endlos sezieren und dann mit einem Tastendruck zu Lazarus-ähnlicher Unversehrtheit zurückverwandeln könnte? Es war der Beginn des Visible Human Project, das Ackerman bis heute leitet.

Anfang der Neunzigerjahre erhielt ein Team der University of Colorado unter der Leitung von Victor Spitzer und David Whitlock einen staatlichen Zuschuss von 720000 Dollar für das Projekt. Das Team sollte mithilfe des Geldes digitale Bilddaten erstellen, „die einen normalen männlichen und einen normalen weiblichen Menschen zeigen, aus Ganzkörperschnitten von Leichen“. Dafür mussten von einer männlichen und einer weiblichen Leiche millimeterdünne Schichten abgefräst und jeder Querschnitt einzeln fotografiert werden. Die entstandenen Aufnahmen sollten dann zu einem digitalen Kompendium menschlicher Anatomie zusammengesetzt werden.

Die anatomische Bildgebung, insbesondere für die medizinische Ausbildung, ist das Spezialgebiet von Victor Spitzer. Dabei setzt er Magnetresonanz- und Computertomografie (MRT und CT) ein, um einen Körper sozusagen von innen nach außen zu stülpen. Die Geografie des menschlichen Inneren hat den großen, hageren Mann mit dem kantigen Kinn schon immer fasziniert.

Es dauerte zwei Jahre, bis Spitzer einen geeigneten männlichen Körper für das Visible Human Project fand: Joseph Paul Jernigan. Der 39-jährige verurteilte Mörder starb am 5. August 1993 um 00.31 Uhr durch eine Giftspritze. Spitzer flog persönlich zur Leichenüberführung nach Texas.

Der Körper wurde im Labor tiefgefroren, in fast 2000 millimeterdünne Scheiben geschnitten und digitalisiert. Die Bilder befinden sich auf der Website der Nationalbibliothek für Medizin und sind auf schriftliche Anfrage hin zugänglich.

Der weibliche Leichnam des Projekts: eine 59 Jahre alte Frau aus Maryland, die an einer Herzerkrankung starb. Der Körper wurde ein Jahr später von Spitzers Team in mehr als 5000 jeweils 0,33 Millimeter dünne Scheiben geteilt. Bis heute wurden mehr als 4000 Lizenzen für die Nutzung der Visible-Human-Bilddaten vergeben. Die Nutzer verwenden sie etwa für die Konstruktion verbesserter Hüftgelenke oder für das exakte Design virtueller Crashtest-Dummys.

Das staatlich geförderte Visible Human Project endete offiziell mit Jernigan und dessen weiblichem Gegenstück.

Dann aber lernte Spitzer Susan Potter kennen. Sie ruft im Jahr 2000 in Spitzers Büro an. Sein Mitarbeiter Jim Heath geht ans Telefon. „Ich heiße Sue Potter“, sagt sie. „Ich habe in der Zeitung vom Visible Human Project gelesen und möchte meinen Körper zur Verfügung stellen. Ich möchte zerschnitten werden.“

„Ich war völlig überrascht“, erinnert sich Spitzer. „Sie kam einfach im Rollstuhl angefahren, um zu besprechen, wie sie ein Visible Human werden könne.“

Anfangs hält sich das Interesse des Forschers in Grenzen. Sie sei nicht geeignet, sagt er ihr. Beim Visible Human Project wurden gesunde Körper präpariert. Doch Potters Körper ist vom Leben gezeichnet. Er hat im Laufe der Jahrzehnte Krankheiten und Operationen überstanden, darunter eine doppelte Brustamputation, ein Melanom, eine Wirbelsäulen­-OP, Diabetes, eine künstliche Hüfte und Magengeschwüre. „Aber ich merkte, dass ich ihr nicht die Wahrheit sagte“, meint Spitzer. „Ich wusste, dass wir uns irgendwann auch mit dem kranken Körper auseinandersetzen mussten“ – dem Körper, mit dem Ärzte natürlich ebenfalls ständig zu tun haben.

Spitzer denkt über eine erweiterte Version des Visible Human Project nach. Schließlich fragt er Susan Potter, ob sie Interesse daran habe, schon vor ihrem Tod mit ihm und seinen Kollegen zusammenzuarbeiten. „Wollen Sie uns neben Ihrem Körper auch Ihre Persönlichkeit und Ihr Wissen schenken?“

Der Wissenschaftler will Videos mit Potter machen und festhalten, was sie über ihr Leben, ihre Gesundheit und Krankengeschichte zu erzählen hat. Die Video- und Tonaufnahmen sollen dafür sorgen, Potter realistischer erscheinen zu lassen und den Studenten einen emotionalen Aspekt bieten.

Susan Potter stimmt zu, eine unsterbliche Leiche zu werden. Zusammen mit Spitzer nimmt sie an einer Tagung des Visible Human Project teil und trifft sich zu Gesprächen mit Gruppen von Medizinstudenten.

Die Zusammenarbeit zwischen dem Wissenschaftler und seiner Spenderin geht am Freitag, den 7. April 2017, in die letzte Phase. Zwei Jahre nach ihrem Tod steht er also mit mehreren Studenten in dem gekühlten Sezierraum, den Potter 17 Jahre zuvor besucht hatte.

Ihr Torso ist mit blauem Polyvinylakohol überzogen. Spitzer legt ihn auf einen Stahltisch. Ein tellergroßes Karbidsägeblatt beginnt, 63 Mikrometer dünne Gewebeschichten abzutrennen.

Nach jedem Schnitt macht eine Digitalkamera eine Aufnahme der jeweils freiliegenden Schnittfläche. Als würde man mit Sandpapier nach und nach ein Holzstück abschmirgeln und nach jeder Runde die freigelegte Holzschicht fotografieren. Während die Querschnitte des gefrorenen Körpers abgeschliffen und die Oberflächen fotografiert werden, zeigt ein Monitor im Nebenraum bereits die Leber braun und die Nebennieren golden eingefärbt, Fett­ und Muskelgewebe sind marmoriert dargestellt.

Binnen 60 Tagen wird Susan Potter in 27000 Scheiben geschnitten. Danach folgt der noch langwierigere Prozess, auf jeder digitalen Scheibe die Strukturen wie Gewebe, Organe und Blutgefäße zu markieren. Das dauert zwei bis drei Jahre.

Wenn Spitzer heute auf dem Bildschirm die digitalen Aufnahmen betrachtet, sieht er Potters Schmerzen – die beschädigten, verschlungenen Arterien, die Stahlschrauben, mit denen ihre gebrochene Halswirbelsäule stabilisiert wurde, eine merkwürdig verformte Niere und die entzündeten Gelenke.

Das Vorhaben, Potter zum Leben zu erwecken und sie mit ihren Betrachtern in Dialog treten zu lassen, liegt noch in weiter Ferne. „Ich gehe davon aus, dass sie irgendwann wie Siri mit den Menschen sprechen wird“, sagt Spitzer.

Dieser Text wurde gekürzt. Lesen Sie die ganze Reportage in Heft 1/2019 des National Geographic-Magazins! Jetzt ein Abo abschließen!

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