Die Eleganz der Hühner

Eine Fotografin fängt das auffälligen Aussehen und die frechen Persönlichkeiten von Hühnern ein. Mittwoch, 16. Mai 2018

Von Sarah Stacke
Bilder Von Tamara Staples

Tamara Staples war 23 Jahre alt, als sie zum ersten Mal mit ihrem Onkel Ron eine Geflügelschau besuchte. „Ich war schwer beeindruckt von den unterschiedlichen Persönlichkeiten dieser Vögel“, erinnert sie sich. „Da gibt es welche, die wirklich frech sind, andere sind eher schüchtern.“ Staples war von der ersten Minute an von den Charakteren der Vögel, ihrem farbenprächtigen Gefieder und ihren Körperformen fasziniert.

In den späten Achtzigerjahren begann Stapels, öffentliche Geflügelschauen zu besuchen, um dort Porträts des Federviehs zu fotografieren. Über die Jahre hinweg ging sie zu rund 40 Wettbewerben in mindestens 10 Bundesstaaten. Ihre neueste Serie trägt den Namen „Cocky“ (dt.: frech) und zeigt ovale Bilder der Hühner vor verschiedenfarbigen Hintergründen, die an traditionelle Kamees erinnern. Staples bringt zu jeder Schau Dutzende von Hintergründen mit. Sobald einer zu einem Vogel passt, wird er für diesen reserviert. Die Leute sehen ihre menschlichen Verwandten in den Bildern, sagt Staples.

„Sie bekommen eine echte Verbindung zu den Vögeln“, erklärt sie. „Sie sagen: ‚Das ist meine Mutter‘ oder ‚das ist meine Tante‘ oder ‚das ist mein Onkel‘. Sie kaufen sie als Paare und sagen: ‚Das ist unser Familienstammbaum.‘“

Um Motive für ihre Porträts zu finden, sieht sich Staples auf Ausstellungen nach Rassen um, die sie noch nicht fotografiert hat – Hühnervögel werden wie Hunde in Rassen eingeteilt –, und nach Vögeln mit auffälligem Aussehen. Sie interessiert sich zum Beispiel für entzückend skurriles Gefieder, große Flügelspannweiten oder außergewöhnliche Kämme und Klauen, die durch meisterhafte Züchtung hervorgebracht wurden. Wenn Staples ein Tier gefunden hat, das sie gerne fotografieren will, sucht sie in der Ausstellerliste nach der Telefonnummer des Züchters. Sie ruft ihn an und fragt, ob er seinen Vogel für ein Portät-Shooting in ihr mobiles Studio direkt auf der Schau bringen möchte.

Die Fotos werden immer erst geschossen, nachdem das Huhn die richterliche Beurteilung absolviert hat und der Züchter ist die einzige Person, die das Tier anfasst. „Es wäre ein Desaster, wenn ich ihm eine Feder abbrechen würde oder so etwas“, antwortet sie auf die Frage, warum sie das preisgekrönte Geflügel während des Fotografierens nicht anrührt.

Nachdem das Foto in der „Standardpose“ geschossen wurde, lässt Staples den Vogel laufen, wie er möchte. Die Standardpose wird im The American Standard of Perfection beschrieben, dem amerikanischen Standardwerk für die Geflügelzucht und so etwas wie die Bibel für Hühnerzüchter.

„Manchmal neigen sie den Kopf oder stolzieren herum, manchmal drehen sie mir ihre Kehrseite zu und schauen mich über die Schulter hinweg an. Es ist immer wieder aufregend, weil man nie weiß, was man bekommt“, meint sie.

Einmal weigerte sich ein Hahn bei einem Fotoshooting am Abend aufzustehen. „Sein Kopf sank immer weiter nach unten“, erinnert sich Staples. „Was stimmt denn nicht mit ihm?“, fragte sie den Züchter des Vogels. „Er vermisst seine daheim gebliebene Frau“, antwortete er.

Staples mag die Züchter genauso gerne wie die Vögel. Die meisten von ihnen sind Farmer, es gibt jedoch auch Ärzte, Anwälte und Verleger. Die Geflügelschauen sind „ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen, um Freunde zu treffen, neue Freundschaften zu schließen, sich über die Erfahrungen mit ihren Vögeln auszutauschen und jüngere Züchter zu unterstützen“, erklärt Staples. „Es ist ein echtes Stück amerikanische Lebenskultur.“

Staples Arbeit hat sich auf den Schauen herumgesprochen. Die Züchter „empfinden es als Ehre, dass ich ihre Vögel fotografieren möchte“, sagt sie. „Und natürlich bekommt auch jeder sein Bild in gedruckter Form.“

Staples hat das Gefühl, dass die Fotos die Geflügelzucht als Subkultur bekannter gemacht hat. Sie hofft, dass dies auch zukünftig so sein wird, obwohl immer mehr Farmer ihren Beruf aufgeben müssen und immer mehr Farmland verloren geht. „Einige dieser Hühnerrassen sind Tausende von Jahren alt und wir müssen erhalten, was wir haben“, sagt sie.

Und immer wieder wird sie aufs Neue von den Unterschieden in den Persönlichkeiten der Vögel in den Bann gezogen. „Ich bin jedes Mal wieder von ihrem Stil, ihrer Eleganz und Offenheit überrascht“, meint sie. Auch das ehrliche Staunen der Betrachter angesichts der Schönheit dessen, was man gemeinhin eher als Nahrungsmittel ansieht, verzaubert sie. „Sie sind schockiert, wenn sie erkennen, dass das Haustiere sind, um die man sich genauso kümmert wie um Hunde oder Katzen, sie aber trotzdem gegessen werden“, sagt sie.

„Ich könnte diese Vögel bis in alle Ewigkeit fotografieren. Es gibt einfach nichts, was mir mehr Spaß macht.“

Mehr Arbeiten von Tamara Staples gibt es auf ihrer Webseite.

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