Fotografie

Die Zerbrochenen Staaten von Amerika

Der Fotograf Peter van Agtmael präsentiert ein düsteres und schönes Mosaik eines Landes, das auf der Suche nach sich selbst ist. Donnerstag, 9 November

Von Alexa Keefe
Bilder Von Peter van Agtmael

Am 11. September 2001 war Peter van Agtmael 20 Jahre alt. Wie bei vielen Amerikanern, die zu jener Zeit gerade erwachsen wurden, wurde auch sein Weltbild durch die Attacken erschüttert. Das folgende Jahrzehnt verbrachte er mit Gedanken über Rasse, Nationalität, Geschichte und Klasse. Als Fotograf war er mit US-Truppen auf den Schlachtfeldern im Irak und in Afghanistan. Zurück in den USA begleitete er dann die im Krieg verwundeten Soldaten und ihre Familien.

Aber van Agtmael erkannte, dass er über die abgeschlossene Welt des Militärs hinausblicken musste, wenn er den Veränderungen auf den Grund gehen wollte, die die USA seit 9/11 durchlebt haben.

2009 setzte er seine Suche fort, diesmal innerhalb der 50 Staaten des Landes. Er und ein Freund brachen zur ersten ihrer zahlreichen Autoreisen auf, auf denen sie Menschen begegnen und deren Geschichten erfahren würden. Van Agtmaels Herangehensweise war nur lose definiert. Er wollte sich selbst nicht durch einen zu genau vorgeschriebenen Plan einschränken, sondern offen für Zufälle sein, spontan und ungefiltert. Er hoffte, in diesem Prozess die vielschichten Emotionen, die er empfand, in Bildern ausdrücken zu können. Er war erleichtert, nicht mehr in einem Kriegsgebiet zu sein. Aber die Melancholie, die er am Rande der Gesellschaft sah, bestürzte ihn.

„Was mir wieder und wieder auffiel – und das fand ich am beunruhigendsten –, war, wie abgekoppelt der durchschnittliche US-Bürger von der Welt als Ganzes war. Auch, dass die Ansichten der Leute zu Politik, Stars und Medien sich so radikal von meinen eigenen Erfahrungen unterschieden.“

Einige der Menschen fotografierte er, nachdem er sie kennengelernt hatte. Andere fing er schnell im Vorbeigehen ein, als sie ihm auf der Straße begegneten. Er bezeichnet seine Bilder als „Liebesbriefe an Amerika“. Jedes zeigt eine andere Landschaft voller Ruhe und Gelassenheit oder ein Portrait eines gespaltenen Landes.

Das Ergebnis seiner Reisen ist van Agtmaels neues Buch „Buzzing at the Sill“ (dt. Das Summen an der Schwelle). Man könnte den Grundton des Buches als freudlos empfinden, aber seine Absicht war es, ein Land zu zeigen, das aus ungleichen Teilen besteht. Manche Momente sind banal, andere tröstlich, erheiternd oder verstörend. Aber alle vermitteln einen emotionalen Eindruck. Sie zeigen den Lesern ein Stück von Amerika, das sie noch nie so ganz auf dieselbe Art gesehen haben.

„Das Werk ist ein Mosaik“, sagt er. „Selbst, wenn es melancholisch ist, ist es eine Hommage an Amerika.“

Van Agtmael hat keine eindeutige Antwort auf seine Frage bekommen, was aus Amerika geworden ist. Aber an sich könnte auch das die Antwort sein. Nachdem er seine Reisen beendet hat, ist er nun noch weniger als vorher gewillt, Verallgemeinerungen zu treffen. Es gibt nicht das eine Amerika. Wir werden alle von unseren eigenen widersprüchlichen Bedürfnissen angetrieben, von unseren Wahrnehmungen, Umständen und den Dingen, an die wir glauben.

Mehr von Peter van Agtmaels Arbeit kann man auf seiner Website und auf Instagram ansehen.

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